Immer Ärger mit den Pausen


Helmuth Zedlitz - im Januar 2010


Eigentlich stellt man sich ja vor, damit die andern wissen, wen sie vor sich haben. Bei mir ist das anders, Ihr könnt selber Namen einsetzen, ich zwinge Euch keinen auf. Ist das nicht nett von mir?

Ich muß zuerst mal an Euer Gerechtigkeitsempfinden appellieren, es geht um nichts Geringeres als um unsere Mobilität. Nun ist ja allgemein bekannt, dass die Engel seit Jahrhunderten Flügel gebrauchen, um sich in alle Richtungen fortbewegen zu können. Warum, frage ich Sie, steht uns das nicht auch zu? Unser Chef, das muß ich mal sagen, steht in dieser Frage ganz allein, er hat keine Kirche im Rücken, er muß selber nachdenken, wie er diesem Mangel abhelfen kann. Nun, ich bin ja strikt an Geheimhaltung gebunden, aber bis heute hat mich auch noch keiner gesehen, es scheint tatsächlich zu klapppen, mehr darf ich nicht sagen.

Was habe ich heute nicht alles vor! Ihr könnt Euch ja gar nicht vorstellen, an wie vielen Orten ich sein muß, ja gleichzeitig sozusagen. Aber als moderner - - als Moderner bin ich inzwischen flexibel genug und lerne noch immer dazu. Nun aber endlich zu meinen Terminen:

Da saßen doch gesternabend tatsächlich ein paar Leute zusammen, einer führte den Vorsitz. Sie hatten sich die Köpfe heiß geredet und waren dann doch endlich müde geworden. Solche Augenblicke tragen oft ein doppeltes Gesicht. ES kann sein, dass die Widersprüche, die sich leider da und dort gegen meine Absichten und Überzeugungen richten, endlich ermatten, dass jene herrliche Ungeduld eintritt, auf die ich schon lange gewartet habe. Einer hält es nicht mehr aus und sagt: “Jetzt lasst uns doch endlich zum Schluß kommen, lange genug haben wir geredet!” Für mich ist das einer der schönsten Augenblicke, wenn die andern endlich schwach und müde werden, wenn das Sitzungsprotokoll abgeschlossen und unterzeichnet wird, wenn sie alle aufstehen und aufatmen. Aber gestern wäre mir dieser kostbare Augenblick beinahe verdorben worden. Immer wieder tauchte das Wort “Frieden” auf, das Un-wort meines Jahres, um nicht zu sagen das Unwort meines Lebens. Nachdenklichkeit kam auf, die Pausen wurden größer, das ganze wohl durchdachte Gedankengebäude, das doch schließlich mein Werk war, bekam Risse, die Logik seiner Bausteine wurde mehr und mehr in Zweifel gezogen, es war einfach furchtbar, dies Gerede von Alternativen, diese ewige Frage nach den eigentlichen Zielen, auf die es doch letztlich ankäme - es war kaum zum Aushalten, es musste unbedingt etwas geschehen, ein Blick auf die Uhr, ein unterdrücktes Gähnen, eine Zigarettenpause, irgend etwas. Und siehe da:

“Ja, liebe Kollegen, morgen ist unsere letzte Sitzung, dann müssen wir uns entscheiden. Für heute schlage ich vor, unsere Beratung zu unterbrechen, und ich rufe Sie für morgen, nein, für heute um neun Uhr wieder zusammen”.

Ich hatte mal wieder Glück. Nur gut, dass ich unsichtbar war, ich hätte sonst losgelacht, wie eben nur wir Teufel lachen können.

meine Chance blieb also auch diesmal gewahrt, Alles wie gewohnt: Mein erster Termin heute, ich muß unter allen Umständen verhindern, dass dies komische Unwort noch einmal gesagt wird, zum Glück hat es ja wieder mal einen Anschlag gegeben irgendwo, zwar nur mit wenigen Toten, aber es hätten ja auch mehr sein können. Also an die Arbeit, an meine Arbeit. Ganz schön anstrengend, kann ich nur sagen, aber es muß eben sein: Friede - ich gebrauche dies Wort nur höchst ungern, wie gesagt - ist einfach eine Illusion, das spricht sich dank unserer Überzeugungsarbeit allmählich doch herum, und Illusionen sind da, um zerstört zu werden, es lebt sich viel leichter ohne sie, das werden auch die von der Sitzung schon noch merken, das ist mein Job, dazu bin ich ja da. ES ist schon toll, was unser Chef sich da ausgedacht hat: Keiner von uns ist sichtbar, darauf werde ich sicher noch mal zurückkommen.

