Neue Gäste am Stammtisch


Helmuth Zedlitz - im Juli 2007


Im Zentrum einer süddeutschen Stadt liegt das Lokal “zur Guten Idee”. Durch mehrere Eingänge gelangt man in eine Vielzahl von Räumen, deren Türen mit Zeichnungen oder kleinen Skulpturen gekennzeichnet sind. So stecken am Eingang zu einem kleinen, intim eingerichteten Raum zwei Frauen ihre Köpfe zusammen, während über einer anderen Tür ein stehender Redner gemalt ist, der etwa eine Vereinssitzung leitet. Halbgefüllte oder leere Gläser stehen vor den Vereinsmitgliedern, manche Plllllätze sind noch oder schon wieder leer. Im Kleinformat geschnitzt, hängt vor einem anderen Raum ein rundes Tischchen, das gleichsam aus einem Stamm herauswächst. Dieser Raum, den Stammtisch enthaltend, ist heute zunächst unbesetzt und scheint es auch zu bleiben, bis endlich drei Besucher auf der Suche nach Plätzen den Raum doch noch betreten. Einer von ihnen, Alois mit Namen, steuert wie zielsicher auf den Tisch zu und freut sich, einen solchen Tisch gefunden zu haben. Die Tischplatte weist deutlich Spuren einer Baumscheibe auf, etwa ein durchgehendes Astloch an einem Platz. Woran fühlt sich Alois nur erinnert bei der Form dieses Lochs? Ja, es sieht einem Ohr, einem Gehörgang sehr ähnlich, und er lächelt, ohne dass er sagen könnte warum. Dorthin steuert Alois und setzt sich zufrieden. Er wird den ganzen Abend darauf achten, dass das Astloch nicht zugedeckt wird, etwa durch einen Bierdeckel oder einen Teller.

Die beiden anderen Besucher, von Alois erwartet, kommen nach kurzer Zeit und begrüßen ihn herzlich. Die drei haben sich bei einem bundesweiten Sängerfest kennengelernt und mögen einander. Es ist heute, nach zwei missglückten Versuchen, das erste Treffen nach dem Sängerfest. Alois, zwar nicht ortsansässig, aber doch der am nächsten Wohnende, hat es organisiert. Lisbeth, Alois’ Frau, hat sich nach beinahe wortloser Trennung von ihrem Mann mit ihrer Freundin in jenen kleinen Raum zurückgezogen, der schon am Eingang zu solchen Frauentreffs einlädt. Die Tür wird immer wieder sorgsam geschlossen, wenn eine Kellnerin darauf nicht achtet.

Der Name des Lokals, “Zur Guten Idee”, ergibt Gesprächsstoff und Lob genug, während die drei Männer ihre Plätze besetzen und sich “häuslich” einrichten. Dabei fällt auf, dass Alois und Wolfgang näher bei einander sitzen, während Klaus, den beiden gegenüber, einen größeren Abstand hält. Die Getränke, vor Wolfgang ein Viertel Rotwein, vor Alois und Klaus ein Pils, sind bereits halb genossen und für gut befunden.

Das Thema “Gute Idee” kehrt immer wieder zurück. Den Anlaß dazu bietet vor allem Wolfgang, der bis vor einem Jahr Lehrer des Griechischen an einem ehrwürdigen Gymnasium war. Die Alten Sprachen sind nun einmal seine Leidenschaft, aber nicht nur die Sprachen selbst, sondern auch die griechische Philosophie der klassischen Zeit in athen.

“Also wie war det nu mit dem Sokrates, erzähl mal”, sagt Klaus und setzt sich in warteposition.

“Hano, der het halt gfragt und gfragt und gfragt”, erwidert Wolfgang, wobei sein Interesse am Wein zunächst noch überwiegt.

“auweh”, bemerkt Alois und trinkt einen Schluck.
“Nun laß doch mal”, ruft Klaus und wartet auf die Fortsetzung. Endlich kommt sie, wobei Wolfgang sich nun aufrichtet und seine Trägheit überwindet.

“Also, der Sokrates het Freunde ghet, zum Teil aus der politischen Führung in athen, un mit dene het er verhandelt, beim Trinke natürlich, über alle mögliche Angelegeheite” -

“Wat denn für angelegenheiten”?

“Hano, über die Idee zum Beispiel, die wo damals so wichtig waret. Mer het sich die Welt in zwoi Teile vorgstellt, obe waret die Idee un unde die materielle Welt, un der Mensch hot sähe müsse, wie er aus de materielle Welt nach obe kommt, zu de Idee natürlich, weil nur do des gute Lebe isch, des reine Lebe sozusage, so ähnlich wie bei de Götter ebe”.

Alois sieht ihn lange an, sagt aber nichts.

“ideen, Ideen”, bemerkt Klaus skeptisch,
“und wat hat det allet mit der Wirklichkeit zu tun? Moment mal, hat der nich ne Frau gehabt”?

