Das Beste des Innern


Helmuth Zedlitz


"Ja das Köstlichste, was der Mensch hat, hängt, wie jeder leicht wissen kann, irgendwo zuletzt an einem solchen Punkte, der im Dunkeln gelassen werden muß, dafür aber auch das Ganze trägt und hält und diese Kraft in demselben Augenblicke verlieren würde, wo man ihn in Verstand auflösen wollte".

Friedrich Schlegel



Ein Therapiewochenende fand, nachdem so gut wie alle Gruppenmitglieder sich wieder im Raum eingefunden hatten, am sonntagmittag folgenden Abschluß:



"ist jetzt allen klar, was Ihr in der nächsten Stunde machen sollt, oder gibt es noch Fragen?"

sagte die Therapeutin.


"Ja, einen Moment bitte, ich bin doch gerade erst gekommen!

Also was sollen wir..."


"Also zum viertenmal: Ihr schreibt bitte zwei Geschichten auf: Die eine, die Euch als Kindern wichtig war, die zweite, die etwa mit 13 oder 14 von Bedeutung war. Geschichten, das müssen keine ausgewachsenen Erzählungen sein, auch nicht unbedingt Märchen, aber es müssen Worte oder Ereignisse sein, die, soweit Euch das zur Zeit bewusst ist, ganz nahe mit Euch zu tun haben oder wenigstens zu tun hatten. Darum geht es! Und schreibt bitte einfach drauflos, ohne Euch irgendeine Hemmung anzulegen: Das darf ich doch nicht, das ist doch lächerlich ... einfach so, wie es gerade kommt, das ist sehr wichtig!"


"Und wer liest das nachher? Geben wir es Dir ab wie eine Klassenarbeit ..."


"Nein, um Himmels Willen, das ist für Euch, Ihr seid es ja und Eure Geschichten. Wenn Ihr nachher dann darüber reden wollt, ist das auch eure eigene Entscheidung, ich richte mich ganz nach Euch. Allerdings, die Zeit wird ziemlich knapp, nachdem wir heute Morgen so spät angefangen haben ..."


"Können wir nicht zu zweit ..."


"Nein, natürlich nicht, das ist doch klar! ES geht um jede und jeden für sich allein, das müsste doch nun allmählich verstanden sein".


Die nächsten Worte brauchen hier nicht wiedergegeben zu werden, sie waren ohnehin im allgemeinen Stühlerücken nicht zu verstehen. Es dauerte recht lange, bis die Ruhe endlich hergestellt war. Jeder hatte sich seinen Platz gesucht, möglichst weit von den anderen oder doch wenigstens so, dass das Alleinsein sichtbar und spürbar war.


Vera konnte es, während sie mühsam einige Zeilen schrieb, nicht unterlassen, den Blick auf Christian und seinen Zettel zu richten. ER spürte es aber und zog sich kopfschüttelnd noch weiter zurück. Er tauchte in seine Gedanken,

ohne zunächst ein Ziel vor sich zu sehen. Sein Gedächtnis war zwar reich an Zitaten, auch an solchen, die in keinem Buch zu finden waren - aber es sollte ja etwas besonders Wichtiges sein, so eine Art Grundstein - nein: Grund-wort natürlich! - manchmal ist einem das eigene Gedächtnis auch im Weg, am besten, ich bleibe einfach bei ganz bestimmten Worten, irgend etwas wird mir schon dazu einfallen - zu "Nachsinnen" beispielsweise, da muß es doch irgendetwas geben, gegeben haben ...


"... er sinnt und sinnt, was sie bedeutensollen..." Na also, schon ein Anhaltspunkt! Aber wer soll etwas bedeuten? Ah ja: "Runen, die geheimnisvoll ... eingegraben sind ... wer sie erblickt, der kann nicht wieder fort, er sinnt und sinnt, was sie bedeuten sollen, und sinnt's nicht

aus ..."



Das war zwar keine Geschichte, nur ein Bruchstück aus einem Schauspiel, aber das sollte ja gleichgültig sein, die Hauptsache war doch ... ja, es war SEIN Wort. Aber freilich nicht mit 6 Jahren, da musste es noch etwas anderes gege ben haben, vielleicht doch aus einem Märchen?

