Der Rausch


Irene Kersting


Sie hastete zum Kiosk hin
und trug noch die Küchenschürze.
Sie hatte nur den Schnaps im Sinn,
ihres grauen Alltags Würze.

Als sie ihn gierig getrunken,
war sie selig, fühlte sich frei,
und ist bald im Schlaf versunken,
dämmerte am Leben vorbei.

Oft klingelte das Telefon
und drang doch nicht an ihr Ohr,
selbst der Türglocke schriller Ton
riss sie nicht aus dem Schlaf empor.

Sie träumte von alten Zeiten,
als sie sich in die Herzen sang,
vom Glück, einen Chor zu leiten,
von hohem, vollkommenem Klang.

Die Sonne schien ihr ins Gesicht,
so dass sie endlich zu sich kam,
brachte die Verzweiflung ans Licht,
ihre Schmerzen und ihre Scham.

(c) Irene Kersting / Fulda


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