Mensch, werde wesentlich


Helmuth Zedlitz - Im April 2009


Zwei offene Bilder sehe ich vor mir. Muß denn ein Bild geschlossen sein, kann es nicht auch über sich, über seinen Rahmen hinauswachsen? ES mag ja sein, dass das in der Malerei nicht möglich ist, aber wir malen hier ja auch nicht, wir erzählen und hören. Und damit hier ja nicht der Eindruck entsteht, das Erzählte gehöre der Vergangenheit an, erzählen wir es in der Gegenwart und richten dabei unseren Blick auch nach vorn: Wie wird es wohl werden?

Zwei Bilder also sehe ich vor mir. Sie sind einander ähnlich und doch tief voneinander verschieden.

Erst einmal die Ähnlichkeiten: Jeweils zwei Frauen, vielleicht sogar drei, jeweils ein gut ausgestattetes Kleidergeschäft, mitten in der Abteilung oberbekleidung. Die beiden Frauen, die einen Kauf vorhaben, sind ungefähr gleich alt. Jung sind sie nicht mehr, etwa um die vierzig. Damit aber hören die Ähnlichkeiten schon auf.

Das Gesicht der Einen ist froh und entspannt, sie hat gerade ein Kleid anprobiert und strahlt nun abwechselnd ihre Freundin und die Verkäuferin an, beide haben ihr ja dazu verholfen, aber vor allem: Sie fühlt sich wohl in ihrem Kleid, es steht ihr und sie weiß, dass es ihr steht.

Die andere Frau hat schon mindestens sieben Kleider anprobiert und sich für keines entschließen können. “Ich weiß nicht”, sagt sie nur immer, es sind fast ihre einzigen Worte. Die Freundin und die Verkäuferin, mühsam gefasst in all ihrer Ungeduld, überreden sie schließlich: “Das steht Dir, Du kannst es mir glauben”, “ja wirklich, es steht Ihnen ausgezeichnet”. Diesmal sagt sie nicht: “Ich weiß nicht”, sondern: “Also gut, wenn Ihr meint”.

Jetzt treten die beiden Frauen gleichsam heraus aus dem Bild und gehen nach Hause. Die eine ist kaum in ihrer Wohnung, da packt sie das neue Kleid schon aus und zieht es an. Wie lange sie dann vor dem Spiegel steht, soll hier nicht in Minuten ausgedrückt werden. Leider sind es noch drei Stunden bis zur Rückkehr ihres Mannes, ihm wird es, so hofft sie, gut gefallen, nein: Sie wird ihm gefallen, denn es geht etwas von ihr aus, was mit Worten kaum umschrieben werden kann, so wenig wie etwa die Harmonien eines Musikstücks, die über alles Sagbare auf uns wirken.

Die andere Frau ist auch nach Hause gekommen. Sie legt das Paket mit dem Kleid irgendwo auf einen Tisch und macht erst einmal Ordnung, es liegt und steht ja noch so viel herum. Später dann geht sie mit dem ausgepackten Kleid ins Schlafzimmer, sieht noch einmal kurz darauf und hängt es in den Schrank, um es niemals wieder zu tragen.

Soll das nun eine Frauengeschichte werden, eine also, die uns Männer nichts angeht, weil doch unser Aufenthalt in solchen Geschäften allem Anschein nach viel kürzer ist, wenn wir überhaupt dorthin gehen wollen? Das wäre ja ein Privileg für uns, wobei freilich die Frage offenbliebe, womit wir es denn verdient haben, nur wir. Fühlen wir uns denn mit uns selber im Einklang, oder gibt es auch für uns “Kleider” die wir für immer in den Schrank hängen?