Ja: Marienkind, die dreizehnte Tür, die nicht geöffnet werden darf,

Also, nicht weiter nachdenken, einfach schreiben hat sie gesagt: Die dreizehnte Tür!


ES kam, wie die Therapeutin es befürchtet hatte: Zum Reden blieb keine Zeit, jeder musste zu seinem Zug oder zu seinem Auto, die Wege waren zum Teil weit und die Straßen voll vom Sonntagsverkehr.


"Kannst DU mich mitnehmen, ein Stück wenigstens," sagte Vera im Aufbruch zu Christian. "natürlich", antwortete er, mehr höflich als freundlich, denn ihm war nicht sehr nach Reden zumute. Aber Vera war ohne Zweifel die hübscheste, und ganz

allein fahren, nein, das wollte er auch nicht.


Nach dem chaotischen Abschied mit "Tsüß" hier und "bis bald" da

saßen sie nun im Auto, die Streß-seufzer waren ausgeseufzt, man konnte anfangen zu reden.



"Du, Vera, Dein Spicken vorhin" -


"ach laß doch! Wenn einem nun mal nichts einfällt" -


"Na, irgend etwas muß doch bei Dir dagewesen sein mit 6 oder 13 Jahren, ich kann mir gerade bei Dir nicht vorstellen, da war tabula rasa".


"O, danke für dasKompliment" - sie war offenbar froh, endlich einen Grund zum Lächeln erhalten zu haben. "Vielleicht ist mit mir in - mancher Hinsicht überhaupt nichts los".


"Nun hör aber auf! Das würde ja bedeuten, Du - Du hast überhaupt keine Seele " - er musste lachen.



"Vera ohne Anima" - sie lachte auch - "Du, übrigens, ich muß noch Geld aus dem Automaten holen, kannst DU bitte anhalten"?


Sie stieg aus, die Karte in der Hand. Sie betätigte eine Taste nach der andern, zwar mit hartem Griff, aber ohne den gewünschten Erfolg. Nach einem neuen Versuch schlug sie mit der faust gegen das Gehäuse und verzog das Gesicht - etwas geschah in diesem Augenblick mit ihr, sie wusste nur selbst nicht was.


"ich kann dir doch leihen, 20 Euro oder so" -


Sie schüttelte heftig den Kopf. "Nein - erzähl mir lieber, was Du vorhin geschrieben hast".


"Jetzt geht das schon wieder los! Ich habe Dir doch schon gesagt" -


"Nichts, gar nichts hast Du gesagt! "


Der veränderte Klang ihrer Stimme ließ ihn den Wagen bremsen und anhalten. ES war nun doch wohl Zeit, dieser Frau ins Gesicht zu sehen. ES glühte vor Erregung, ihr Blick enthielt einen Ausdruck, den ein junger Mann, nahe neben ihr, wohl nur auf eine Weise deuten konnte - und es fehlte auch wenig, so hätte er sie ergriffen und ihren Mund heftig geküsst - aber etwas hielt ihn zurück. So dehnte sich dieser Moment auf eine unnatürliche Weise in die Länge, bis Vera, hoch im Sitzen aufgerichtet, den Streit wieder aufnahm:


"Immerhin, wir sind in einer Gruppe! Immerhin, wir duzen uns!"


"Und Du glaubst, all das gibt dir das Recht, nach meinem - meinem Geheimnis zu fragen? hast DU nicht noch ein drittes "Immerhin" parat"?



ER sah, wie sich ihre Lippen öffneten und gleich darauf wieder schlossen. Sie drehte den Kopf zum Seitenfenster und war schon beim Aussteigen.


"Noch einmal, Vera, ich kann Dir gern etwas leihen" -


"Danke danke, es geht schon, wir wohnen doch zu weit von einander weg" -


Hatte sie doch gesagt oder noch?


Das plötzliche Alleinsein überfiel Christian mit unerträglicher Gewalt. Eben noch eine Frau so nahe, und jetzt? Nichts mehr, kein Gesicht, keine Stimme, kein Körper mehr - es war zu viel. Nach einer halben Stunde rief er Vera an. Sie deckte den Tisch und zog sich um für den Abend.



Es zeigte sich bald, dass die Verschiedenheit ihrer Berufe nicht zu einer Ergänzung, sondern eher zu einer wenn auch zunächst nur schlleichenden Trennung führte.

