Das Haus


Irene Kersting

(eine Kurzgeschichte)


Die Sonne schien mir mitten ins Gesicht, als ich erwachte. Es mußte schon spät sein. Ach ja, ich war gestern erst um Mitternacht eingeschlafen. Ich sah mich im Zimmer um. WO WAR ICH? Ich war ja gar nicht in unserem Kinderzimmer. Wo war der Kachelofen, wo war Heini, mein Bruder. Plötzlich fiel mir alles wieder ein. Es war schon die zweite Nacht, in der ich hier schlief. Auch die Betten unserer Eltern standen in dem Raum. Wir mußten ganz schnell unser Haus verlassen. Ein Herr war gekommen, im dunklen schönen Anzug, der tschechisch sprach und hatte meine Eltern aufgefordert, in zwei Räume unten im Dorf zu ziehen, da er in diesem Haus hier wohnen wolle. Meine Mutter weinte heftig und ich hatte es ja immer noch nicht begriffen, was eigentlich geschehen war. Da kam meine Mutter herein, sie hatte immer noch verweinte Augen, freute sich aber, daß ich nun wach war und lud mich zum Frühstück ein. Alle Familienmitglieder saßen im Nebenraum an einem großen Tisch und redeten aufgeregt. Im Raum standen Kisten und Kartons, die noch ausgepackt werden sollten. Ich war auch traurig, denn ich liebte unser Haus am Waldrand, wo wir so wunderbar spielen konnten. Unser Vater, der immer sehr besonnen erschien, versuchte, uns zu trösten, aber ich spürte, wie schwer ihm das fiel. Plötzlich klopfte es an die Tür. Wir erschraken, denn jeder Besuch in diesen Zeiten konnte Unheil bedeuten. Mein Atem stockte, es war wieder der Herr im dunklen, feinen Anzug, der tschechisch sprach. Er forderte uns auf, wieder in unser Haus zurückzukehren. Er wolle doch nicht einziehen, da in diesem schönen neuen Haus ja kein fließendes Wasser vorhanden wäre. Unsere Freude war unbeschreiblich. Wir hatten doch vor der Haustür eine Wasserpumpe!

(c) Irene Kersting / Fulda


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