Den Scheidungstermin - Moment mal: “Versöhnungstermin” schimpften sie ihn doch - erwähne ich nur nebenbei, nicht dass Ihr denkt, ich hätte sonst heute nichts weiter zu tun. Die beiden sind so zerstritten, da ist so viel Geld mit im Spiel, dass eine “Versöhnung” wirklich nicht zu befürchten ist. Was ist den beiden nicht alles eingefallen, als ich unsichtbar, aber höchst fühlbar in ihren Zimern umherflog, Worte von vor zwanzig Jahren, Blicke aus grauer Vorzeit, Kopfschütteln ich weiß nicht wann: Der Krach wurde lauter, Gegenstände zum Werfen waren leider keine in der Nähe, also blieb nur das Zuknallen der Tür, von außen natürlich. Ich muß also nicht fürchten, dass dieser “Versöhnungstermin” länger als eine Viertelstunde dauert. Wenn sie dann, gemeinsame Kinder hin oder her, ins Auto steigen, jeder in seins natürlich,
wenn die Türen wieder mal zuschlagen, wenn einer vielleicht noch eine Zigarette rauchen muß, bevor er losfährt, dann ist auch hier meine Arbeit getan.

Sagt mal: Wie ist Euch zumute, wenn Ihr jeden Tag, wirklich jeden Tag eine Arbeit vor Euch habt, die immer gleich ist, immer derselbe Handgriff, immer dieselben Gedankenschritte? Mir geht es so mit den Nachbarstreitigkeiten. Immer dasselbe: Bäume und Hecken an der Grenze, tobende Kinder, Hunde und Katzen, vielleicht mal Stsrom- und Wasserkosten, aber dann umso sicherer ein falschparkendes Auto. Also, wenn ich nicht wüsste, dass mein Chef solche Sonderwünsche überhaupt nicht liebt: Längst hätte ich ihn nach 426 Nachbarstreitigkeiten pro Jahr schon bekniet, mir doch bitte was Interessanteres zu geben. Aber es steht nun mal in meinem Dienstvertrag:

“Er hat insbesondere dafür Sorge zu tragen, dass die Wirksamkeit seiner Arbeit sich keinesfalls nur auf den jeweiligen Augenblick beschränkt, dass sie vielmehr von längstmöglicher Dauer ist oder, falls dies einmal nicht möglich sein sollte, gemäß dieser Zielsetzung zu wiederholen ist.”

Und das kann ich Euch sagen, meine geschätzten Leser: Ich habe meine “Grauen Zellen”, so hat sie doch mal jemand genannt, ganz schön auf Trab gebracht. Wäre ich bescheiden, so dürfte ich in aller Bescheidenheit sagen: Es gibt kaum einen Raum, in den ich meinen Einfluß nicht ausgedehnt hätte oder zumindest versucht, es zu tun. Nebenbei gesagt: Das gilt natürlich für uns alle, unser Chef ist ja einer der größten Arbeitgeber, nur dass das im Fernsehen und in den Zeitungen kaum jemals erwähnt wird. Ein achtbarer Faktor sind wir geworden, jawohl, und eins, wovon Ihr immer nur redet und träumt, gibt es bei uns schon lange: Chancengleichheit. Jeder wird bei uns nach seinen Taten beurteilt und, gegebenenfalls, auch dekoriert.

Ich merke gerade, ich bin schon wieder abgeschweift, das ist mein Temperament, ich hoffe, Ihr hört mir trotzdem weiter zu.

Jetzt mal zu den Szenen auf der Autobahn, Ihr kennt sie ja: Da will wieder einer der Schnellste sein, was schließlich sein gutes Recht ist, aber nein, er kommt nicht zum Zug, immer sitzt einer davor, der glaubt, ebenso schnell sein zu dürfen, anstatt nun endlich dem Flitzer sein Vorrecht zu lassen. Und da wundert man sich dann noch, wenn das vordere Wägelchen kaputt geht! Wenn ich noch so etwas wie ein Mitleidsgefühl aufbringen könnte, hier wäre es angebracht, meint Ihr nicht?

