Die Butterblumenkönigin


Irene Kersting


Es war einmal ein kleines Mädchen. Das wohnte in einem alten Bauernhaus. Davor floß ein Brünnlein bei Tag und bei Nacht und formte sich zu einem Bächlein. Dieses Bächlein war ein wunderschöner Spielplatz für das kleine Mädchen. Im Winter war es oft gar nicht zu finden, denn es lag unter einer dicken Eis- und Schneedecke. Doch wenn Schnee und Eis schmolzen und die Erde wieder zum Vorschein kam, da wurde auch das Bächlein wieder lebendig. Das Mädchen hüpfte vor Freude, wenn es die ersten grünen Blättchen entdeckte. Aber seine Freude kannte keine Grenzen, wenn die Sonne die ersten gelben Blüten ans Tageslicht brachte. Die Leute nannten sie Butterblumen, obwohl die Butter, die die Mutter im Butterfaß aus der Sahne zauberte, ihr nicht so gelb vorkam, wie diese wunderbaren gelben Blumen.

Jeden Tag lief das Mädchen zu den Butterblumen und konnte sich nicht satt sehen an den wunderschönen gelben Blüten. Eines Tages, als das Mädchen wieder vor den Blumen stehen blieb und ihre Puppe neben sie setzte, hörte sie eine ganz leise Musik. Sie konnte gar nicht feststellen, woher sie kam. Doch zu ihrem größten Erstaunen gewahrte sie, daß die Blumen mit winzigen Geigen spielten. Die grünen Blätter hielten die Instrumente wie kleine Arme fest. Die größte der Blumen hatte ein kleines Krönchen auf dem Kopf und fing ganz leise zu sprechen an. Das Mädchen konnte alles verstehen. “Weil Du Dich immer so über uns freust, daß wir hier blühen, wollen wir Dir auch eine Freude bereiten und für Dich musizieren. Ich bin die Königin und ich verspreche Dir, daß ich immer bei Dir sein werde, wenn Du traurig bist und wenn Du schwere Zeiten durchlebst. Du brauchst nur an mich und meine Schwestern zu denken. Die gelbe Farbe wird Dich wieder froh und munter machen.”

Als das Mädchen am nächsten Morgen wieder zum Bächlein ging, um die Blumen zu begrüßen, waren sie verblüht. Nur ein winzig kleiner Geigenbogen lag auf einem welken Blatt. Da wußte das Mädchen, daß es nicht geträumt hatte.

Dann folgten schwere Zeiten, das Mädchen mußte den schönen Wiesengrund für immer verlassen und fuhr mit den Eltern und Geschwistern und vielen anderen Menschen in ein fremdes, fernes Land. Die Fahrt war sehr aufregend und anstrengend, ganz anders als es sich eine Reise ausgemalt hatte.

Als sie zur Grenze kamen, blieb der Zug lange Zeit stehen. Alle Leute nahmen nun die gelben Armbinden ab, die sie bisher tragen mußten und hängten sie an die Büsche und Bäume. Das sah sehr lustig aus und das Mädchen sah auf jeder Armbinde eine Butterblume sitzen und ihr zuwinken. Das machte, daß sein Herz froh wurde.

Eine Woche war vergangen, als das zugewiesene Reiseziel erreicht war. Das Mädchen konnte sich nur schwer an die neue Umgebung gewöhnen. Da gab es keinen Bach und keine Butterblumen. Aber die Butterblumenkönigin hielt ihr Versprechen. Als wieder einmal ein kalter Winter kam und das Mädchen kein warmes Kleid zum Anziehen hatte, bekam die Familie ein großes Paket. Darin waren die herrlichsten Sachen und für das Mädchen ein wunderschönes Kleid aus einem butterblumengelben Wollstoff. Die Butterblumenkönigin hielt ihr Versprechen auf verschiedene Weise. Als das Mädchen heranwuchs, lernte es vielerlei gelbe Blumen kennen, die sie glücklich machten. Das Mädchen wurde erwachsen, es heiratete und bekam Kinder. Doch immer wieder spürte sie die Nähe der Butterblumenkönigin. Ihre Kinder wurden erwachsen und bekamen Kinder. So war aus dem Mädchen eine Großmutter geworden, die inzwischen erblindet war. Aber vor ihren Augen war es selten dunkel, auch wenn sie nichts erkennen konnte, sah sie oft Licht und manchesmal sah sie alles goldgelb. Das war für sie der Glanz von Gottes Schöpfung, den sie durch die Butterblumenkönigin immer wieder geschenkt bekam.

(c) Irene Kersting / Fulda


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