Interglück


Ein Festakt und sein Ende

Helmuth Zedlitz - im April 2005


Der Moderator der Festversammlung tritt ans Mikrofon:

“Hochverehrte Herren Präsidenten und Staatsoberhäupter, hochgeschätzte Minister und andere Exzellenzen, verehrte Würdenträger aus allen vertretenen Ländern, werte Festversammlung!
Die Bedeutung dieses Tages ist, das darf ich wohl sagen, in diesem Augenblick noch gar nicht abzusehen. Wir haben ein Ziel erreicht, das in Jahrtausenden höchstens mühsam angestrebt, gedanklich vorgebildet oder gar nur geträumt worden ist. Heute nun stehen wir vor seiner Erfüllung. Was Sie hier im Modell vor sich sehen, ist somit ein Jahrtausendwerk zu nennen, und selbst die größte Bescheidenheit, über die der eine oder andere unter uns verfügen mag, ändert nichts an dieser Bezeichnung. Der Planungschef, meine Damen und Herren, wird Ihnen nun erläutern, worum es geht und worum es von nun an gehen wird. Ich bitte ihn hierher ans Mikrofon und danke vorläufig für Ihre Aufmerksamkeit.”

Der Planungschef hält einen Zeigstock in seiner Hand. Während er ihn erhebt, entsteht an einer breitflächigen Wand ein Bild, worauf sich nun der Blick aller Anwesenden richtet. Der Planungschef beschreibt mit seinem Zeigstock einen Kreis um das Bild, erst im Uhrzeigersinn, dann in Gegenrichtung, und überblickt dann die Menge der Geladenen Gäste.

“Ja, meine Damen und Herren, es ist also gelungen: Alle Berge unserer Alpen, soweit sie über 3000 Meter hoch sind, Sie sehen die jeweiligen Höhenangaben, sind seit heute miteinander verbunden. Was da an den Strichen hängt, die kleinen Gondeln, das, meine Damen und Herren, sind Seilbahnen, mit denen es von nun an möglich ist, ohne jeden mühsamen Aufstieg von einem Berg zum Andern zu gelangen, die jeweilige Aussicht zu genießen und somit, in Zeiträumen eigener Bedürfnisse, das ganze Panorama zu erfassen, das von den Alpen insgesamt zu sehen ist. Die vordringliche Aufgabe der Planung bestand darin, ein Netz, ähnlich dem Internet, über die genannten Berge zu legen, sie demnach alle miteinander zu verbinden, so dass kein einziger von diesem Netzwerk ausgeschlossen bleibt. Ohne jede Mühe, meine Damen und Herren, ich sage: Ohne jede Mühe wird es nun möglich sein, das Schönste, was unser Europa zu bieten hat, zu befahren, es nach und nach in sich aufzunehmen und somit einen Glückszustand zu erreichen, wie ihn keine Generation vor uns je hätte erreichen können. Ja, wir stehen heute am Beginn einer neuen Zeit, vielleicht einer Zeit, mit der sich keine Frühere je wird messen können. Meine und meiner Mitarbeiter Aufgabe war es, die technischen Voraussetzungen für diesen, ja ich darf wohl sagen: Schöpfungstag zu schaffen. Während der vergangenen Jahre habe ich wieder und wieder darauf verwiesen, dass meine Planung nichts, wirklich nichts wäre ohne jenen neuen Geist, in dem wir leben und den der nächste Redner, den wir hier begrüßen, auch heute beschwören wird. Ihm und sonst keinem gebührt die ehre, die Hauptrede zu halten, ich möchte Ihnen jedoch zuvor Gelegenheit geben, das ganze Ausmaß unseres Werks noch einmal im Modell zu betrachten. Sie können sich dann, ab 14 Uhr an diesem Tage, davon überzeugen, dass auch dies Modell keineswegs lügt, dass es vielmehr nur verkleinert, was Sie selbst später er-fahren werden. Ich danke Ihnen!”

In die entstandene Stille hinein erklingt die Festkomposition, deren volltönende Akkorde durch hohe Linien elektronischer Instrumendte verbunden werden. Die Ergriffenheit nimmt zu, es fehlt auch nicht an Tränen. Der Klang ebbt langsam ab und vermittelt dadurch einen offenen, ins Weite reichenden Eindruck, der keine Grenze ahnen oder erkennen lässt. Die Stille hält an, während der angekündigte Redner das Podium betritt.