“Freilich, des war die Xantippe, die war sei Frau.”

“Na und, wat war mit ihr? Hat er die ooch jefragt wie seine - seine Freunde”?

“Also i glaub net, die war halt e Frau, i moin, damals waret die net gleich wie heut, die waret halt dienstbar, so hoißts mal bei dem Platon, der des alles aufgschriebe hot.”

“Auweh”, ruft Alois, “dees wenn mei Frau jetz” - er stockt und sieht vor sich hin.

“Dienstbar, also nischt mit edler Philosophie und tollen Ideen”.

“Also”, jetzt regt sich doch die alte Leidenschaft wieder, “so würd i des jetz net sage. Des war halt noch die Zeit, da het koiner so denkt wie heut, des war oifach no net meglich damals”.

Der skeptische Ausdruck auf Klaus’ Gesicht verliert sich nur mühsam.
“Ideen”, sagt er halblaut, “Ideen wovon denn? Det kann doch alles Mögliche sein”.

“Alles Mögliche net, des wär jetz verkehrt. Nur gute Sache, nix Schlechts! Das Wahre, das Gute, das schöne, des sind die drei, auf die kommet die Leut immer wieder zurück.”

“Des Schöne, des Wahre und des Guede”, spricht Alois vor sich hin oder vielleicht auch in jene Vertiefung im Tisch, die er so liebt.

“Weißte, wie mir det vorkommt? Wie’n Wort für den Himmel, aber nich für die Erde”, erklärt Klaus und scheint damit fertig zu sein.

“Du moinsch also, die Philosophe hent umsonscht gschwätzt, weil sich bei uns nix ändert? No frag ich Dich: Hätte se’s bleibe lasse solle? Moinsch, ‚s wär no andersch und besser worre mit uns?”

“Es wird nischt besser mit uns, da kannste reden wie de willst, es nützt nischt! Wir sind wie wir sind”.

“Woisch was? I glaub als, Du willsch, dass sich nix ändert, Du willsch, dass alles so bleibt, damit Du weiter schimpfe und meckere kaasch und Recht habe noch dazu”, Mit Wolfgangs Geduld ist es fürs erste vorbei, und auch aLois scheint ähnlich zu empfinden.

Klaus, an scharfen Widerspruch nicht gewöhnt, trinkt mehrere Schlucke und sagt nur noch: “Macht Ihr man weiter mit Euren Ideen”.

Nun sehen sie alle vor sich hin. Wie soll der Abend enden?

“Also nu mal wat anderet”, nimmt Klaus wieder das wort, “bei Euch zu Hause, wer fracht da wen, und wer wird nich jefracht?”

Während er redet, hebt er seinen ringlosen Finger und legitimiert sich als zur Befragung berechtigten Außenseiter.

Alois wendet ihm unvermittelt sein Gesicht zu, als habe er nicht gehört. Dann trinkt er noch einen Schluck und scheint aufbrechen zu wollen.

Wolfgang sieht vor sich hin und sagt:
“Also des - des isch jetz so ‚e Sach”.

Klaus starrt ihn an, dann bricht es aus ihm hervor: “Mann, Mann, war det ne Antwort! Und so weise, so weise”!

Offenbar fühlt sich Wolfgang geschmeichelt.
“Hano, Mir Schwabe, Du woisch doch, de Schiller und so”.

Jetzt mischt sich auch Alois ein:
“Was ‚i sang wollt - der Goede, der Goede, der hot unsern Künig auf Neuschwanstein bsucht, jawoll”.

Die Pause nach dieser Erklärung scheint kein Ende zu nehmen.

“Also des ka net soi, des isch omeglich”, sagt Wolfgang mit neuer Streitlust. “Der Goede isch 1832 g’schtorbe, do hot der Ludwig no gar net g’lebt”.

“Nee, alois, da musste Dich irren”, erklärt auch Klaus, froh, wieder reden zu können.

Alois hebt sein Glas und setzt es hart auf den Tisch. ER sieht, dass er keinen Verbündeten findet, und steht auf. Mit wenigen Schritten ist er beim Ausgang.

Wie Wolfgang und Klaus nun weiterreden oder schweigen mögen, wir lassen es auf sich beruhen und folgen ihm, dem einen, mit unserer Aufmerksamkeit.

Seine Schritte sind zunächst die eines Gejagten. und so findet er sich bald vor jener Tür mit den beiden einander zugeneigten Frauenköpfen. ER stutzt, wendet sich noch einmal zurück und nimmt eine Jacke von der Garderobe. ES ist die Jacke seiner Frau, er nimmt sie über den Arm und kehrt zu jener Tür zurück. Nach kurzem Zögern drückt er die Klinke und schiebt leise die Tür auf. Lisbeth sieht auf, und ihr Gesicht nimmt einen befremdeten, wenn nicht gar feindseligen Ausdruck an. Daß Alois kein einziges Wort sagt, erhöht noch ihre Reizbarkeit. Ihre Freundin nimmt schon ihre Handtasche auf und öffnet sie, wie um die Rechnung schneller zahlen zu können. Da legt Lisbeth ihre Hand auf die Tasche und schließt sie wieder: Warte nur hier, ich komme bald zurück.