Es gibt natürlich auch fälle, mit denen ich Monate oder gar Jahre zu tun habe. ES steht ja ausdrücklich in meinem Vertrag, das mit der dauerhaften Wirksamkeit, Ihr erinnert Euch. Aber mit dieser Langzeitwirkung, das ist so eine sache: Es gibt ja immer wieder Fälle, da geraten die Leute in einen Rausch, ich will ihn Mitleidsrausch nennen. Da passiert also irgendein Unglück, ein Erdbeben oder Tsunami usw, und da strömen dann die Massen zusammen, hören sich ein Konzert, Rock oder, wenn es sein muß, auch Klassik, an und öffnen ihre Geldbeutel oder ihr Konto. Also, ich muß ehrlich sagen, da lässt sich im Augenblick einfach nichts dagegen tun. Die einzige Möglichkeit, die ich nach meinen langjährigen Erfahrungen sehe, ist diese: Irgendwann nach Jahren stellt sich endlich heraus, dass die vielen Gelder ja gar nicht als Hilfe verwendet worden sind. Das ist dann MEIN Augenblick, liebe Freunde, da kommt Freude auf, wenn ich die Leute endlich sagen höre: “Ich helfe nie mehr, da kann kommen was will, man kann sich ja doch auf nichts mehr verlassen”. In solchen Fällen ist mir, Euch darf ich es ja leise weitersagen, eine Provision sicher, und davon habe ich einige im Lauf meiner Tätigkeit schon erhalten. ES ist also auch in dieser Hinsicht nicht ganz ohne, man kann schon aufsteigen und zu Ansehen kommen, auch bei uns.

Es gibt ja, das wisst Ihr wahrscheinlich noch nicht, Fortbildungskurse für uns: Da wird z.B. die Geduld geübt, das zielbewusste Ausharren, wie wir also nicht nachlassen dürfen in unserem Kampf. Dann, im nächsten Kurs, folgt die Ungeduld, ja natürlich, die muß auch geübt werden, wir dürfen sie nicht vergessen und müssen vor allem lernen, wann das eine angebraacht ist und wann das andere. Ohne eine gewisse Feinfühligkeit geht es eben nicht, auch in unserm Beruf, wenn Ihr das auch wahrscheinlich nicht glaubt. Die Zeiten, als man dem - wie soll ich sagen - Bösen noch Namen gab, als man noch bestimmte Tiere dafür bemühte, die Zeiten also, als man noch wirklich gemerkt hat: Das ist “er”, das ist “sie”, ihr braucht nur zuzugreifen und hinzurichten, für den Augenblick reicht es jedenfalls, bis der Nächste dann erscheint. Also: Diese Zeiten sind gründlich vorüber, das müssen wir schon zur Kenntnis nehmen. ES hat sich alles unendlich verfeinert, nicht so schöne Trennungen wie früher. Schön? Also für einen, der sich nicht mit Grobheiten zufrieden gibt, für einen, der auf Nuancen achten kann und achten will, kurz also, für einen Gebildeten … ist heute einfach eine tolle Zeit. Warum ich das hier so deutlich sage? Na, das ist doch klar: All die Begriffe von früher: Sünde, Schuld usw (entschuldigt bitte, dass ich Euch einen Augenblick damit behelllige) gelten doch einfach nicht mehr, leer sind sie geworden und altbacken dazu, und darin, versteht Ihr, liegt ja genau unsere Chance: ES mischt sich alles, und so wird unser Einfluß groß, unendlich groß. Das läuft übrigens besser als in jeder Diktatur, wie ihr sie im vergangenen Jahrhundert ja erlebt habt Eine richtige, eine ordentliche Herrschaft zu errrichten, dazu seid Ihr Menschen eben doch nicht fähig, trotz Dschingis Khan, dem kleinen Napoleon, dem nicht gar so winzigen Hitler und Stalin, Mao natürlich nicht zu vergessen. Ihr müsst Euch langsam mal daran gewöhnen, dass man schon früher aufstehen muß, salopp gesprochen, um das Werk wirklich und nicht nur mit deutscher, sondern eben mit aller Gründlichkeit aufzurichten. Und wenn Ihr jetzt überhaupt noch wissen wollt, was ich mit “Werk” meine: Herrschaft natürlich, was sonst? Oder glaubt Ihr wirklich, dass es bei den Dingen, von denen hier die Rede ist, um so etwas wie Demokratie geht? Na also, Ihr schüttelt den Kopf, wir sind einer Meinung: Um Herrschaft geht es, darum, wer, welche Kraft das Sagen hat. Irgendwann muß das ja mal klar werden, es kann ja nicht ewig dauern. Was glaubt Ihr denn, wie viel Energie, wie viel Schwung und Elan erst frei würde, wenn diese Klarheit erst hergestellt wäre? Ich hab’s ja schon gesagt: Weg mit den Illusionen, weg mit den Träumen! Greift nur hinein ins volle Menschenleben (das könnte fast von Mephisto stammen, der uns immer wieder als Vorbild vorgesetzt wird, Ihr kennt das ja aus der Schule). Und wenn wir nun schon dabei sind: Wer ins volle Leben greift, der hat es nicht mehr nötig, nach Höherem zu greifen, so hieß das ja früher mal, glaube ich, ein Glück, dass diese Zeiten vorbei sind. Aber wenn Ihr das jetzt auch als Werbung missversteht: Hätten WIR nicht konsequent und zielbewusst unsere Arbeit gemacht, wer weiß, wo Ihr jetzt noch wärt! Ein Bisschen dankbarer könntet Ihr schon sein, wenigstens unserm Chef gegenüber! Er hat, wir haben Euch das Leben leichter gemacht, Euch manche schlaflosen Nächte erspart, “Gewissensqualen” hieß das früher mal, “sorry” tut’s doch auch!