“Meine Damen und Herren, liebe Interglücks-Freunde, ja, so darf ich Sie nennen, weil mir nun kein anderer Ausdruck mehr zur Verfügung steht: Ein Jahrtausendtag ist es, den wir heute erleben, einer also, der einen langdauernden Zeitraum zum Ende bringt und einen Neuen heraufführt, der nicht nur den Zahlen nach neu ist, sondern weit mehr noch dem Gehalt, dem Inhalt nach, meine Damen und Herren: Glück, das Glück ist erreichbar geworden für jedermann, das, was die Alten noch Sehnsucht nannten, ist zum Anspruch und nun zum erfüllbaren Wunsch geworden. Jeder kann ihn sich erfüllen, die Fahrpreise sind so durchdacht und gestaffelt, dass keiner sich ausgeschlossen fühlen muß. Das Menschenrecht auf Glück, schon in früherer Zeit zumindest in einer Verfassung verankert, es ist heute zur Erfüllung gelangt, es braucht nicht mehr nur gedacht, erhofft oder eingeklagt zu werden, es liegt vor uns, zum Greifen und zum Erleben nahe. Ein erhabener Moment in er Tat, er hat wohl in unser aller Leben nicht seinesgleichen, und er efüllt uns mit einem Stolz, den keine, ja keine Generation vor uns je hat empfinden können. Welche Einschränkungen, welche Hindernisse aller Art hat es in den hinter uns liegenden Zeiten nicht gegeben, krank sind die Menschen vor Sehnsucht geworden, viele sind wol gar an der Sensucht gestorben, wer weiß, der Schmerz des Unerreichbaren war vielleicht der Tiefste, aber auch, meine Damen und Herren, der, der unsere Vorfahren am meisten erniedrigt und gedemütigt hat. Denn was ist das für ein Leben, das immer nur an Grenzen stößt, dem immer nur eine Unmöglichkeit entgegentritt! Wieviel Frustration, wie viel Leid mussten sie ertragen, die Menschen vor uns, ohne doch je soweit kommen zu können, wie wir heute sind. Schon dieser fehlende Schmerz, dies endlich überwundene Leid allein ist es, was uns an diesem Tage über alles Vergangene weit hinaushebt, ähnlich hoch und weit, wie die Täler nun unter uns liegen und wir über ihnen hinaus auf dieser Plattform stehen, dem Mittelpunkt jenes Netzes, von dem schon mein Vorgänger so bewegend gesprochen hat. Eines freilich hat mein Vorredner zu sagen vergessen, obgleich er es doch selber auf dem Modell verzeichnet hat, wenn auch mit äußerst spärlichen, kaum sichtbaren Strichen: ES gibt, Sie sehen es hier bei genauer Betrachtung, neben den Aufzügen, die von untenher auf die Berge hinaufführen, ganz schmale, oft nur gestrichelte, angedeutete Pfade, noch dazu, hier drüben etwa, durch unwegsames Gelände unterbrochen und dann irgendwann wieder einigermaßen sichtbar in all ihrer erbärmlichen Gefährlichkeit, steil außerdem und manchmal fast senkrecht, wie Sie sich denken können, die Felsen hinauf und dann wider durch Bäche und Schluchten führend, wenn man hier überhaupt noch von Führung sprechen kann (ja, Sie lachen, meine Damen und Herren, und Sie haben Recht damit). Ein wegloser Weg soll also ein Weg sein, so haben es uns manche glauben machen wollen, und die geringe Zahl derer, die uns nicht gefolgt sind, spricht ja deutlich genug. Jedes Neue hat seine Gegner gehabt, jedes Neue ist nicht von allen verstanden worden - nun, wir tragen es mit Fassung in dem Bewusstsein, dass das, was heute durch und für uns geschieht, eine jener Neuerungen ist, die keine Rückwendung zulassen, weil sie sie eben nicht nötig haben, meine Damen und Herren! Wohin denn sollte diese Rückwendung führen, weg vom Glück, weg also vom tief eingewurzelten Menschenrecht? Und so darf ich denn, nachdem wir noch einmal unsere Musik gehört haben, die Herren Präsidenten und Staatsoberhäupter bitten, als erste die Seilbahn zu betreten, die Sie zum nächsten Berg hinüberführen wird. Die Sonne wird Sie dabei, wie ja bereits gestern vorhergesagt, auf ihrem Weg begleiten und alles, was Sie sehen werden, in jenes Licht tauchen helfen, das nun, auch durch uns, meine Damen und Herren, für alle Menschen scheint. Ich danke Ihnen.”

