Nobilissima visione


Helmuth Zedlitz


Agora: Wie klingt dieses Wort in Euren Ohren? Lädt es Euch ein zu einem Besuch jenes Ortes, der einmal so hieß und mit Marktplatz doch nur schwer zu übersetzen ist? Denn mit Markt im heutigen Sinn, oder gar mit Vermarktung, hat er nichts im Sinn, dieser Ort. Anderes gilt dort, auf meiner, auf unserer Agora.

Ob heute wohl der Besondere Tag für mich kommt? Er kommt ja für jeden einmal, der hier, an diesem Ort, aufgenommen worden ist. So viel weiß ich schon, seitdem ich hier lebe, und ich weiß auch, wie einer, der diesen Tag selber erlebt hat, am Morgen danach aussieht und redet.

Ja, wir treffen uns jeden Morgen auf der Agora. Die Straßen und Gassen führen von unseren Häusern dorthin. Alle strömen wir dort zusammen, und es wird hier alles besprochen, was wichtig ist. Wie soll etwa ein neues Gemeindeglied, Frau oder Mann, willkommengeheißen werden, welches Haus ihm zugewiesen werden? Wer wird den Neuankömmling in der ersten Zeit begleiten? Welche Fragen gibt es sonst, die uns alle angehen und daher hier besprochen werden müssen?

Die Nachbarn in unseren Reihen wechseln fast täglich, und es kann geschehen, daß wir jemanden neben uns haben, den wir noch nie vorher gesehen haben.

Vielleicht hätte ich gleich zu Anfang etwas mehr sagen sollen zu denen, die hier aufgenommen werden und leben. Ich hole es jetzt nach und beginne damit, dass jeder Neuankömmling einen Begleiter erhält, einen also, der ihm zur Seite steht für kürzere oder längere Zeit. Damit ist nicht etwa ein Begleiter für die Wege gemeint, sondern für etwas ganz anderes. Ich will es an Einigen Beispielen schildern:

So sehe ich etwa einen Mann vor mir, der beinahe sein ganzes Leben lang mit seineM Nachbarn gestritten, ja, gegen IHN gekämpft hat. Wenn er auch einer Arbeit nachgegangen war, so wurde doch jener Kampf mehr und mehr zu seinem Lebensinhalt. Was mag es für ihn bedeutet haben, an einen Ort versetzt zu werden, an dem jeglicher Grund zu solchem Streit fehlt! Sein Lebensgrund geriet damit ins Wanken, er fiel in eine große Verwirrung und brauchte lange, bis seine Verwandlung die tiefsten Schichten seines Wesens erreicht und durchdrungen hatte. Da war wohl ein Begleiter vonnöten, einer, der, in der neuen Welt schon eher zu Hause, all jene Erschütterungen zu teilen bereit war, die mit einer solchen Verwandlung einhergehen.

Auch steht mir eine Frau vor Augen, die sich seit Kindertagen zu kurz gekommen gefühlt hat. Sie konnte nicht glücklich werden, obgleich dafür viele Voraussetzungen vorhanden gewesen wären. Sie wusste tief in ihrem Innern, alles war nicht genug, konnte nicht gEnug sein, eben weil ihr immer etwas vorenthalten wurde, auch dann, wenn es eigentlich gar nichts gab, was ihr fehlte. Ihr Leben, bevor sie kam, war eine einzige Anklage gewesen, und diese Anklage war das hauptsächliche Wort ihres Lebens gewesen. Dies Haupt-Wort nun nicht mehr sagen zu müssen, andere Worte für ihre Umgebung zu finden, ihr Leben als Geschenk annehmen und als Aufgabe sehen und bestehen zu können und dann gar noch dieses Lebens froh zu werden: Welche Strecke war zurückzulegen bis dahin!

Von einem anderen Mann will ich noch reden: Er konnte es nicht ertragen, dass etwas gut war, er musste so lange daran herumfragen, bis ENDLICH etwas zum Vorschein kam, was eben doch nicht gut war. Unmöglich war es ihm, der Kraft des Guten zu trauen, wenn es denn das Gute überhaupt gab, wenn nicht alles, ja alles durchsäuert oder durchseucht war von jenem andern, das er als Herrscher der Welt ansah und andere ansehen lehrte. Alles geriet ihm zur Frage, und alles, was nach einer Antwort nur aussehen mochte, ließ er nicht gelTen. Gab es denn überhaupt Vertrauen und Liebe, waren sie nicht nur Worte, die, einmal gedacht oder ausgesprochen, von der Wirklichkeit, von den Taten sogleich widerlegt wurden? Und nun war auch er, dieser Mensch, an den Ort alles Guten versetzt, an den Ort, da jede wichtige Frage ihre Antwort erhielt so oder so. Leicht wurde ihm diese Verwandlung nicht, hatte er doch so viel Grund für seine Zweifel gehabt und erlebt.

