Versprochen


Helmuth Zedlitz


“Also, wenn man immer weiter geradeaus geht, immer immer weiter, wohin kommt man dann?”
Endlich hatte der Junge einmal Gelegenheit, seinen Vater auszufragen. Hier auf ihrer Wanderung gab es keinen Schreibtisch und kein Telefon, und die Mutter war auch nicht mehr da, nach einem Streit war sie weggelaufen vor zwei Tagen erst.
“Immer geradeaus - da kommt man erst über eine Eisenbahnbrücke” -
“Nein, ich meine immer weiter, nicht hier, sondern ganz weit weg” -
“Ja, da kommt dann irgendwann ein Meer und dann wieder Land, ein ziemlich langes Land” -
“Norwegen, ja ich weiß, aber noch weiter, so weit wie es nur geht” -
“Also paß auf: Die Erde ist ja rund, fast wie eine Kugel - hast DU Deinen Ball mit? Nein, der liegt irgendwo in Deinem Zimmer - also ganz geradeaus geht es natürlich nicht auf einer Kugel, das ist Dir doch klar”.
“Man kann aber doch trotzdem” -
“Ja, die Raketen können das, aber wir nicht, wir müssen schön auf der Erde bleiben, ihre Anziehungskraft ist so stark, dass wir gar nicht anders können. Wir merken nicht einmal, dass wir auf einer Kugel sind, das merken wir erst - na, was liegt denn hier für ein Baumstamm mitten im Weg? Das muß der Sturm gewesen sein, schau mal die ausgerissenen Wurzeln”.
Der Anblick war beiden offenbar neu: Kahl, wenn auch zum Teil von Sand und Erde bedeckt, ragten die Wurzeln heraus, die Unterseite des Baums lag halb in der Vertiefung, die sich beim Sturz gebildet hatte. Dem Vater kam er hässlich vor, dieser nackte Abriß, er gehörte einfach nicht hierher, und wer wusste schon, was für Tiere und Tierchen darin herumliefen. Überhaupt die ganze Stelle, kein schöner Anblick, und irgendwie auch gefährlich -
“Komm, laß lieber die Hände davon weg”, sagte er schnell, und der Junge, trotz seiner Neugierde, tat im den Gefallen.
Auf einmal wurde dem Vater der Rucksack mit den Vesperbroten und den Getränkeflaschen zu schwer, und so setzten sie sich auf den gestürzten Stamm, der Sohn bei den abgebrochenen Ästen, der Vater an der hässlichen Bruchstelle. Ihre Blickrichtung war die, der sie hatten folgen wollen.

Während von dem Vater ein Seufzer zu hören war, vielleicht der tiefste seines Lebens überhaupt, kam der Junge von seinen Gedanken nicht weg. “Aber wo kommt man dann an bei einer Kugel”, fragte er mit jener Eindringlichkeit, die ein unendliches Weiterfragen verhieß.
“Na, also darauf kommst Du selber”, war die Antwort, von einem Gähnen begleitet. “Läßt DU mich jetzt ein bisschen in Ruhe, ich bin furchtbar müde. Nachher gehen wir dann weiter, ja?”

Das war wahr und doch auch wieder nicht wahr, denn trotz seiner Müdigkeit hätte der Vater kaum Schlaf finden können, es gab zu vieles, was in ihm arbeitete, und es war auch alles zu neu und zu fremd.

Der Junge war aufgestanden und bewegte sich zunächst langsam den Weg entlang, wie um dem Vater die Sorge zu nehmen, er entferne sich etwa zu weit. Dann aber überkam es ihn: “Ich muß das ausprobieren”, und so lief er immer schneller, dem unbekannten Ziel entgegen.

Die Stille, die den sitzenden Mann nun umgab, brachte eine Stimme hervor, die Stimme einer Frau, nicht zornig, aber voll tiefer Trauer:

“Was weiß ich eigentlich von Dir, aus Deinem Leben, aus Deiner Tiefe? Die Frage nach Deinem Ursprung, nach Deiner Kindheit, danach, wer und wie DU warst, ist für Dich ein überflüssiger Luxus, ja, das hast DU oft gesagt. Du kommst mir manchmal vor wie, wie - ach ich finde keinen Ausdruck dafür. Nur eines weiß ich jetzt” - sie sprach seinen Namen - “ich möchte anders, ich möchte tiefer lieben als Du, ich hätte Dich gern gekannt, über den Alltag hinaus, mehr gehabt von Dir als” - sie brach ab.

