Doppelgesicht


Helmuth Zedlitz - im April 2008


Szene:

Ein Gasthaus in den Bergen. Mehrere Straßen führen daran vorbei, in einiger Entfernung steigt ein Weg den Abhang entlang, später zum Waldrand und dann in den Wald. Das Gasthaus ist mit Gartentischen und -Stühlen versehen. Im Vordergrund stehen drei Tische nebeneinander, im Hintergrund noch andere Tische. Es ist ein noch kühler Sommermorgen, die Sonne zeigt sich jedoch bald und erwärmt die Gegend sehr schnell. Der Verkehr auf den Straßen ist noch gering, wird jedoch bald stärker wegen des Wochenendes. Es gibt aber immer wieder stille Momente, in denen dann die weite Berglandschaft spürbar wird. Am linken der drei Tische sitzt ein älterer Mann, sein Gesicht ist meist in den Händen vergraben, nur ab und zu hebt er es anscheinend ohne ersichtlichen Grund und sieht ins Weite. In solchen Augenblicken beginnt er zu deklamieren, wenige Verse meist, und bricht wieder ab. Die Nachbartische sollen offenbar auch besetzt werden, einige Gegenstände stehen schon darauf. Die Kellnerin kommt wiederholt nach draußen, meidet den linken Tisch sorgfältig und macht sich an den anderen Tischen zu schaffen.

Petra, ein Hotelgast, tritt aus dem Haus und geht zunächst auf den bereits gedeckten Mitteltisch zu, zögert aber dann und wendet sich, ohne das bereitgestellte Frühstück zu beachten, einem Tisch im Hintergrund zu, wo sie sogleich eine Wanderkarte ausbreitet, die sie bei sich trägt. Sie beugt sich konzentriert über die Karte, so dass die Kellnerin nicht wagt, sie an das Frühstück zu erinnern.

Klaus kommt aus der Tür und begrüßt die Kellnerin zerstreut, sieht das Frühstück und setzt sich, ohne zunächst Petra zu bemerken. Seine Haltung ist nachdenklich, er wirkt wie abwesend und scheint kaum etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen. Als wieder einmal eine kurze Stille eintritt, hebt er den Kopf und lauscht. Die Kellnerin tritt an den Tisch und fragt, ob alles in Ordnung ist mit dem Frühstück. Als am Nebentisch ein undeutliches Gemurmel hörbar wird, sagt sie leise zu Klaus:

Kellnerin:
Lasse Sie sich nur net störe, der isch e wenig (sie tippt sich an die Stirn.) “Unser Dauergascht halt, jede Morge des gleiche. Aber bös isch er eigentlich net, des kaa mer net sage. Nur dass mer halt net weiß, was er meint, wenn er plötzlich afangt zu schwätze.”

Klaus:
Ja ja, gut, - aber war denn meine - war denn Frau Dangert noch nicht hier, sie wollte doch -

Kellnerin:
Da hinte sitzt sie doch, ihr Kaffee wird schon kalt, schad um des schöne Frühstück.

(Klaus steht auf und geht durch die Tischreihen zu Petra. Er sieht ihr über die Schulter und Stutzt, als er sieht, wohin ihr Zeigefinger gerichtet ist. Er steht noch einen augenblick und überlegt.)

Klaus:
Willst Du die Karte mit Deinem Zeigefinger durchbohren? Sie ist nicht schuld daran, dass wir uns verlaufen haben. ES war mein Fehler, ich habe es gesternabend schon einmal gesagt.

Petra
(ohne ihn anzusehen):
Fehler! ES fehlt nur noch, dass DU “Sorry” sagst. (sie faltet mit harten Bewegungen die Karte zusammen und wendet sich schroff zu ihrem Früstücksplatz)

(das folgende Frühstück gestaltet sich so, dass Petra völlig auf sich selber konzentriert ist, während Klaus einige Mal versucht, durch Hinüberreichen und Zunicken etwas wie Gemeinsamkeit herzustellen. Da es ihm gänzlich misslingt, zieht auch er sich mehr und mehr zurück. Der Autoverkehr ebbt wieder einmal ab, bis es vollkommen still wird. Klaus hebt wieder den Kopf, wie um zu lauschen.)

