Als die Sterbenden, und siehe: Wir leben


Helmuth Zedlitz - Im Februar 2009


Den Weg vom Bahnhof zur Bushaltestelle in M. habe ich gerade zurückgelegt. Nun stehe ich, meine linke am Kofferbügel, vor dem Busfahrplan und suche vergeblich nach dem Bus, der mich mehr als einmal schon nach S. gebracht hat. Warum fährt er nicht mehr, es ist doch Hochsaison? Ärger steigt in mir auf: Immer diese unerwarteten Hindernisse! Meinen Urlaub habe ich mir schließlich verdient! Heiß ist es auch, wie jedes Mal, wenn ich in M. war. Einen Informationskiosk gibt es auch nicht, natürlich nicht! Und was ist mit meiner Stunde am Nachmittag?

Unmittelbar vor mir hält ein Wagen, genau dort, wo eigentlich nur die Busse halten dürfen. Ich, von meinem deutschen Standard geprägt, winke dem Fahrer zu und schüttele den Kopf mehrfach. ES scheint ihn nicht zu kümmern. Er dreht die rechte Scheibe herunter.

“Wohin wollen Sie denn?”
“Nach S. - aber Sie dürfen doch hier nicht” -
“Ach was, wir sind nicht in Deutschland! Steigen Sie ein, ich nehme Sie mit ein Stück weit”.

Ich öffne in höchster Eile die hintere Wagentür, lege den Koffer auf den Sitz und bin kurz davor, meine Frauenkräfte wieder einmal zu verfluchen, was ich vor allem dann tue, wenn einer in der Nähe ist, der mir helfen könnte, es aber nicht tut. Als der Wagen anfährt, bin ich erleichtert.

“Wieso fährt denn Der Bus nicht mehr” - wer redet denn da, denke ich: Ein jammerndes Kind? ES ist wohl besser, ich sage erst einmal gar nichts mehr.

“Wer fährt denn auch nach S., so hoch oben”, sagt mein Fahrer, und da muß ich, durch seinen Tonfall gereizt, natürlich Farbe bekennen:

“Ich kenne keinen schöneren Ort, immer wieder war ich dort, ein Jahr ums andere”.

“Ein Jahr ums andere”, wiederholt er. Wie klingt es nur bei ihm? Ja, wie bei Nietzsche: Die ewige Wiederkehr des Gleichen! Ich hätte Lust, eine Verteidigungsrede zu halten, aber iergend etwas hindert mich daran: Hätte ich es anders sagen, das Missverständnis vermeiden können?

Das Motorengeräusch bringt es mir zu Bewusstsein: Wir sind bereits aus M. heraus. Die Gegend ist mir vertraut, die Ortsnamen ebenso rätselhaft wie eh und je.

“Wohin fahren Sie denn? Sie sagten doch: Nur ein Stück” -

“Das spielt keine Rolle, ich fahre Sie rauf, irgendwie tun Sie mir ja doch leid mit Ihrem schweren Koffer”.

So einer ist es, denke ich: Entweder sagt er ein Wort zu viel oder eines zu wenig.

Nun hat es die wachsende Bergwelt um mich her endlich fertiggebracht: Etwas fällt von mir ab, spürbar von Minute zu Minute, und ich weiß, es ist nicht nur die Hitze von M., es ist etwas anderes, Tieferes, Wichtigeres. Ich fange an, meinem Fahrer zu danken, wenn auch ohne Worte.

“Stört es Sie, wenn ich meine Musik anstelle? Ich komme beim Fahren nicht gut ohne sie aus” -

“Tun sie es nur, es wird ja nicht gerade Techno sein oder so etwas”, sage ich schnell, und ich höre ein kurzes Lachen von ihm.

Ja, das ist sie, die Szene mit dem Steinernen Gast aus “Don Giovanni”, aber wie er sie hört! Den Baß hat er übermäßig verstärkt, die abfallenden Tonfiguren reglieren das ganze Geschehen, so habe ich es noch nie gehört. Ein leiser Schauer überströmt meinen Rücken. Gerade habe ich begonnen, mich leichter zu fühlen, da schlagen die Basstöne mich wieder zu Boden.

Und dann, nach der Höllenfahrt, warte ich auf das Finale, ich höre die ersten Töne schon im Geist, aber sie kommen nicht aus dem Lautsprecher, es bricht ab, als hätte Mozart nicht weitergeschrieben.

“Der arme Mozart”, entfährt es mir.

“wieso denn”, gibt er zurück. “Ich finde, der nächste Teil hat etwas Unwahres, Aufgesetztes, das Eigentliche ist vorbei. “Pentiti, no, pentiti, no”, dreimal, und er bleibt bei seinem Leben, hat keine Angst vor der Hölle”.

“ES muß ja nicht gerade die Hölle sein, aber” -

“Was denn sonst außer ihr?”

“Ich weiß nicht, mir geht diese Stelle ziemlich nahe” -

“Kein Wunder, wenn man immer nur in die Berge fährt”.