Ich will mal kurz auf die Farben kommen, Ihr kennt sie ja, ich muß sie nicht alle aufzählen: Irgendwo draußen in Feld, Wald und Wiese, ja, da sind sie gut, damit es spannend bleibt fürs Auge. Aber das müsst Ihr doch um H. Willen nicht ins Leben übernehmen, Ihr macht es Euch nur furchtbar schwer damit. Eine Sache ist “so” und vielleicht gerade noch “so”, wenn es mal nicht anders geht. Aber fangt bloß nicht mit Feinheiten an, das hält Euch nur auf. Baut Euch doch Euer Weltgebäude zusammen, jeder für sich natürlich, und redet auch nicht immer von Vorurteilen, ich kann es nicht mehr hören. Haß, Krieg und Gewalt hat es immer gegeben, warum in aller Welt sollte das jetzt anders sein oder werden, ausgerechnet im Atomzeitalter? Kann mir das mal einer sagen, und zwar bitte mit schlüssigen, stichhaltigen Gründen!

So, das ist jetzt ein Bisschen lang geworden, ich weiß, aber ganz ohne Theorie geht es eben doch nicht.

ES könnte ja sein, dass einer von Euch wissen möchte, wo ich eigentlich wohne, die Frage wird mir ja immer wieder gestellt, obwohl ich das nicht ganz verstehe. ES ist doch eigentlich toll, überall zu sein, davon war ja schon mal die Rede. Ihr träumt ja selber auch davon, warum wären denn die Flugzeuge sonst so voll? Ich bin eigentlich dauernd auf Achse, ein paar Beispiele dafür kennt Ihr ja schon.

Aber ganz stimmt das nun auch wieder nicht: Manchmal muß ich irgendwo bleiben, man spürt im Lauf der Zeit, wann und wo es sich lohnt. Stellt Euch nur mal vor, ich und meine Kollegen, wir hätten uns nach all den Ketzerverbrennungen, nach all den machtlüsternen Fürsten, Päpsten und Bischöfen, also etwa nach Ende des 30jährigen Krieges, einfach zur Ruhe gesetzt! Daran wage ich gar nicht erst zu denken. “Dann wäre alles eben klar gewesen,” meint Ihr? Ja schon, aber doch nicht in meinem, in unserem Sinn! Oder dann im 19. Jahrhundert, nach Abschaffung der Sklaverei, da war doch auch die Frage: Geben wir einfach auf, oder machen wir weiter? Nein, Nein, wir haben nicht aufgegeben, nur die Namen ein Bisschen verändert, das reicht oft schon völlig aus. Sklaven soll es noch geben mitten unter uns, aber sie sind doch abgeschafft, es kann sie also gar nicht mehr geben! Wenn irgendwo so Spanungen und Widersprüche auftauchen, die müsst Ihr sofort glätten, das gibt sonst nur Ärger. Es gibt immer nur eine Wahrheit, alles andere ist viel zu kompliziert. Ihr habt eine Soziale Marktwirtschaft, weil Erhard sie eingeführt hat, ganz einfach. - Was ich eigentlich sagen wollte: Nein, wir haben uns nicht zurückgezogen, haben nicht gekniffen, wir haben uns den neuen Herausforderungen gestellt. anpassen muß man sich schon, Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit!