Aus dem, was hier mit dürren Worten geschildert oder doch eher nur angedeutet wurde, geht eines wohl klar hervor: Leicht kann die Aufgabe nicht sein, Begleiter zu sein. Leicht kann es nicht sein, bei jenen Menschen zu bleiben im weitesten Sinn, alle Erschütterungen jener Verwandlung mit zu erleben.

Ich weiß, daß manche von uns dazu ausersehen werden, Begleiter zu sein. Könnte heute nicht auch mir das bevorstehen? Könnte es nicht sein, daß ich aufgrund meiner Gaben, die ich nun einmal hierher mitgebracht habe, in den Kreis der Begleiter eintreten kann? Aber freilich: Ich habe auch anderes mitgebracht, vielleicht auch mitgeschleppt, vor allem - aber davon will ich nicht reden. Es scheint nämlich so, als sei an diesem Ort alles das wie aufgehoben, was vorher so schwer war.

Jetzt möchte ich aber von den Abenden erzählen: ES gibt vor der Stadt eine weite Wiesenfläche, auf ihr stehen und wachsen da und dort Bäumchen, die zur Bildung eines kleinen Kreises einladen. Aber wenn Ihr jetzt denkt, dass es uns, die wir dort sitzen, dann doch nur noch um unseren eigenen Kreis geht, so irrt Ihr Euch. Es gibt immer, an jedem Abend, etwas, das uns alle angeht, vor allem natürlich das Singen, aber auch das Vorlesen oder Erzählen. ES ist gar nicht so leicht, mit Worten zu beschreiben, was da unter uns vorgeht, ich will es trotzdem versuchen: Es gibt nicht das Gegeneinander von Stämmen, es gibt aber das Miteinander von Menschen, und auch die Glieder der kleinsten, ja intimsten Gruppe wissen sich doch dem Ganzen zugehörig. So sind denn die Ohren weit geöffnet und natürlich die Augen auch, für die heitere Erhabenheit der Landschaft nämlich, deren Teil wir in diesen Stunden sind. Ja, wir sind deren Teil, und nicht selten geschieht es, dass jemand auf einmal anfängt, mit einem Bäumchen zu reden, ähnlich etwa einem Besucher, der nach Jahren ein Kind wieder sieht: Was bist DU groß geworden! Das löst natürlich wieder ein herzliches Lachen aus, denn am Vorabend war dasselbe vom selben auch schon gesagt worden und wird auch morgen wieder gesagt werden. Warum, fragt Ihr vielleicht, ja, ich glaube, es liegt daran, dass wir alle eine Freude am Wachsen erleben, eine Freude daran, wie etwas sich entfaltet und weit wird, weit wird im Herzen eines Menschen oder in den Zweigen eines jener Bäume. Es ist dies, ihr könnt es mir ruhig glauben, eine Ursprungsfreude, ähnlich wohl jener Freude, aus der unser Schöpfer die Wesen und Dinge schuf und immer noch schafft.

Es gibt noch etwas, das in jeder Gruppe gleich ist. Ich gerate ein wenig ins Stocken, wenn ich es beschreiben soll: Es dringt Licht und Wärme aus der Erde. Es ist, als habe es einst ein unermessliches Lagerfeuer gegeben, das, aus welchen Gründen auch immer, niemals völlig gelöscht worden ist. Warum niemand es wagt, dies Geschehen einmal näher zu erforschen, warum alle es hinnehmen wie Sonne und Mond, das kann ich nicht sagen. Überhaupt gibt es hier bei aller Freiheit des Redens, bei aller echter Offenheit für die Worte des jeweiligen Gegenübers, doch auch Dinge, die jenseits aller Worte gelten und ihre Wirkung entfalten, so will es mir wenigstens scheinen. Ich lerne es nach und nach, dass auch das Reden seine Zeit hat, dass es auch in dieser Redens-Zeit Unterbrechungen gibt, Augenblicke, in Denen nichts und doch alles geschieht.

Heute sitzt mir ein MAnn gegenüber, den ich noch nie gesehen habe. Er scheint nicht aufgelegt, belanglose Dinge zu sagen oder zu fragen. Die Art, wie er mir zuhört, bewirkt eine ruhige Wachheit in mir. ALs es mit unserem Gespräch zuende geht, breitet sich auf unseren Gesichtern ein Lächeln aus, und da sagt er zu mir:

“und jetzt, mein Lieber, laß mich hören, was du nicht gesagt hast”.