Das Unausgesprochene wuchs in ihm zu einem Wort über alle Worte hinaus.
War denn keine Verteidigung möglich? Gab es nicht Dinge, die er vorbringen konnte, hatte er nicht dies und jenes getan, hatte er nicht gearbeitet von früh bis spät, nicht selten über seine Kräfte hinaus? Was hatte ihn daran gehindert, eine Verteidigungsrede zu halten? ER wusste es jetzt: ES war die Trauer seiner Frau. Zorn hätte einen Gegenzorn hervorrufen können, aber die Trauer? Gegen die Trauer war nicht anzugehen oder anzukommen.

Die sonne traf den Sitzenden mit ihrer Mittagskraft. “Wenn doch dieser Baum noch stünde”, dachte er. “ich würde mich gegen ihn lehnen und säße im Schatten” -
Er griff nach dem Rucksack und öffnete ihn. Das erste, was er dort fand, war sein Terminkalender - warum in aller Welt hatte er ihn hierher mitgenommen? Kam er nicht mehr ohne ihn aus, nicht einmal hier auf einer Wanderung, der ersten seit langer Zeit? Er stopfte den Kalender mit hartem Griff tief zwischen die übrigen Gegenstände und hielt dann die Wasserflasche endlich in der Hand. Das Wasser war lauwarm geworden, eine kalte Quelle wäre besser gewesen. Ja, eine kalte, frische Quelle, wie es sie in den Bergen gab, kühl und unsagbar frisch, frisch und voll unbedingten Lebens mit unmittelbar strömender Kraft. aus solch einer Quelle hätte er jetzt trinken mögen. In den Bergen kam sie aus der Tiefe, aber hier? Woher nahmen die Wurzeln ihre Kraft an diesem Baum? Flach mussten sie wohl gewesen sein, jedenfalls nicht tief - ach dieser komische, nein, rätselhafte irgendwie unheimliche Begriff, auch seine Frau hatte ihn ja gebraucht. Zu ihrem Haupt-wort war er geworden, gewachsen in ihr wie nach einem natürlichen Gesetz, groß und nun auch bedrohlich geworden für ihn, der an jenem Wachstum keinen Anteil hatte. War es denn möglich: Genügte denn ein einziges Wort, ein einziger Begriff, um sich für immer voneinander zu trennen?

Da kam ihm jener Streit in den Sinn, jener heftige Streit bei der Planung ihres Hauses. Um einen Keller ging es, darum, ob er gemauert werden sollte oder nicht. “Ich will doch nicht alle Sachen in der Küche haben oder im Bad, und überhaupt, was ist denn ein Haus ohne Keller? Ein halbes Haus ist es, unvollständig” hatte seine Frau, gereizt nach einem langen gehetzten Alltag, Ausgerufen. “Was unvollständig”, hatte er zurückgerufen, “der kostet eine Menge Geld, und es gibt Wandschränke für Deine Sachen. Ich sehe überhaupt nicht ein, warum das unbedingt nötig ist”. Wie hatte der Streit geendet? Er, der Bau-Herr, hatte sich durchgesetzt, er hatte einfach gehandelt und nicht weiter geredet oder gefragt. Schließlich war es modern, ohne Keller zu bauen, und nicht nur wegen der Kosten. Vorräte brauchte man nicht mehr anzulegen, das war lange vorbei, und für den Einkauf gab es ein Auto mit großem Kofferraum. Aber, dachte er jetzt, ein Ende des Streits war das wohl nicht gewesen, nichts weiter vielmehr als eine männlich-herrische Tat, etwa dem Fällen eines Baumes vergleichbar, geopfert dem Interesse eines einzigen Menschen vielleicht -
Von Tiefe hatte seine Frau immer wider gesprochen, so als wäre das ein menschlicher Begriff. Ein Mensch ist klein oder groß, schlank oder breit, das kann man messen. Aber die Tiefe? Unmöglich,einfach nur, man muß es einmal ganz deutlich sagen, das Produkt von Menschen, die die Romantik noch immer nicht hinter sich haben. Leben ist Augenblick, und dazu noch höchste Präsenz, es gibt nur eine Zeit, die Grammatik mit den Vergangenheiten kann abgeschafft werden, sie ist ohnehin überflüssig mit ihren vielen Unregelmäßigkeiten. Starke und schwache Verben, darauf kommt es nicht an, es gibt nur noch starke und schwache Menschen, und wollte man zu den Schwachen nicht zählen, so musste man eben stark und präsent sein, präsent nach dem Lieblingswort seiner gesamten menschlichen Umgebung, immer und ewig präsent. Krankheit ist verpönt, fast schon so etwas wie ein anrüchiges Wort, man hat einfach gesund zu sein, ein Baum legt sich schließlich auch nicht zum Schlafen, er steht da Morgen für Morgen und Tag für Tag. Mein armer Baum, wer hat dich nur zum Stürzen gebracht, du hättest doch gern noch weitere 50 Jahre gestanden. Zwei Hände legten sich um die Rinde, wie ein wärmender Trost sich um eine Seele legen mag, wenn es so einen Trost denn überhaupt noch gibt vor lauter Präsenz, vor lauter frischer,für alles und jedes gewappneter, gutgelaunter, frei scheinender und doch versklavter Präsenz. Man hat sich eben verschrieben, einem Menschen oder einem Ideal, wenn das überhaupt der richtige Begriff dafür ist. Nein, einem Ideal verschreibt man sich nicht, man folgt ihm. Etwas anderes muß es noch geben neben dem Ideal, vielleicht auch gegen das Ideal,eine lockende, zwingende, versklavende Kraft. Und wenn man stürzt, so ist man eben nicht mehr stark genug, um ein Teil jener Kraft zu sein, dann fällt man aus diesem Kraftfeld heraus und bleibt liegen, wo man eben liegt. Der Strom derer, die sich verschrieben haben, wird nicht abreißen, auch das Heer der römischen Sklaven war groß, unendlich groß.