Es kam hinzu, dass beide, sie als Journalistin und er als Organist, häufig unregelmäßigen Dienst hatten. Interviews mussten manchmal auch am späteren Abend genutzt werden, etwa nach Theatervorstellungen, Filmen oder auch Vorträgen. Zeit und Ruhe blieb ihnen nicht viel, wobei freilich Veras Bedürfnis nach Entspannung eher gering war, so gering, dass Christian sich von Tag zu Tag mehr darüber wunderte.


Während Cristian die aufkommende Spannung auch seinem Freund Martin gegenüber nicht mit Worten ausdrücken konnte oder wollte gab es zwischen Vera und ihrer Freundin Julia recht offene Gespräche dazu. Dabei gab Vera weit mehr an Einzelheiten preis, als Julia je erwartet oder gar herausgelockt hätte. Sie war jedoch weise genug, den Überhang dieses Wissens nicht im Mindesten zu gebrauchen, was wiederum Vera als Freundschaftstat gar nicht zu bemerken schien. In ihr hatte sich bald ein unumstößliches Urteil gebildet: Er, Christian, war als Organist weit weg von der Welt - übrigens: Wer hörte heute schon noch Orgelmusik? - und hatte es daher mehr als nötig, von ihr wieder mit der Welt in Verbindung gebracht zu werden. Aufgeben nämlich, sich von ihm trennen wollte sie nicht. Denn er war ohne Zweifel ein interessanter Mann, und wenn er eines Tages auf ein anderes Instrument umsattelte, wer weiß, was aus ihm noch werden konnte. Darunter aber, gleichsam unter diesem vorgefassten Ziel, lag noch ein anderes, das nie mehr zur Sprache kam, dem sie aber mit Geduld und Beharrlichkeit folgte. Nach außenhin sah es wie Liebe aus, und auch Christian selbst nahm zunächst kaum wahr, dass es jenes heimliche Ziel noch gab. Die Unterhaltung im Auto hatte er vergessen, sie war

unwichtig geworden.


ES gab freilich Dinge, die zwischen ihnen besser nicht berührt werden sollten. Dazu gehörte sein Orgelspiel, aber auch seine Neigung zum Zitieren, zwar treffender, Vera aber unbekannter Sätzen. Für Christian dagegen waren die Befragungen im Fernsehen kaum zu ertragen, während sich Vera oft auf eine Weise daran freute, die ihn tief erschreckte und die das Wachsen eines Abstands bewirkte, der dann an einem Abend klar zutage trat.

, der dann, an einem Abend, klar zutage trat.


An einer bestimmten Antwort auf eine Frage im Fernsehen hatte es sich erwiesen, dass der Befragte selbst von Ereignissen der jüngsten Vergangenheit kaum etwas wusste. Die Qualität der Antwort versetzte Christian in eine ärgerliche Ungeduld.


"Ich würde mich schämen, solch einen Unsinn von mir zu geben" -


"Wieso, man kann das doch nachlesen" -


"Im Internet" - er lachte laut.


"Ja, z.B. im Internet. Warum soll man sein Gedächtnis damit belasten"?


"Du meinst, es ist eine Belastung für unser Gedächtnis, etwas aus der Vergangenheit zu behalten, und noch dazu aus der Jüngsten" -


"ja natürlich, man wird von der Gegenwart abgelenkt, und das kann sich heute keiner mehr leisten, es ist ein überflüssiger Luxus, vielleicht sogar so etwas wie ein Verbrechen, ich finde keinen besseren Ausdruck dafür" -


Christian hatte den Fernseher ausgeschaltet, Vera schien heute nichts dagegen zhu haben.


"Ein Verbrechen an der Gegenwart, meinst DU" -


"ja. ES ist eine Art Diebstahl: Man nimmt ihr etwas weg, was ihr gehört" -


"Das musst DU mir jetzt erklären: Was gehört ihr, was gehört der Gegenwart ? -


"Na, das ist doch klar: Wir, DU und ich, wir alle. Wem sollte denn sonst unser Leben gehören? Wir leben heute und nirgendwo sonst. Das ist zwar eigentlich eine Binsenwahrheit, aber es gibt ein paar Leute, die es noch immer nicht begreifen wollen. Ich merke schon, dass Du damit Deine Schwierigkeiten hast, DU ziehst Dich an Deine Orgel zurück, obgleich Dir doch klar sein müsste, dass heute keiner mehr Orgelmusik hört. Das ist es genau, was ich meine: Du machst von Deiner enormen musikalischen Begabung im Grunde keinen Gebrauch, Du gehst damit ins Leere, keiner hört Dir zu oder nur die wenigen, die vielleichnoch in Deiner Kirche sitzen. Es lohnt sich nicht, was DU tust, es kommt nichts dabei heraus" -