Am liebsten möchte ich Euch jetzt ein Rätsel aufgeben:

In welchem Handwerk, das wir alle kennen, besteht die Gesellenprüfung darin, es so wenig wie möglich auszuüben, und die Meisterprüfung, es gar nicht, niemals auszuüben ? Zugegeben, es ist ein schweres Rätsel, und wenn es jetzt unaufgelöst bliebe, müsste ich fürchten, dass alles weitere, was noch auf diesen Blättern steht, nicht mehr gehört wird. Also will ich es lösen, wenn ich auch einen gewissen Spaß daran hätte, es nicht zu tun.

Ich meine das Handwerk der Mutschneider. Sein Hauptinstrument ist allerdings keine Schere aus Metall, sondern eine Schere aus Worten: Du, der Allerjüngste, willst uns sagen, was wir zu tun haben? Wenn ich schon sehe, wie du das anfängst… es kann eigentlich nur noch besser werden… du tust so, als hättest du alle Zeit der Welt… wenn ich dich schon reden höre…

Gibt es einen unter uns, der den Meisterbrief in seiner Tasche hat, dies Handwerk niemals ausgeübt zu haben? Gesellen mag es wohl geben, aber Meister? Und, anders gefragt: Gibt es einen unter uns, an dessen Mut noch nie auf jene Weise herumgeschnitten wurde, oder doch wenigstens selten?

Es war ja schon einmal von jenem neuen Ort die Rede, und es hieß dort auch, dass wir an jedem Morgen aus unseren Häusern herausgerufen werden, um uns auf der Agora zu versammeln. Aber das ist nicht alles: Wir werden nicht nur heraus-, wir werden auch hervorgerufen. Der Unterschied liegt ja auf der Hand: Das eine ist eine Sache äußerer Bewegung, eben von einem Ort zum andern. Das zweite bedeutet eine Bewegung in uns und mit uns. ES kann natürlich sein, dass sie auch mit Schritten unserer Füße, mit Laufen, Wandern oder Springen einhergeht, aber es muß nicht so sein, es kann auch anders geschehen. Eines ist sehr wahrscheinlich: Diese innere Bewegung braucht länger als der kurze Weg vom Haus zur Agora.

In den Beratungen am Morgen, meist aber am Abend, wenn wir vor der Stadt zusammen sind, geschieht es immer wieder, dass einer der Neuankömmlinge in eine Erschütterung gerät. Sie kann sich in einem unvermittelten Tränenausbruch äußern, aber auch in Lächeln oder lautem Lachen, wobei der Grund für all dies den Umsitzenden verborgen bleibt, manchmal sogar dem Betroffenen selber, er bekommt nur einen Schreck oder gerät in große Verwirrung. Viele können dann nicht mehr in der Gruppe bleiben, sie stehen auf und gehen schnell dem Rand der Wiese zu, etwa dorthin, wo ich auch schon einmal war. Manchmal geht ein Begleiter ihnen nach, manchmal gehen sie auch allein. Aber wenn sie allein gehen, folgt ihnen nach einiger Zeit eine Gestalt, an die ich mich gut erinnere.

ES sind Männer und Frauen, die solche Erschütterungen erleben, und ihre Zahl ist groß. ES scheint mir, als hätten sie bei ihrer Ankunft noch Masken getragen, wobei ich allerdings sagen muß, dass erst nach ihrem Tag, nach dem, was jede und jeder an seinem Tag erfährt, offenbar wird, was sie waren und was sie jetzt sind. Soll ich soweit gehen, zu sagen: Jeder tritt, jeder leuchtet in seinem Menschsein hervor, mehr als jemals in seinem vorigen Leben. Alles, was ihn je gehindert, zurückgedrängt, niedergedrückt hat, alle Halbheit, alles Vielleicht, alles unklar gebliebene, alle Last des Ungesagten und Ungetanen, all dies wird ihm genommen, er leuchtet auf seine je eigene Weise als Menschenlicht, und es gibt nichts mehr, das dies Leuchten dämpfen oder mindern könnte.