Aber ich schweife schon wieder ab, ES ging ja ums Wohnen. Ich lege immer da einen Halt ein, wo es etwas auszurichten - manche sagen: anzurichten gibt. Unsichtbarkeit und Ungreifbarkeit verleihen einem ja phantastische Eigenschaften, ich muß aufpassen, dass ich jetzt nicht ins Schwärmen komme. Ein Auto, eine Haltestelle, eine Kreuzung; ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Hausflur; eine Sitzung (z.B. gesternabend), eine Pressekonferenz, ein Zeitungsverlag - muß ich noch mehr dazu sagen? Aber es geht ja selbstverständlich nicht nur um äußere Räume, in denen man hin und herspazieren kann. Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will: Ja, die inneren Räume, mit denen sich die Dichter, die Analytiker, die Demoskopen und Demagogen, die Psychoskopen - entschuldigung: Psychologen! Ach ja, auch die Pfarrer früher mal - abgegeben haben. DA kann man sich natürlich nicht mit Möbeln einnisten, da gibt es keinen Umzug mit Kartons. Da ist Einfühlung und Menschenkenntnis gefragt. Der Kopf, die Kehle, die Zunge, das Herz, der Magen, die Galle, nichts wird ausgelassen. Unser Studium dauert heute auch viel länger als früher, das muß ich wohl nicht erst betonen. Aber, wie gesagt, man weiß ja, wofür man es tut! Da, in diesen Räumen, ist es eigentlich besonders leicht, denn man merkt es ja nicht so ohne weiteres, da steht ja niemand vor einem, auf den man es schieben kann. Ungeahnte Möglichkeiten ergeben sich hier, die kann man gar nicht alle aufzählen. Immer wieder haben welche von uns versucht, einen Katalog oder ein Lexikon darüber zu erstellen, vergeblich! Aber, Freunde, Vorsicht, Vorsicht! Gerade in den inneren Räumen können sich Dinge tun, mein lieber Mann, da kann unsereinem schon Angst und bange werden. ES gibt ja, peinlich genug zu sagen, auch noch andere Einflüße und Kräfte, mit denen man erst mal fertig werden muß. Appelle, kritische Anfragen, störende Einfälle, plötzliche Gewissensbisse oder wie die heißen, sog. Freunde, die sich eine andere Meinung erlauben. Mit den Denkmälern (die gehören ja auch irgendwie dazu) ist es ja noch relativ einfach, sofern es sich mal um solche handelt, die, naja, Ihr wisst schon, ich will das nicht weiter ausführen. Auf die kann man schauen, aber dann geht man an ihnen vorbei, weil man sie ja schon kennt.