Die Auftragsmusik, die nun wiederum erklingt, erfährt diesmal nicht so viel Aufmerksamkeit, die Ungeduld wächst spürbar, und endlich ist es soweit: Die erste Gondel füllt sich, wird geschlossen, hebt sich ein wenig von der Plattform ab und schwebt über den Rand der Bergkuppe weg zum nächsten, heute gut sichtbaren Ziel.

Daß der ganze Festakt auch in Bildern festgehalten wurde, bedarf wohl keiner eigenen Erwähnung. Viele Reporter sind in die Gondeln gestiegen, um auch weiterhin dabeizusein. So hat das ständige Klicken der Kameras endlich nachgelassen, und es ist ein einziger Reporter, der, wenige Meter vom Felsenrand entfernt, zu seinem Handy greift.

“Ja, ich bin’s, Ihr wartet schon, ich weiß. Ich muß aber auch warten, auf die nächste Gondel nämlich, es gibt ja sonst ... wie es war? Ich bin hier allein, deshalb kann ich es ja sagen: Lauter leere, gelangweilte Gesichter! Wer diese Zeitung kauft ... wir müssten tatsächlich das ganze Menschenpanorama retouchieren ... na und, sagst Du? Das ist doch nicht neu? Ja, da hast DU Recht, aber ich sag Dir: Es hängt mir zum Hals heraus, mir ist übel wie noch nie! Die Bergluft, meinst Du ... nein nein, es ist nicht die Bergluft, ich weiß auch nicht... diese ewigen Lügenbilder, Bilderlügen... verrückt, meinst DU? Ja, kann sein, dass ich verrückt bin, aber dies Leben ... Moment mal”...

Er schaltet das Handy aus und starrt wie gebannt vor sich auf den steilen Hang. Was sieht er dort?

Die Augen, die er vor sich sieht, sind von einem Glanz belebt, wie er ihn weder an diesem Interglückstag, noch jemals an einem anderen Tag gesehen hat. Sie leuchten in einem Gesicht, das von Anstrengung und Müdigkeit gezeichnet ist, einem schweißbedeckten Gesicht mit einem Mund, der die Luft zu trinken scheint, als wäre sie Wasser. Der Wanderer, die Wanderer, die den Hang heraufsteigen, auf Stöcke gestützt, kaum noch fähig zum letzten, steilsten Anstieg vor der Plattform, sehen ihm entgegen, bis sie die Höhe erreicht haben. Wenig später ist er von schwer atmenden, müden Menschen umgeben, die noch immer das Leuchten in ihren Augen tragen. Er ist von diesem Blick so bewegt, dass er seine Kamera nicht vom Boden aufheben kann.

Die Freundlichkeit, die von den Wanderern ausgeht, nimmt ihn so sehr gefangen, dass er ihre Einladung annimmt, sich zu ihnen setzt und schon bald ein Vesperbrot in seiner Hand hält. Der Schluck Quellwasser, der ihm angeboten wird, belebt seinen trockenen Mund. Ihm ist zumute, als wäre er einer von ihnen.

“Also Kameramann,” sagt sein Nachbar, der unauffällig aufgestanden ist, den Apparat zu holen. “Wir sind aber nicht photogen!” Sie lachen alle.

Er zögert, dann weist er mit einer flüchtigen Bewegung zu dem Gebäude hinüber, in dem die Bahnstation eingerichtet ist.

“Heute ist sie eröffnet ... wissen Sie nicht?”

Keiner antwortet ihm, sie haben alle genug damit zu tun, sich zu stärken und ihre frischen Erinnerungen auszutauschen. Eigentlich müsste er jetzt gehen ... aber diese Augen, diese Gesichter!

“Aufgeht’s,” ruft sein Nachbar nach einiger Zeit, “wir können hier nicht bleiben!” Und er zeigt auf einen fast unsichtbaren Pfad auf der anderen Seite der Plattform. Sie stehen auf und sammeln sich. Was soll das, keiner geht los, unwillkürlich erhebt er sich auch, und nun fangen sie an, etwas zu singen, einen Choral, ja, es muß wohl ein Choral sein ... am liebsten möchte er mitsingen, das Schweigen fällt ihm schwer, mitten unter den Leuten. Wie auf einen unsichtbaren Wink setzen sich alle in Bewegung, während die letzte Strophe noch erklingt, und es beginnt der gefährliche, aber gemeinsame Abstieg.

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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