Er steht auf und winkt mir zu, ihm zu folgen. Ich weiß nicht warum, aber ich gehe mit ihm, bis wir den Rand der Wiese erreicht haben. Es wird sehr still um uns, und mein schritt verzögert sich mehr und mehr. Als er nicht aufhört zu gehen, überfällt mich ANgst, eine niegekannte Angst. Ich spüre, daß mein Blut aus meinem Gesicht weicht.

Da endlich bleibt er stehen, und wir sehen uns an.

Auf dem Schlüssel, den er mir entgegenhält, steht mein Name geschrieben, ich sehe es deutlich, obgleich die Sonne längst untergegangen ist. AUch hier dringt das Licht aus der Erde hervor.

“Nimm ihn nur”, sagt er freundlich, “öffne mir Dein Herz”.

Ich nehme den Schlüssel, aber es erfordert unendliche Kraft, ihn zu halten.

“Sag mir: Was ist es? Warum wolltest Du dort nicht mehr sein, sondern nur noch hier?”

Der Schlüssel fällt mir aus der Hand, und ich stütze meinen sinkenden Kopf in beide Hände.

“Was war denn mein Leben”, sage ich mit GEBROCHENER Stimme. Kein TAg wie der andere, keine Stetigkeit im FÜhlen und enken, mal dies mal das gedacht oder getan, Schönstes und Schrecklichstes gefühlt, oft so heftig gefühlt, daß ich davor war zu zerreißen. Was sollte ich mir erhoffen? Ich wußte nur eines:

“Wie wohl wird mir geschehen, wenn ich den Port der Ruhe werde sehen!

Ich wende mich ab, denn das, was jetzt aus mir hervorbricht, soll er nicht sehen, keiner soll es sehen! Mit meiner Fassung ist es vorbei, ich weiß nicht, warum ich überhaupt noch auf meinen Füßen stehe.

“den Port deR Ruhe”, sagt er nahe an meinem Ohr, und nun schreie ich:

“ja, Ruhe vor mir selber, vor meinen Rissen, vor meinen Ungereimtheiten, vor meiner Unverläßlichkeit in vielem, in so vielem”!

Jetzt liege ich auf der blanken Erde.

Ob es Stunden sind oder Sekunden, seit ich hier liege, ich weiß es nicht. Etwas beginnt mich in meiner Ruhe zu stören. Erst tue ich so, als nähme ich es nicht wahr, dann aber muß ich es beachten: Das Licht unmittelbar neben mir.

Mein BEgleiter gräbt mit meinem Schlüssel vor mir in die Erde, und das Licht wird heller, zu hell nach wenigen Augenblicken schon. Ich muß aufstehen und meine Augen bedecken. Das Licht aus der Erde dringt dennoch in mich hinein, es ist zu stark, ich mag mich wenden wohin ich will, überall ist das Licht. Eine tiefe VErwirrung ergreift mich wie im äußersten Dunkel, ich strecke meine Hand nach dem Fremden aus, aber ich finde ihn nicht.

Eine Wachheit hat von mir Besitz ergriffen, wie ich sie niemals erlebt habe. Sie durchdringt meinen Körper und meinen Geist mit unwiderstehlicher Kraft, und ich muß knien auf dem harten Boden.

“Mein Herr ist der Geist, der mich zum Leben erweckt und am Leben erhält”, so dringt es aus mir hervor, mir selber noch unbekannt und doch von mir selbst, zu Wort gewordenes Selbst, keines anderen Wortes mehr fähig.

Ob es Sekunden sind oder Stunden, endlich stehe ich auf und suche den anderen, der mich hierhergeführt hat an diesen Ur-Ort, aber ich weiß doch, daß er nicht zu finden ist: Immer ist er verschwunden, wenn sein WErk getan war, nie blieb er, wenn Menschen ihn für immer haben wollten nach ihrem Willen und Wunsch.

Am folgenden Morgen kommt mir mein angestammter Platz auf einmal so fremd vor. Warum soll ich denn warten, wer sich heute neben mich setzt? Ich gehe durch die Reihen und sehe in die Gesichter ringsum: Wo ist denn ein Neuaufgenommener, der noch allein sitzt? Sie sind doch gut zu erkennen, die Mienen ohne Ausdruck, der scharfe Blick ohne Güte, das irrend ziellose AUge, das mutlos gesenkte Angesicht, der ungeliebte Mensch, der zufällig irgendwo sitzt, er, der das Fragen verlernt hat, weil ihm ja doch keiner zuhört. An wen will ich mein Wort richten, mein neues wort aus jenem neuen Geist?

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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