Dauergast
(murmelt ähnlich einem Betrunkenen):
Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort.
Hier stock’ ich schon ... (er hustet und bricht ab).

(Klaus wendet sich mit knapper Bewegung zum Sprechenden und schüttelt dann mehrfach den Kopf. Petra, durch das hingeworfene Wort sichtbar getroffen und gereizt, steht auf, richtet den Zeigefinger gegen Klaus, lässt den Rest des Frühstücks liegen und entfernt sich in großer Erregung. Sie ist bald nur noch in der Ferne zu sehen.)

(Klaus scheint beinahe erleichtert, er denkt offenbar nicht daran, Petra zu suchen. Das Frühstück ist ihm kaum wichtig, er verfällt immer wieder ins Nachdenken, er wirkt wie gelähmt oder unter einer Last. Petra hat ihre Tasche neben dem Stuhl gelassen, ihre Jacke, die sie bei steigender Sonne abgelegt hat, hängt über der Lehne. Nach einiger Zeit kommt Petra zurück, offensichtlich aber nur um ihre Sachen zu holen.)

Klaus
(steht auf und tritt ihr in den Weg):
Nein, so geht das nicht zwischen uns! Ich möchte jetzt von Dir wissen, warum DU seit gesternabend kein vernünftiges Wort mehr mit mir gesprochen und Dich von mir abgewendet hast, als hätte ich Dir etwas Schlimmes, Unverzeihliches angetan. Jetzt hör bitte auf mit diesem demonstrativ abfälligen Benehmen und sag mir, was eigentlich geschehen ist!

Petra:
Was geschehen ist? Du warst doch selber dabei, als es immer stiller wurde, der Weg immer schmaler, kein fester Untergrund mehr, Bäume und Unterholz ringsum, kein Licht von oben, nichts zu sehen und zu hören… DU hast es doch selber erlebt, und DU weißt auch, dass ich die Stille nicht ertragen kann, dass ich Leben um mich brauche, lautes, fröhliches Leben. Das hast Du gewusst, und trotzdem musstest Du in diese Gegend gehen, wo nichts los ist, wo keiner redet und Du selber auch immer schweigsamer wirst. Und vom Schlimmsten… (sie bricht ab, sie wird von einer Erinnerung überwältigt und ringt nach Fassung)

Klaus
(tritt ihr erneut in den Weg, als sie ausweichen will):
Was ist das Schlimmste?

Petra:
Was fragst Du? DU hast es doch auch gehört, als wir nicht mehr weiterkamen, als es aus war mit unserer Orientierung, als keiner von uns mehr reden konnte!

Klaus
(fasst sie am Arm und führt sie von den Tischen weg, sie lässt es geschehen):
Ja, ich weiß, da war nichts mehr, eine Stille, wie ich sie überhaupt noch niemals erlebt habe.
(er spricht halblaut wie zu sich selbst) Daß mir dieser Augenblick zuteil wurde… dass ich eintauchen durfte in diesen heiligen Raum, nichts mehr hat mich getrennt von der Stille, alles war gut, gut wie (er sucht vergeblich nach Worten).

Petra:
Wie redest Du! (sie starrt ihn an wie aus weiter Ferne.)
Da war etwas - ein Geräusch, nein, etwas - in meinem Nacken, überall - so stark wie ein elektrischer Schlag. Ich bin beinahe daran gestorben, und Du … es ist einfach unmöglich! (sie geht einige Schritte und weint, mehrmals stampft sie auf.)

Klaus
(sieht ihr nach wie einer Fremden. Petra ist in hellem Zorn, und da sie niemanden vor sich sieht, den sie anklagen könnte, wendet sie sich und kehrt zu Klaus zurück).

Petra:
Meine Lebensfreude machst DU mir kaputt, einen Schrecken jagst Du mir ein, den ich niemals wieder los werde!