"Springt, wolltest DU sagen" -


"Also gut: ES springt auch nichts heraus, keine Bekanntheit, keine Anerkennung, Du bist allein dort oben" -

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"Du kommst ja auch nicht mit, kein einziges Mal" -



"Nein, ich auch nicht, und ich werde es auch nicht tun, Du kennst jetzt den Grund.

ES mögen wunderbare Töne sein, die Du hervorbringst, aber die Welt ist nicht wunderbar, sie ist nicht einmal gut und wird es nie sein, Du kannst Choräle spielen, so oft Du willst, sie wird nicht besser davon"! -


ES blieb lange still, und Vera fing an, sich zu freuen, dass ihre Worte endlich Wirkung zeigten oder doch zu zeigen schienen. Er wusste offenbar nichts mehr dagegen zu sagen.


"Also gut, vera", sagte er mit veränderter Stimme und stand auf. "Dann sag mir nur noch eins:

Was wirst DU Deinen Kindern geben von der Welt, in ihr Ohr und in ihr Herz? Was wirst dU ihnen sagen"? -


"Ohr und Herz - wie redest Du wieder" -


"Gut, nimm einen anderen Begriff, wenn Du ihn findest, einverstanden. Aber ein einzigesmal frage ich Dich so, wie Deine Kollegen es im Fernsehen tun, hart und direkt: Was sagst du Deinen Kindern von der Welt, wenn sie Dich fragen, oder auch, ohne dass sie dIch fragen, einfach nur aus Dir, aus Deiner Liebe" -


Als Vera sitzenblieb und seinem eindringlichen Blick auswich, ergriff er sie bei der Hand und zog sie hoch. Er sagte kein Wort mehr, aber seine Augen hielten sie fest.


Bevor sie sich noch bewusst werden konnte, was ihr Schweigen bedeuten musste, zog sie ihre Hand zhurück und sagte laut:


"warum soll nicht auch einmal ein vater fürs Märchenerzählen zuständig sein? "


Kurze Zeit später war Vera allein in ihrer Wohnung.


"Deine Kinder" - Also seine jedenfalls nicht - überhaupt das ganze hoch erregte Gespräch - es rief einen brennenden Schmerz in ihr hervor, der unbedingt und auf jede Weise bekämpft werden musste. Das Fernsehen, für ähnliche Fälle oft gebraucht, erwies sich heute als untauglich, und bald saß sie und dachte nach in höchster Konzentration.



Christians innerer und äußerer Rückzug war offensichtlich. Wie konnte er aufgehalten werden?



An Christians Geburtstag kam Vera nach Dienstschluß in seine Wohnung und brachte ihm eine CD mit Orgelmusik, worüber er sichtlich erfreut war. Als er aber sah, dass unter der Nr.13 ein Stück aufgezeichnet war, das er selbst gerade übte, kam zur Freude eine Überraschung, auf die er so warm und herzlich reagierte, wie es schon seit langem nicht mehr geschehen war. Daß Vera dies Stück nicht mit Absicht ausgesucht hatte, weil sie es nicht kannte, ließ sie sich nicht anmerken, und es schien so, als könnte dieser Tag eine Wendung bedeuten.



An Julias Heirat mit Christians Freund Martin lag es wohl nicht, dass ihre Freundschaft mit Vera mehr und mehr an Wert verlor. Julia spürte einen wachsenden ineren Vorbehalt gegen Vera, den sie freilich in sich selber zu bekämpfen suchte. Warum sie an Vera festhalten wollte, hätte sie selber kaum zu sagen gewusst. Sie hoffte wohl insgeheim, es könnte doch noch eine Wendung eintreten oder, besser noch, eine Veränderung Veras gelingen, zu der sie, Julia, als ihre einzige Freundin einen vielleicht entscheidenden Beitrag leisten konnte. Den Gedanken, es könne dafür zu spät sein, verbot sie sich - so etwas durfte es doch unter Menschen nicht geben, wozu gab es denn sonst die hohe Eigenschaft der Geduld? - Hätte sie sich aber nach der anderen Wurzel einer Freundschaft gefragt, dem Vertrauen, so wäre die Antwort in Veras Fall auf ein bedauerndes Kopfschütteln beschränkt geblieben. In jenem Anteil menschlichen Vertrauens, der nur zwischen zwei Frauen zur Entfaltung gelangt,

fühlte sich Julia zuweilen allein.