Nun steht sie auf und geht hinter Alois her zum Ausgang ins Freie. Auch jetzt gibt es noch kein Wort zwischen ihnen. Wie soll er das Schweigen unterbrechen oder gar überwinden, das sich seit Wochen aufgetan und gesteigert hat, jenes Schweigen, hervorgerufen durch alte, erstarrte Gewohnheiten, die es einer Frau unmöglich machen, ein eigenständiges, nicht durch streng eingehaltene Tages- und Mahlzeiten geregeltes Leben zu führen. Aber da ist jene Frage, die er mitgebracht hat: Könnte sie zu einer Brücke werden?

“Du, Lisbeth” - sie hört ihren Namen wohl nur selten von ihm -“Du hast doch neulich ein Buch glesn über unsern Ludwig”.

Sie nickt nur.

“Den hot doch der Goede bsucht auf Neuschwanstein, kannst Di noch erinnern”?
So verschlossen sie auch geworden ist ihm gegenüber, sie muss sich doch wundern. Seine Stimme zeigt nichts von der üblichen Rechthaberei, ja es scheint, als stünde er vor ihr wie eine leibhaftig gewordene Frage. Was ist nur mit ihm geschehen?

“Naa”, sagt sie, wobei ihre Stimme mehr Wärme gibt, als sie selber es will.
“Des war doch der Wagner, der die Opern gschriebn hat, Meistersinger von Nürnberg (es war ihre Heimat), Tannhäuser und Lohengrin”.

“Ah so”, seine Stimme klingt hohl und kraftlos, und sein Arm, über dem die Jacke liegt, senkt sich. Im letzten Augenblick spürt er es, nimmt die Jacke in die andere Hand und hält sie vor sich hin. Jetzt erst wird ihm klar, warum er sie mitgenommen hat. ER geht auf seine Frau zu und legt ihr die Jacke um die Schultern. Dabei spürt er deutlich, wie starr ihr Körper diese Berührung empfängt, wenn es denn überhaupt ein Empfangen ist und nicht bloß ein Dulden.

“Ich dank Dir, dass mit nauskommen bist”, sagt er.

“Ich dank Dir auch”, hört er sie sagen, fast tonlos.

“Du mir, für was denn”?

Sie wendet sich ganz zu ihm um:

“wenn mer gfragt wird, wird mer ernst genommen, und des - des is ein sehr schönes Gefühl”.

Wie soll er sie trösten, seine Frau, die nun offen vor ihm weint und nicht mehr fähig ist, es zu verbergen?

Ein kaum hörbarer Laut nahe an ihrem Ohr löst die abwehrende Erstarrung, und so zieht er ihr die Jacke über die Arme, und er tut es mit einer Sorgfalt, wie sie sie nie an ihm erlebt hat.

“Host bald ausgredt mit Deiner Freundin”, fragt er nach einer Weile, zu anderen Worten noch immer nicht fähig.

“’i glaub scho,” erwidert sie und sieht ihn an wie zu einer Frage.

“’i moan halt, weil’d scheener als jetzt nimmer wern kannst”.

“Mit meinem Gsicht”, fragt sie leise.

“Ja, mit Deinem Gsicht”, sagt er ruhig und legt ihren Kopf an seine schulter.

“Und Du, host ausgredt mit Deine freind” - fragt sie, an seine Schulter gelehnt.

Er läßt ein kurzes Lachen hören. “Do is oaner dabei”, sagt er und schüttelt sich spürbar.

Die Eingangstür ist gerade breit genug, um zwei eng bei einander eintretende Menschen hindurchzulassen, die zu ihrem Frieden zurückgekehrt sind. Lisbeth trägt ihre Jacke noch immer, wie Alois sie ihr angezogen hat, und wird sie erst zu Hause wieder ablegen. Die Freundin, zunächst wohl ein wenig enttäuscht, nimmt doch bald die Veränderung wahr und vermag es, sich daran zu freuen.

Als Alois zum Stammtisch zurückkommt, sieht Klaus sofort den Fleck und das Haar an seinem Sakko. Er weist mit dem Finger darauf und setzt schon zum Reden an.

“Du sagst jetzt nix mehr, ausgredt is”, sagt Alois mit einer Stimme, die ihre Wirkung nicht verfehlt.

Jetzt ergreift Alois das Weinglas seines schwäbischen Freundes, dreht es ein wenig herum und sieht ihn an.

“Prost, Sogrades”, sagt er, und Wolfgang erhebt sich unwillkürlich, um aus demselben Glas mit ihm zu trinken.

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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