Tiefe: Warum bekam er nur diesen Begriff nicht los? Das Wort hatte sich eingeschrieben in seinen Verstand, immer wieder drang es hindurch, wie etwa eine Meldung auf einem Rechner sich durchdrängt, man mag sie unterdrücken wie man will. Er hört das Wort, auch wenn es schon seit Tagen nicht mehr gesagt wird, es hat sich eingemengt in sein Denken und in sein Fühlen. Tiefer wollte sie ihn lieben, hatte sie gesagt - was war das nur für ein Wort, Liebe und Tiefe, vollkommen neu, nie gehört, fremd auch, aber doch nicht feindlich, anders fremd - als wäre er nie in eine, in diese Tiefe gestiegen - was würde denn dort auf ihn warten? In den Kellern war es dunkel, man ging hinein, um etwas zu holen und bald wider oben zu sein, kühle Getränke gab es dort, aber auch Stille und Gerümpel aus alter Zeit, Vergessenes, unnütz Aufbewahrtes. Das Leben aber, das eigentliche Leben geschah oben im Hellen, dort gab es Ordnung und Sicherheit, Verlässlichkeit auch im Wann und im Wo. Und Liebe: Sie konnte sich doch nur auf Verlässliches, auf Greifbares richten, nicht jedoch auf Dinge im Dunkeln, die sich entzogen. Tiefer lieben: Wo denn, wo lag diese Tiefe? Hat auch ein Mensch, habe auch ich verschiedene Stockwerke, oben und unten? Und, einmal angenommen, wie sähe dann eine Treppe nach unten aus?
Wäre sie steil, gar eine Leiter, gefährlich bei etwa fehlenden Sprossen, oder wäre sie bequem, gar mit einem Teppich versehen? Nein, die Treppen zu den Kellern haben keinen Teppich, sie sind schmal, und man stößt manchmal auf unerwartete Winkel. Waas würde geschehen, wenn man vergessen hat, das Licht einzuschalten? -Er spürte jetzt, wie tief er saß auf seinem Baumstamm, und wenn auch der volle Rucksack neben ihm stand, kam er sich doch so schwer unt träge vor wie seit langem nicht mehr. Die Hetze der letzten Wochen und Monate forderte wohl ihr Recht, und jenes Gespräch mit dem Abschied- - jetzt, ausgesetzt dem Alleinsein, preisgegeben der brennenden Sonne, unbequem bis zum Schmerz in seiner hallbliegenden Stellung, jetzt war es soweit: Ihm kamen die Tränen.