"Du sagst immer, ich bin nur noch auf dem Sprung und dauernd unterwegs", sagte Vera beim Eintritt in Julias Wohnung - "Heute habe ich Zeit, anderthalb Stunden"! -


"Ich bin auch extra zu Hause geblieben, ich wollte eigentlich zu einem Vortrag" -


"DU auch? Ich hätte eigentlich gehen müssen, aber ich kann darauf verzichten, das Thema interessiert mich überhaupt nicht, und reden muß ich nachher noch ohnehin mit ihm, mit dem Professor" -


"Vom Geheimnis und seiner Kraft" - ES klang beinahe feierlich, wie Julia es sagte.


"Damit lockt man einen Journalisten nun wirklich nicht hinter dem Ofen hervor", lachte Vera, "wir würden ja brotlos, und die Politiker könnten ohne jede Beobachtung ihr Wesen treiben" -


"Aber darum geht es doch gar nicht" -


"Und außerdem, meine Liebe", unterbrach sie Vera, "wenn ein kath. Theologe solch einen Vortrag hält, gibt es wohl nur eine einzige Erklärung dafür" -


"So - welche"?


"Daß er selber ein Geheimnis hat, natürlich! Man weiß ja so allerlei, und gut sieht er auch aus, das kann ich Dir sagen".


"Vera, Dein Horizont - Dein Blickwinkel hat sich ganz schön verengt, muß ich Dir sagen, DU kannst überhaupt nichts mehr anderes denken als Aufdecken, ans Licht zerren, Enthüllen" -


"Ja, ich bin nun einmal fürs Wahre, und das ist auch gut so" - es klang fast wie ein Zitat, Vera saß hoch aufgerichtet und wie kampfbereit der Freundin gegenüber.


"Vera, die Wahrhaftige" - Julia gab sich nun keine Mühe mehr, ihre Ironie zu unterdrücken.


"Ja genau, dazu sind wir da, auch wenn es manche Leute stört oder ärgert".


"Du glaubst doch nicht etwa, ich bin gegen die Wahrheit" -


"also, dann ist es ja gut" -


"ES kommt mir nur manchmal so vor" - Julia zögerte, sie hatte offenbar etwas Hartes im Sinn.


"Was kommt Dir manchmal so vor" - es war eine Kampfansage, weiter nichts.


"Ja - es kommt mir vor, Dir wären anstatt der Ohren zwei Mikrofone gewachsen " -


Vera stutzte einen Augenblick, dann lachte sie laut.


"Halt, Vera, ich bin noch nicht fertig: Eines fehlt nämlich: Die Verbindung zum Herzen" -


Nun war es heraus, und Julia fühlte sich leichter, so leicht wie seit Monaten nicht mehr. Endlich hatte sie den Mut gefunden, endlich war es ihr möglich geworden, zur Hauptsache zu kommen, koste es was es wollte, es ging nicht mehr anders.


"Julia, Du träumst", sagte Vera, nachdem sie immerhin eine Weile geschwiegen hatte - "ein Mikrofon kann nur mit einem Aufnahmegerät verbunden werden, sonst nicht". -


Julia wandte sich ab und ging zum Fenster, vielleicht weil sie hoffte, Martin werde gerade jetzt, in diesem Moment, die Straße entlang kommen. Sie blieben aber allein.


"Laß uns aufhören für heute", sagte Julia vom Fenster her, ihre Stimme war wie gebrochen.


"Halt, meine Liebe", widersprach Vera. "So kommst DU mir nicht davon. Du hast mir eben Deine Sicht von MIR präsentiert, jetzt, bitte, kommt Deine Sicht von Dir selber! Dann gehe ich zu meinem Interview".


Julia sah sie nun doch wieder an.