“Laßt sie ruhig stehen”, hat unser Ausbilder gesagt, “und kümmert Euch nicht weiter darum. Ganz andere Sachen gibt es, auf die Ihr achten müsst: Wie, z.B., reden die Leute mit einander? Sind das nur kurze Sätze, allernötigste Mitteilungen, Ihr habt ja den PC als Vorbild, oder, genau so brauchbar, längere, dafür aber nichtssagende Sätze, aus denen man alles herauslesen kann oder auch gar nichts. Da muß ich jetzt noch ein bisschen ausholen, das geht nicht anders: Ihr müsst aufpassen, dass Wörter nicht zu Worten werden, ich hoffe, Ihr versteht den Unterschied. Wörter, die sagt man eben so hin, man kann dann immer behaupten, es gar nicht gesagt oder nicht so gemeint zu haben. Aber Worte, da muß man aufpassen, die müsst Ihr entwerten. Wie man das macht? Na, ganz einfach: Man macht Wörter daraus, das ist der ganze Trick! Was ist denn unser Ziel, davon haben wir doch neulich erst gesprochen … ja genau: Daß die Leute an gar nichts mehr glauben! Wenn wir das erst erreicht haben, braucht unser Chef sich endlich keine Sorgen mehr zu machen, und das wollen wir doch alle, oder? Und eines noch zum Schluß: Schaut Euch die Anfangsszenen vieler Fernsehfilme an, wie sie da ihr Frühstück gerade noch herunterschllucken, wie sie dann auseinanderspritzen, jeder an seine Arbeit! SO muß es sein! Fangt ja nicht erst an, so etwas wie “Einfühlung” zuzulassen, hier ist größte Vorsicht geboten! Sorgt dafür, dass die Männer möglichst bald auf die Uhr sehen und die Zungen der Frauen so scharf wie möglich sind, dann geht schon alles seinen Gang! Keine Pausen, bitte, bitte keine Denkpausen. Überhaupt, das Thema Pausen: Sie sind unsere schlimmsten Feinde, wer das nicht begreift, der hat hier nichts verloren! Alles muß ablaufen wie am Schnürchen, das Leben, die Arbeit, die Freizeit, der Sex! alles! Ja keine Unterbrechungen, ja keine Stille, ja keine Möglichkeit, irgendwelche Betrachtungen anzustellen, Ihr wisst schon, was ich damit meine. Wer unbedingt will, kann dazu den Faust lesen, die neue, gekürzte Ausgabe: “Den schlepp ich durch das wilde Leben, durch flache Unbedeutenheit”, herrlich, wie unser Kollege das zusammengefasst hat, man sieht es ordentlich vor sich! Also, wie gesagt, keine Pausen, ich möchte mich darauf verlassen können! Ein Wort noch zu den Kirchen, es kann ja sein, dass der eine oder andere schon mal eine gesehen hat. So lange dadrinnen noch Musik zu hören ist, mag es ja gerade noch angehen. Aber sobald das Unwort “Stille” genannt wird, kommt Euer Augenblick, bitte, bitte ja keine “Andacht” aufkommen lassen, es gibt ja nun wirklich Sachen genug, an die man dann denken kann. Und wenn wir schon dabei sind: Die Bibeln, ach ja, die Bibeln: Auch sie wurden inzwischen gekürzt, es wurde ja höchste Zeit. Das Eigentliche ist natürlich dringeblieben: unsere neuesten Forschungen haben doch ergeben, dass es eigentlich, bei neuem Licht betrachtet, nur um Mord, Eifersucht, Raub, Sex und Krieg darin geht. Die Leute sollen es merken: Das ist ein Buch wie alle andern, Schafft nur ja diese blödsinnigen Unterschiede weg, alles ist gleich.”

Na, unser Ausbilder hört sich gerne reden, das habt Ihr gemerkt. Aber wir, wir müssen das alles jetzt machen, wir müssen das in die Tat umsetzen, nur dass keiner das mal lobend erwähnt.

Das mit den gekürzten Ausgaben hat mich doch ein Bisschen geärgert, muß ich sagen. Trauen DIE uns denn kein eigenes Urteilsvermögen mehr zu? Ich hätte gute Lust, nach einer vollständigen Ausgabe zu suchen, das wird man ja wohl noch dürfen. Aber meine Tage sind ausgefüllt bis zum Rand, es geht einfach nicht. Nur, diese Gängelei, ich kann sie einfach nicht vergessen. Da hat man ein Studium mit Gut abgeschlossen, da hat man mehrere Fortbildungen gemacht, da hat man sich hineingekniet in die diabolische Anthropologie, da hat man sich bemüht, auf dem Laufenden zu bleiben: aber wenn es dann mal darum geht, ganz selbständig zu denken und zu handeln, da hört das Vertrauen schon auf. Moment mal: Vertrauen, Mensch, das gehört ja auch zu den Unwörtern, das hatte ich ganz vergessen. Man muß schon ganz schön aufpassen, dass man sich da nicht vertut. ES gibt halt Sachen - vielleicht gab es mal einen besseren Ausdruck dafür, - die lassen sich einfach nicht ausrotten, unwillkürlich kommen sie hoch und schleichen sich ein, man weiß nicht wie. Neulich habe ich doch tatsächlich gehört, dass für unsere Verwaltungsbehörden neue Geräte angeschafft worden sind, mit denen man aufzeichnen kann, was der Kunde gerade so denkt. Das wird dann auf einem Bildschirm sichtbar, irgendwie können die das dann ablesen. Ich hab’s ja gesagt: Vollständige Herrschaft! Aber wärt Ihr nicht auch froh, wenn Ihr da noch möglichst lange durchwitschen könntet?