Klaus:
Ich, ich jage ihn Dir ein? Wie kommst Du darauf?

Petra:
Wer denn sonst?

Klaus:
Es gibt einen, den DU nicht sehen kannst, und ich auch nicht.

Petra
(stutzt, ihre Züge verhärten sich):
Der ist für die Alten, da hat er genug zu tun! Wir Jungen haben ein Recht auf Leben!

Klaus:
Und DU meinst, er fragt danach? Du meinst, er zählt die Jahre, bevor er -

Petra:
Du lenkst nur von Dir selber ab! Hättest DU nicht -

Klaus
(wendet sich mit einer heftigen Bewegung zum Tisch, greift nach der Karte und hält sie Petra hin, sie nimmt sie unwillkürlich):
So such Dir einen Weg, auf dem Du ihm nicht begegnest.

Petra:
Ich lasse mir meine Lebensfreude nicht nehmen, sie ist mein Teil und mein Recht -

Dauergast (unterbricht mit gehobener Stimme):
Den schlepp ich durch das wilde Leben,
durch flache Unbedeutenheit.
Der soll mir zappeln, soll mir kleben… (Er stützt das Gesicht wieder in die Hand und murmelt Unverständliches vor sich hin).

Petra
(lässt die Karte zur Erde fallen, bemerkt dann ihre leeren Hände und hebt die Karte mit raffender Bewegung wieder auf. Sie greift ebenso hart nach ihren Sachen und geht ohne Gruß aus dem Gartenlokal. Als sie in der Ferne bei ihrem Auto angekommen ist, sucht sie in größter Hast nach ihrem Schlüssel, findet ihn endlich und schlägt die Tür zu, nachdem sie eingestiegen ist. Sie braucht lange, bis sie sich fassen und die Fahrt beginnen kann. Der Motor heult auf, es klingt wie bei einem Anfänger, ehe sie zu den normalen Griffen fähig ist.)

(Klaus hat sich ermattet niedergelassen, blickt in die halbgefüllte Tasse und trinkt einen Schluck. Seine Kräfte verlassen ihn spürbar, es ist, als wäre der vorangegangene Streit nur ein letztes Aufzucken gewesen. Sein Blick richtet sich wie zufällig auf den Dauergast, er rafft sich mühsam auf und geht unsicher auf ihn zu. Als der Dauergast nicht aufblickt, tippt Klaus ihn an die Schulter, langsam hebt er den Kopf.)

Klaus:
War denn im Anfang wirklich das Wort?

Dauergast
(sieht ihn mit glasigen Augen an, weist mit undeutlicher Bewegung gegen den Wald)

Klaus
(wendet sich gegen den Wald):
Ja, Sie haben Recht.

(Die Kellnerin hat sich den Tischen genähert, die Annäherung der beiden Gäste kommt ihr verdächtig vor. Nun bemerkt sie auch das Fehlen von Petra und ihren Sachen)

Kellnerin:
Het denn Ihre - d’Frau Dangert schon zalt an de Rezeption?

Klaus
(sehr matt):
Ich weiß es nicht - aber ich bleibe noch, drei Tage bestimmt …

Kellnerin:
Also gut, aber Sie sinn so blaß worre? het der scho wieder…?

Klaus:
Nein nein - ich wüsste nur gern, wohin der Weg dort führt, erst in den Wald, und dann?

Kellnerin:
Um Himmels Wille, der isch nix meh, den goht keiner meh, lasse Se’s bleibe!

Klaus
(ist vom Lärm mehrerer Motorräder wie getroffen, wendet den Kopf hin und her):
ES ist hier so laut -

Kellnerin:
Ha, des isch noch gar nix, am Nachmittag erscht!

Klaus
(erschrickt und wendet sich zum Gehen.)

Kellnerin:
Nehme Se die Kart mit, sie liegt doch da hinde! (sie geht an den Tischen entlang, um die Karte zu suchen. Als sie zurückkommt, ist Klaus schon gegangen. Er hat sich in die Richtung zum Wald gewendet und beschleunigt den Schritt, als würde er gezogen).

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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