“Wenn wir auf einer Kugel sind, muß ja irgendwann mal eine Kurve kommen”. -

Der Junge, geführt und gezogen von seiner Idee, lief mitten im Wald. Nichts hielt ihn auf, der Weg war breit und bequem. Es ging nach und nach auch ein wenig bergab, kaum anders wahrzunehmen als im zunehmenden Tempo seiner Schritte. Dann auf einmal wurde der Weg eng, man musste sich zwischen den Bäumen und dem Unterholz hindurchdrängen, bis, ja, bis es nicht mehr weiterging. Ein Glück war es nur, dass es noch ein Geländer gab, bevor es dann steil in die Tiefe ging. Der Schrecken war groß, der nahe Abgrund, so nahe, als müsse er hinabstürzen ohne Rettung, nie hatte er dergleichen erlebt. Dann, die Hände noch um das Geländer gekrampft, sah er sich doch um, und er entdeckte den schmalen Pfad nach links. Erst führte er dicht am Abgrund entlang, und es war besser, nicht nach unten zu sehen. Also gut, schnell geradeaus am Geländer entlang. Wie der Pfad verlief, ob er etwa die Richtung wechselte, nahm er nicht war, denn er musste sich nun hindurchkämpfen zwischen Bäumen und Gesträuch, sogar auf Dornen musste er achten. “Jetzt eine Machete”, dachte und wünschte er, aber er musste sich mit Hand und Faust zufriedengeben. Ohne laute Kampfrufe ging es freilich nicht ab, und wären Tiere in seiner Nähe gewesen, sie wären sicherlich davongelaufen oder geflogen. Bevor noch seine Kampfeslust in Müdigkeit umschlagen konnte, hatte er wieder den breiten Weg erreicht, er war sicher, es war sein Weg von vorhin. Bald musste er wieder - ach du liebe Zeit, was würde sein Vater sagen! Wie konnte man ihn ablenken, er war ohnehin so traurig in den letzten Tagen. Eine scharfe Kurve nach links, jetzt hatte er die Idee: Wenn ich einen Geist spiele, bin ich ja nicht ich, sondern der Geist, und wenn ich von hinten komme, muß er bestimmt lachen. Ich muß mir noch einen Reim ausdenken, Geister reden ja immer in Reimen.
Da war endlich der Baumstamm weit vor ihm, und es sah komisch aus, wie der Vater darauf lag, wie geknickt. Eingeschlafen musste er sein, sonst hält man das doch nicht aus, so zu liegen. Aber das war ja genau richtig und gut, so konnte man sich bis ganz dicht an sein Ohr heranschleichen.
Der neugefundene Reim trug ihn leise, wie auf Geistesflügeln, an den Baumstamm heran.

“Huh, ich bin da, der Geist von Papa”, hauchte er in das freiliegende Ohr. Eigentlich hätte er jetzt lachen müssen, endlich lachen nach all dem Unbekannten, und natürlich sein Vater mit ihm, das ging doch nicht anders. Aber es kam nicht dazu, er spürte vielmehr, wie der Körper seines Vaters von einem Zucken durchschüttelt wurde und wie sich ein Stöhnen aus ihm hervorrang, ein ganz schreckliches, niemals gehörtes Stöhnen. Unwillkürlich richtete der Junge sich auf und wich sogar noch zurück. Es war alles so fremd, so furchtbar fremd! Da saß der Vater, den Kopf in den Händen, so sieht doch nur ein Verwundeter aus, wo ist nur die Wunde?

Endlich hörte es auf, dies seltsame und furchtbare Geschehen, und der Vater versuchte, sich aufzurichten. Er griff nach einem Halt, und eigentlich wäre der Junge der einzige Halt gewesen auf diesem öden Platz. So wurde es zu einer langen, unendlichen Mühe, bis der Vater zum Stehen kam, und der Junge erschrak wieder: So sieht nur ein alter Mann aus, ganz alt und schon fast -

“Na, mein Junge”, kam es dann aus dem Mund des Stehenden, und es klang so liebevoll und so hilflos zugleich.
“Komm, wir müssen zurück, es wird Zeit”

Erst als sie dann wirklich einige Schritte gegangen waren, drehte sich der Vater um: “Sag mal, wo warst DU denn die ganze Zeit?”

Der Junge dachte über etwas nach, vielleicht so gründlich wie noch nie. Dann sagte er mit männlicher Stimme:

“Wir machen einen Tausch, Vater”.

“Nanu”, der Vater blieb stehen und sah auf seinen Sohn herab. “Was denn für einen Tausch?”

“Ja: Ich sage Dir, wo ich war, und DU erzählst mir heute Abend von DIR, wie DU als Kind warst”.

Der Vorschlag brauchte eine lange Zeit, um auf den Vater, den Partner des Tausches, zu wirken. Dann streckte der Vater ihm die Hand entgegen: “Versprochen”, sagte er, und noch einmal: “Versprochen”.

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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