Träumen verboten


Helmuth Zedlitz - im Oktober 2010


Karl Valentin, der bayrische Komiker aus den 20er und 30er Jahren, will seinem Bekannten seinen Traum der vergangenen Nacht erzählen. Dabei kommt er auf seine Tochter zu sprechen: Des träumt immer so schwer, des Dirndl. Heut Nacht z.B., da hats geschrien, aus Leibeskräften hats geschrien. Da hab ich nachher zu ihr gsagt: Du bist selber schuld, weilst immer so leichtsinnig bist: Wie oft hab ich dir schon das Träumen verboten.

Gibt es jemanden, der Ihnen das Träumen verbietet? Ich meine jetzt natürlich nicht das Träumen im Schlaf, sondern das andere, das Vordenken und Vorfühlen von etwas, was nicht oder noch nicht da ist, was noch nicht sichtbar oder zu greifen ist. Fangen wir mal bei den Kindern an: Da gibt es solche, die gleich und schnell darauf losgehen, die sich nicht lang besinnen. Da gibt es aber auch andere, die oft einfach dasitzen, vielleicht mit offener Hand, wie um nach etwas zu greifen, die also nichts zu tun scheinen als eben dasitzen. Wie halten wir Erwachsene das aus? Lassen wir es zu, oder “wecken” wir solche Kinder, vielleicht auch dann, wenn es eigentlich gar nicht nötig wäre. “Die Schule wird schon dafür sorgen, dass er wach wird”. Dazu sage ich in aller Deutlichkeit: Wenn es ein Hauptziel einer Schule oder eines Lehrers sein sollte, den Kindern das Phantasieren, also das Träumen in diesem Sinne, abzugewöhnen, so vergeht sich dieser Lehrer an den Kindern.

Aber es soll ja hier von uns selber die Rede sein: Wie oft hab ich Dir schon das Träumen verboten! Es gibt eine ganze Menge, was uns das Träumen verbietet: Im Straßenverkehr sollte man es lieber nicht tun, bei der Arbeit ist es sowieso nicht gestattet, als Arbeitsloser hat man ganz anderes zu tun, das Fernsehen spielt uns Mord und Totschlag vor. Aber es gibt noch mehr: Vom Morgen bis zum Abend greifen wir zu, dazu sind unsere Hände ja da, wir greifen nach dem Wecker, nach dem Frühstück, ans Lenkrad, an den Schlüssel, auf die Tastatur und auf wie viel mehr. Daß unsere Hände noch zu etwas ganz anderem da sind, wissen wir es noch? Daß unsere Hände manchmal einfach nur offen sein und offen bleiben, damit etwas hineingelangen kann, das nicht im Kaufregal, nicht an der Zapfsäule, nicht auf der Tastatur liegt, etwas Unsichtbares, etwas für unseren Geist und, wichtiger noch, für unsere Seele. Wir sind so sehr konkrete Menschen geworden, realistische, industriegewohnte Menschen geworden, dass alles Unsichtbare in den Verdacht gerät, ganz einfach nicht da zu sein, einfach nicht zu existieren. Und wir wissen vielleicht nicht einmal, was das für eine Verarmung unseres Lebens bedeutet. Die Realität hat uns, wir sind ihre Gefangenen geworden, und wie schlecht die Welt eigentlich ist, das wird uns täglich vor Augen geführt. Die Argumente dafür sind unzählbar, und je schlechter diese Welt gesagt wird, um so schlechter wird sie noch. Um es einmal auf den Punkt zu bringen: Wir pflegen, wir kultivieren unsere eigene Hoffnungslosigkeit. Das ist etwa so, wie wenn ein Mensch beeits mit 18 Jahren anfängt, an seinem eigenen Grab zu schaufeln. Denn Hoffnungslosigkeit ist ein Grab, ein tiefes Grab dazu, eines also, aus dem schwer herauszukommen ist, je länger wir selber oder andere daran gegraben haben.

Wir müssen den Widerstand lernen, es geht um unser Leben. Diesmal geht es nicht um eine Staatsgewalt, um eine politische Diktatur, sondern um eine heimliche und daher unheimliche Diktatur, und die Revolution, von der in diesem Monat ja wieder die Rede war, ist ein Akt in uns selbst, eine Tat an uns selber, eine Tat an unserem Leben. Verharmlost wird hier nichts, weder die Korruption, noch das selbstgemachte Grauen, nichts wird verharmlost. Aber: Wer sich dieser Realität gefangen gibt, der stirbt früh. Und wenn es nicht ein sichtbarer Tod ist, den er erleidet, ein Tod mit Beerdigung und Grab, so ist es doch ein Tod des Geistes und der Seele.

Wie oft hab ich MIR schon das Träumen verboten! Wie man das macht? Z.B. so: Man nimmt an einer Aktion teil, vielleicht an einer Demonstration, und wenn es sich herausstellt, dass sie “nichts bringt”, dass sich also als unmittelbare Folge unserer Aktion nichts ändert, dann lässt man es bleiben: Die tun ja doch, was sie wollen. Schnell muß alles geschehen, so schnell wie der Griff ins Regal. Der Traum in der Nacht dauert ja auch, wie uns die Fachleute sagen, nur Sekunden, warum also nicht auch das andere Träumen und seine Ziele? Ja, es gibt einen großen Unterschied zwischen den beiden Arten zu träumen: Das eine fliegt, mit dem Tempo unseres Unterbewusstseins, vorbei, das andere fordert oft etwas von uns, was wir verlernt haben und auch verlernen sollen: Das Warten. Warten ist zu einem negativen Begriff geworden, es ist nur noch da, um möglichst schnell nicht mehr erlebt und erlitten werden zu müssen.

Wie oft erlauben wir uns das Träumen? Wie oft lassen wir die leisen Töne zu und die Stille? Sind unsere Hände offen, damit etwas hineingelangen kann, etwas, das wir selber fühlen oder was ein anderer uns sagt?

Wenn keiner mehr von einem Demokratischen Sozialismus träumt, dann kommt er nicht.
Wenn wir erklären: Ich bin nicht gläubig, tun wir so, als wäre der Glaube eine Eigenschaft, die der eine hat und der andere eben nicht. Nein, der Glaube ist eine Haltung, die Haltung des geduldigen, aktiven Hoffens, oft genug gegen allen Augenschein.
Wenn keiner mehr hofft, dass Gewalt und Habgier da und dort auch einmal überwunden werden können, dann verewigen wir ihre Geltung selber mit. Wenn wir, trotz mancher Erfahrungen, nicht damit aufhören, anderen Menschen zu trauen und zu vertrauen, dann wird das Grab wieder kleiner oder es schließt sich vielleicht sogar.

Natürlich kann es sein, dass manche Ziele von uns nicht erlebt werden, sondern erst von unseren Kindern und Enkeln. Traumträger zu sein, das halte ich für ein sehr schönes, wichtiges Ehrenamt. Als Traumträger Grüße ich Sie und danke Ihnen fürs Zuhören.

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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