Nun aber gibt es große Unterschide in diesem Geschehen: ES kann ja sein, dass schon vor der Ankunft an unserem Ort ein Einklang mit sich selber möglich war, dass das Ja eines liebenden Menschen ihn möglich gemacht hat. ES kann ja sein, dass schon im vorigen Leben jenes Maß an Liebe und Bestätigung geschah, bei dessen Fehlen wir alle zu Hungernden werden. ES kann aber auch, im andern Fall, so sein, dass die Mutschneider in der Überzahl waren, dass das Wachstum der Blume zwar kontrolliert und beurteilt, nicht aber gefördert wurde. Dann konnte es wohl nur noch heißen: Ich weiß nicht.

Wenn Ihr nun glaubt, die ganze Versammlung mit all ihren Gruppen bestünde nur noch aus lächelnden Gesichtern, das könne nach dem Gesagten doch gar nicht anders sein, so wäre das ein Irrtum. Ein allgemeines, unterschiedsloses Lächeln gibt es gerade nicht, denn das würde ja bedeuten, dass jeder dieselben Empfindungen hätte, dass Wort, Bild oder Musik auf uns alle in gleicher Weise wirkt. So ist es aber keineswegs, wir, die wir hier beieinander sind, tragen doch unsere Unterschiedenheit an uns, da doch der lebendigmachende Geist jedem von uns sein eigenes Leben eingehaucht hat, das ununterschiedene wie auch das Unterschiedene Leben. Alle leben wir zwar und sind darin gleich, aber wir tragen das eigene Leben an uns und nicht ein anderes, das nicht zu uns gehört. Dem Leben eines andern nähern wir uns nicht als Diebe, sondern zuerst einmal wie zu einem Besuch, der sich dann, im glücklichen Fall, ausdehnen oder wiederholen mag.

Kein allgemeines Lächeln also, wobei man ja wiederum fürchten müsste, es könne ja aufgesetzt, es könne ja doch wieder eine Maske sein. Nein, es ist anders: Ernst wird zum Ernst, Trauer wird zur Trauer, Freude wird zur Freude, verlässlich wird unsere Erscheinung, wahr wird sie und ohne Trug. Die Worte, die wir sagen, erhalten ein neues Gewicht, es gibt nicht mehr die verborgene oder offensichtliche Lüge.

Immer wieder wird von unserem Ort erhofft, er sei, er müsse doch ohne Schmerzen sein. Der Schmerz gehöre doch nur zum vorigen Leben, davon sei er geradezu ein notwendiger Teil. So wahr und richtig das auch ist: Ohne Schmerz ist unser Ort auch nicht, jedenfalls nicht von vornherein. Und das gilt vor allem dann, wenn die Bedrückung, die Minderung des eigenen Selbst kaum noch bemerkt worden ist, wenn etwa einer so dahingelebt hat, als hätte er, gerade er keinen Grund gehabt, sich aufzurichten und zu leuchten im beschriebenen Sinn. Mag ihm als Kind vielleicht noch gesagt worden sein, Gott habe den Menschen ihm zum Bilde geschaffen: Den Begriff dieser Worte, seine Füllung und Erfüllung mit Leben, hat er erst gar nicht erfahren. Wenn er dann aber hier ist, an unserem Ort, wo Wahrheit und Liebe allein ihre Herrschaft endgültig aufgerichtet haben, wie wird es ihm dann wohl ergehen, bis er selber ein Teil dieser Wahrheit, bis er ein wahrer Mensch unter wahren Menschen geworden ist. Dann aber verliert auch die Freude alles Gewollte, alles Markt- und Kaufbezogene, da sie doch die Freude Gottes ist und nichts anderes mehr. Gott sah nämlich nicht nur, dass es gut war, er weiß und sieht auch, dass es wieder gut wird.

Das gekaufte, ungewollte Kleid hat sie weggehängt. Jene Frau auf dem Bild. Das ungekaufte, das für immer verschönernde Kleid wird sie tragen, weil es doch das Ihrige ist.

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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