"Von MIR" - ihre Stimme zeigte ihr Unverständnis.


"Ja, Du weißt, ich frage immer kurz und klar: Wer bist DU? Ich meine natürlich nicht Deinen Namen, den kenne ich ja längst, sondern Dich, einfach nur Dich".


"Aber das kann ich doch nicht selber sagen - vielleicht irgendwann, kurz vor dem Sterben - das kann doch nur jemand sagen, der es gut mit mir meint - Martin vielleicht" -


Veras Blick war und blieb auf sie gerichtet, wie in Positur stand sie vor ihr.


Die Unordnung in Julias Gedanken wirkte wie eine Lähmung.


"Fünf Minuten gibst DU mir Zeit" - kaum war es gesagt, da ärgerte es sie schon, es so gesagt zu haben.


"Weil DU es bist, normalerweise - aber wir sind ja hier nicht beim Fernsehen " - Vera setzte sich wieder und hob ihre Handtasche von der Erde auf.


Schnell verließ Julia das Zimmer und zog sogar die Tür hinter sich zu. Allein musste sie sein, vollständig allein. Sie ging in ihr Schlafzimmer und stand zögernd vor ihrem Nachttisch. Dann öffnete sie die schublade, sah hinein und nahm eine Perlenkette heraus. ES war Martins Hochzeitsgeschenk. Was hatte er am Hochzeitstag zu ihr gesagt, als er sie ihr gab? Nein, Vera ging es nichts an - und doch war diese Kette das Einzige, was Julia ihr nun entgegenhalten konnte. Sie trat wieder ein.


Vera hatte inzwischen ihre Handtasche geöffnet und suchte zerstreut nach etwas, vielleicht hatte sie es erst neu gekauft. Als sie es nicht fand, erschrak sie erst, dann fiel ihr etwas ein, "ach so" dachte sie und musste lachen, sie schloß die Handtasche wieder und sah zur Tür.


Julia blieb, nachdem sie die Tür zugedrückt hatte, in weitem Abstand zu Vera stehen und hob die Kette, es schien, als wollte sie kein Wort dazu sagen.


"Schau her", brachte sie mit heiserer Stimme hervor, "eine von diesen Perlen " -


"Bist DU", rief Vera. "Ja, laß sehen, sie sind alle verschieden. Ich habe noch nie eine so schöne Kette - gib sie mir einen Augenblick, ich will sehen " -


Sie starrte auf die Kette, und so konnte es ihr nicht entgehen, dass Julias Hand sich dort, wo sie die Perlen hielt, wie zur Faust darum schloß.


Da verlor Vera jede Beherrschung und griff nach der Kette. Julia zog die Hand zurück.


"Ich denke nicht daran - Dein kalter Kontrollblick"!


ES war das letzte Wort, zwei Türen wurden zugeschlagen.


Wenig später wusste Julia, dass sie allein war.


Zum zweitenmal innerhalb einer Stunde wuchs in ihr ein deutliches Bild, diesmal aus einer aufsteigenden Angst. Was war geschehen? War nicht Krieg und Angstgeschrei um sie herum? Waren nicht die Verteidiger der Stadt schon in der Minderzahl? War nicht auch ihre Wohnung schon aufgesprengt, drangen nicht Soldaten auch hier hinein? Trug sie überhaupt noch ihre Kleider - und wo war Martin, um sie zu schützen?



Christian lebte seit Jahren in einer Wohnung im 6. Stock eines Hochhauses. Nichts und niemand, auch nicht seine Freunde oder gar Vera, konnten ihn zum Umzug bewegen. Den eigentlichen Grund behielt er für sich: Es war der Kirchturm, den er von einem seiner Fenster vor sich sah, und das Glück hatte es sogar gewollt, dass es seine Orgel war, die dort stand. Jederzeit konnte er üben und spielen, und er nutzte diesen Vorteil aus, manchmal bis in die Nacht, dann freilich mit genauer Rücksicht auf die Nachbarn. Ein Freund der lauten Register war er ohnehin nicht, seine Vorliebe galt anderen Werken.