Wenn ich Euch jetzt hoch und h. verspreche, dass ich Eure kostbare Zeit nun wirklich nicht mehr lange in Anspruch nehmen möchte, - Ihr müsstet für das Folgende etwa 4,58 Minuten einplanen - also bitte, es ist mir wirklich wichtig, hört mir noch so lange zu!

Es geht ums Hin-sehen und ums Weg-sehen, Ihr kennt ja die beiden Wörter. Laßt mich mal einen Vergleich gebrauchen, das ist manchmal ganz gut. Wenn Ihr Euch einen neuen Fern-seher anschafft, Flachbild sowieso, aber auch mit allen anderen Finessen, Ihr seid da ja sicher auf dem neuesten Stand, dann liegt obenauf in der Riesenkiste eine Bedienungsanleitung, da steht (manchmal sogar noch auf Deutsch) alles drin, was man einstellen muß, um einen Raumklang usw zu bekommen. Nun mal meine Frage: Warum schicken DIE Euch fürs Hin-sehen keine Anleitung? Daran liegt doch die ganze Misere, das musste hier einfach mal gesagt werden! Man kann doch nicht von Euch verlangen, dass Ihr das alles im Kopf oder im H. habt.

Ich möchte bitte nicht missverstanden werden bei nächsten Satz: Es geht nicht um eine Pause, sondern um leere Zeit, Dass das klar ist. Also gestern, da war so eine leere Zeit. Zum angesetzten “Versöhnungstermin” sind die beiden erst gar nicht erschienen, und der Nachbarstreit, den habe ich geschwänzt, die Sache war klar genug. Also: Als ich dann draußen war, da sah ich viele Leute irgendwohin strömen, irgendwas musste es gerade geben. Ich war natürlich mit dabei, und plötzlich waren wir alle in einem Saal mit einem Podium. Die Leute neben mir redeten immer von Klima, Ozon usw. Nun wusste ich zwar, dass es dafür speziell Ausgebildete … gibt, die sich seit etwa einem Jahr wieder häufiger sehen lassen, aber es war keiner von denen in der Nähe, also bin ich einfach mit reingegangen, schaden konnte es ja nicht.

Erst gab es die üblichen Vorträge, manchmal mit Bildern, und dann später eine Diskussion. Die Leute waren fast alle ein und derselben Meinung, ähnlich wie bei den Erdbeben usw, es gab nur geringfügige Unterschiede, und es fing an, mir langweilig zu werden. Aber dann kam der letzte Redner, und bei dem habe ich die Ohren gespitzt. ER sagte ungefähr:

“Wir haben bisher immer nur vom Klima über der Erde gesprochen, es gibt aber auch eins auf der Erde, ein Klima zwischen uns, ein Klima zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West, zwischen Mann und Frau, zwischen Menschen und Menschengruppen. Ja, ich weiß, das ist heute nicht unser Thema hier, aber ich muß trotzdem davon reden am Schluß. ES könnte nämlich sein, dass beides irgendwie zusammengehört, dass das eine zumindest auch deshalb so schlimm wird, weil das andere schon schlimm ist, weil also jedes Land, jede Regierung, jede Volkswirtschaft sich kollektiv-egoistisch verhält, weil also ein wirkliches Welt-interesse gar nicht vorhanden ist. Und das muß ich auch noch dazu sagen, auch wenn es vielleicht stört und ärgerlich klingt: Die Erwärmung des einen Klimas läuft parallel mit der Erkaltung des anderen. Den künftigen Untergang durch die Wärme fürchten wir mit Recht, aber den andern, den an der Kälte, den zu merken fangen wir erst an, und von einer wirklichen Bekämpfung dieses Klimas kann überhaupt noch nicht die Rede sein. Die Luft, die wir zum Leben brauchen, ist nicht nur die Atemluft, sondern auch die andere, für die wir erst noch einen Namen finden müssen.”

Also was ist denn jetzt los? Nach diesem idiotischen Unsinn müsste doch der ganze Saal wackeln vor lauter Protest, wozu dennn unser ganzer Aufwand in all den Jahren! Der Kerl gehört doch vernichtet, wo bleibt denn der Chef, jetzt brauchen wir ihn! Die Pause ist da, alle denken sie nach, keine Comedy, keine Musik, es ist zum Tot-ärgern!

Mir geht die Luft aus …

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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