Am gleichen Abend, während die beiden Frauen ihr letztes Gespräch miteiNander hatten, kehrte Christian nach langem Üben zu seiner Wohnung zurück und fand überrascht seinen Freund Martin vor dem Haus stehen und auf ihn warten. Kaum saßen sie im Wohnzimmer bei einem Glas Saft, da kam Martin schon mit einem kleinen Geständnis heraus:


"Ich weiß ja, Du hast es nicht gern, wenn man Dir heimlich beim Orgelspiel zuhört, und ich habe mich bisher auch strikt daran gehalten" -


"Aber?" - Christian, ohnehin in heiterer Stimmung, musste lachen.


"Ja, heute Nachmittag, gerade vorhin, da habe ich doch zugehört. Die Kirche war offen, selten genug, und - es hat mich etwas hineingerufen" -


"Wie Du das sagst - hineingerufen" -


"ja, ich hätte mir Gewalt antun müssen - die Oberstimme, die anderen hört man ja oft draußen nicht - ich musste sie näher hören, das ging nicht anders " -


"Kannst Du sagen warum, oder willst DU nicht darüber reden?" -


"ES ist alles noch sehr frisch, aber ... wer kann nur so etwas komponieren, das einen so festhält und mitzieht, als wäre es das eigene Leben ..."


"Ja, mein Lieber, das konnte vielleicht nur einer, jedenfalls an der Orgel-


"Ich finde noch kein Wort dafür, es ist wohl besser ..."


"Du musst nicht gehen, wenn DU nichts sagen willst" sagte Christian und wandte sich ein wenig von ihm ab. Er stand leise auf und ging zu einem Regal, das mit Büchern gefüllt war. Eines, ihm offenbar wohlvertraut, zog er heraus und legte es auf den Tisch. -


"Diese verschlungenen Wege", sagte Martin, "dies Vorwärtstasten und Springen, dies Suchen nach einem Thema - es ist wie eine schrift - eine Seelenschrift, wenn es das Wort gäbe".


Christian stutzte und sah ihn in großer Verwunderung an. Er schlug das Buch auf und blätterte um, es waren nur wenige Seiten, bis er fand, was er suchte. ER las vor:


"Du weißt von Runen, die geheimnisvoll - bei dunkler Nacht von unbekannten Händen - in manche Bäume eingegraben sind: Wer sie erblickt, der kann nicht wieder fort,

er sinnt und sinnt, was sie bedeuten sollen, und sinnt's nicht aus, das Schwert entgleitet ihm, sein Haar wird grau, er stirbt und sinnt noch immer. " -


Martin schien zunächst mit Christian ganz in die gehörten Worte eintauchen zu wollen, dann aber wurde er unruhig.


"Ich weiß nicht - das mit dem Schwert" -


Christian sah ihn an und wartete.


"Ganz ohne Streit, ohne Kampf geht es in diesem Leben wohl nicht - und wenn DU spielst, kämpfst Du auch, auf Deine Weise".


"Mir neu", versetzte Christian mit spürbarer Zurückhaltung.


"Jaja, schau nicht so skeptisch! DU setzt den Klang gegen den Missklang, die Stille gegen den Krach, das Wesentliche gegen das Geschwätz, das Verborgene gegen das Sichtbare" -


Christians Gesicht hellte sich auf. ER stand schnell auf und ging durch das Zimmer zu dem Regal, in dem seine Musikalien untergebracht waren. Veras CD war bald gefunden, er sah auf eine Zahl.


"Hat sie es gewusst", sagte er halblaut und nickte dann der Hülle zu wie einem Gesicht. Wie eine Last fiel es von ihm ab, und er war bereit zu einem neuen Anfang.


Er stand jetzt gegen das Regal gelehnt, Martins Gegenwart schien er vergessen zu haben.


Etwas ließ ihn aufhorchen, ein leises, kurzes Geräusch wie von einem Gerät, das sich ausschaltet. ES musste nahe neben ihm gewesen sein, im Regal. Christians Ruhe war verflogen, er griff nach den Noten und Büchern und zog sie heraus, so dass ein größerer Zwischenraum den Blick bis zur Wand freigab. Dort, tief in der Höhlung, lag ein kleines Gerät, Christian nahm es heraus und hielt es hoch. Martin war auf einen halben Schreckensruf des Freundes aufgestanden und trat näher. Beide sahen auf das Gerät, und sie sahen auch, dass ein Kabel daranhing, das hinter den Büchern verschwand. Beide waren wie von einem schweigenden Jagdfieber ergriffen, und endlich fanden sie, was dort im Nebenfach versteckt lag.


"Ein Kopfhörer", fragte Martin.


"Nein, es ist - ja, Veras Mikrofon, sie hat es neu für ihre Arbeit gekauft".


Abgerissene, scheinbar zusammenhanglose Erinnerungsfetzen waren es, die jetzt in Christians Gedächtnis auftauchten. "Ich bin heute bei Julia ... Ihr könnt Euch doch hier treffen, DU und Martin ... es ist doch so nahe bei Deiner Kirche...



Erst als er in der Rechten das kleine Mikrofon, in der Linken aber das Kabel hielt, wurde ihm klar, dass er beides voneinander gerissen hatte. Seine Hände gehorchten ihm kaum, bis er endlich auch den Tonträger aus dem Gerät genommen hatte.


"Ab in den Müll", sagte er nur und gab alles dem Freund mit einer unmissverständlichen Bewegung.


Martin sah ihn an und nickte langsam. "ES ist zwar nur Saft", sagte er mit heiserer Stimme, "aber jetzt muß ich mit Dir trinken".



Mut musste Vera schon aufbringen, am folgenden Tag zu Christians Wohnung zu gehen, wer wusste schon, was dort geschehen würde. Ihr Spiel gab sie verloren, sie hätte es wohl besser einleiten und anstellen müssen. Aber es gab dennoch Grund genug für einen kurzen Besuch.


"Mir fehlt mein Mikrofon, ich brauche es für meine Interviews, gib es mir zurück" -


"ES ist nicht hier in meiner Wohnung, und DU wirst nicht erwarten, dass ich es Dir verschaffe".


"ES könnte ja sein, dass ich gestern etwas zu weit gegangen bin" - er trat einen Schritt von ihr zurück - "Es hat mich eben interessiert, Dein Leben, alles von Dir" -


Auch sie began zu spüren: Es warwie eine Mauer zwischen ihnen. Wie sollte sie zu ihm durchdringen?


"Christian, ich brauche das Mikrofon für meine Arbeit", ihre Stimme wurde jetzt hart, so hart wie nie zuvor. -


"Vera", sagte er mit einer Stimme, die sie nun zum erstenmal erschrecken ließ "Weißt DU, was Mephisto gesagt hat, als er eine Seele nicht bekam?"


"Du mit deinen Zitaten", gab sie zurück und wollte sich zur Tür wenden. Er vertrat ihr den Weg und stand nahe vor ihr.


"Ein großer Aufwand schmählich ist vertan", sagte er laut, unmittelbar in ihr Gesicht. Unwillkürlich hob sie die Hände zu ihren Ohren und streckte sie dann nach vornwie zur Abwehr. ER ließ sie aber noch immer nicht durch.


"Das weißt DU aber noch, wohin er dann gefahren ist, Vera"?


Alles an ihr war nun ohne Leben. Er drückte die Klinke. Erst als sie die weitgeöffnete Tür vor sich sah, ging sie mit unsicheren Schritten darauf zu und in den Hausflur. Sie lehnte sich gegen die Tür des Fahrstuhls. Als die Tür sich öffnete, war es ihr gerade noch mölgich, sich aufzurichten und den engen Raum zu betreten. Christian hatte seine Tür lautstark geschlossen, sie war allein. Die Hand gehorchte ihr kaum, als sie den Knopf zur Abwärtsfahrt bettätigte. Im Parterre angekommen, suchte sie so lange wie möglich Halt an den Wänden, bis plötzlich ein Mann vor ihr stand. ER war blaß und biß sich auf die Lippen, ehe er reden konnte.


"Hier, Dein Mikrofon, ich habe es Dir ersetzt", sagte Martin fast tonoos und hielt ihr das Kästchen entgegen.


Sie sah ihm starr ins Gesicht, und da er das Kästchen nicht mehr festhielt, fiel es auf den Boden. Sie neigte sich langsam nach vorn, um es aufzuheben, und nun hörte Martin von untenher ein Stöhnen, wie er es noch nie von einem Menschen gehört hatte. Da streckte er ihr seine Hand hin, um sie aufzurichten.



Hinweise:

1.. Hebbel, die Nibelungen, Abt. 1, erste Szene

2.. Bach: "Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 659


(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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