“Woher wissen sie, dass ich immer nur in die Berge fahre”, sage ich scharf.

“Ist ja gut”, sagt er mit schlechtgespielter Väterlichkeit. “Vielleicht hören Sie doch lieber Bach” -

“o ja”, ich bin erleichtert und gespannt.

Cembalo, mein Lieblingsinstrument seit meiner Kindheit! Aber was für ein Stück! ES kann nur von Bach sein, ich kenne es nicht und ärgere mich darüber.

“Goldbergvariationen, die letzte Moll-Variation”, erklärt mein Fahrer und dreht sich kurz nach mir um, sieht wahrscheinlich ein großes Fragezeichen in meinem Gesicht.

Was ist nur mit diesem Stück? Der ganze Bau wird nach untern gezogen, die Grundtonart wird fraglich von untenher, man weiß überhaupt nicht mehr, wo es hinausgeht! Ist das überhaupt von Bach, oder ist es nicht aus unserer eigenen Zeit?

Was ist das nur für ein Mensch neben mir: Entweder hat er einen übermäßigen musikalischen Verstand, mit dem er die Struktur dieser Variation zu durchdringen vermag, oder es ist etwas ganz anderes, etwas unter dem Verstand - mir geht es ja ähnlich: Die abfallenden Töne üben eine Kraft aus, die mit unserer Bergfahrt nun wirklich nichts mehr gemein hat.

“Noch nie gehört”, sagt mein Fahrer in seinem Telegrammstil.

“Nein, noch nie - aber verstehen Sie das denn? Die Fremdheit springt mich geradezu an” -

“Weil Sie die klaren Verhältnisse suchen, wo alles so kommt, wie man es erwartet” -

“Ihr zweites Vorurteil, nach einer halben Stunde Fahrt”, ich drehe mein Gesicht zum Fenster, es hat wohl keinen Sinn, mit diesem Bescheidwisser zu diskutieren. Ich hätte jetzt gern etwas Luft und Bewegung.

Tatsächlich, er hält an, vielleicht hat er doch meinen Ärger gespürt. Schnell, ohne ein weiteres Wort, bin ich draußen und gehe wie losgelassen auf der Wiese entlang, die sich rechts von der Straße ausbreitet. Endlich den Kopf heben, frei atmen, keine ironische Bemerkung neben mir … wie lange dauert es noch bis S.? Halte ich das noch durch, oder wäre es besser, einfach hier zu bleiben und zu warten, wer weiß worauf? Aber nein, meine Stunde …

Die Stille ist herrlich, kein Mensch in der Nähe, der Urlaub scheint nun doch zu beginnen.

Wie zufällig gehe ich am Auto vorbei, da halten mich die Klänge aus dem Lautsprecher fest:

“when i am laid in earth”, singt eine Frauenstimme in enggehaltenen Tonfiguren, erst im zweiten Teil steigt sie höher hinauf, um aber gleich wieder zurückzusinken. Als sie endet, nimmt die gesamte Streichergruppe das abfallende Thema auf, kein Aufsteigen mehr, nur noch die Stufen abwärts, wenn auch in verschiedenen Höhenlagen. Mein Gott, was für ein Stück! es reißt mich tief hinein in alle Verlorenheit jener Frau, die hier in Tönen zu Wort kommt - alles, alles ist in mir versammelt: Der Verlust meines Vaters, meine lange Krankheit in einer fremden, kalten Umgebung, mein Partner, der mit mir nicht leben konnte, alles, was es jemals an Verlorenheit bei mir gab, es stürzt auf mich ein und ergreift von mir Besitz, Als gäbe es nichts anderes, nichts. Mag das Licht in unserer Zeit auf technische Weise gebündelt werden, das Dunkel, die Verlorenheit: Hier kommt sie zusammen, alle Ströme geweinter und ungeweinter Tränen fließen hinein in dies Gefälle der Verlorenheit. Es gibt keine Rettung, am Schluß werden alle Instrumente von jener Bewegung ergriffen, die nach unten führt ohne Ausweg. Wer hier nicht mitweint - ich habe längst schon zu weinen begonnen, ohne jeden Halt oder Rückhalt, als wäre niemand in meiner Nähe, ja, als gäbe es in meiner Welt nicht einen einzigen Menschen mehr. Gerade haben sich meine Ohren geöffnet, wie es nur in den Bergen geschieht, und nun trifft mich diese Musik, diese Klage mit ihrer ganzen Gewalt. Auch wenn ich unwillkürlich die Wagentür doch wider geöffnet und wieder Platz genommen habe, um den Klängen nahe, so nahe wie möglich zu sein, auch wenn neben mir jemand sitzt, so bin ich doch allein wie vielleicht nie zuvor. “remember me” klingt es, wie durch einen undurchdringlichen Vorhang von der lebendigen Welt getrennt, irgendwo draußen und doch tief in mir, der Hörenden, mitklingend, von ihr, von mir Besitz ergreifend, als gäbe es von nun an nichts anderes mehr.

Dann aber, nachdem das Stück längst verklungen ist, kommt es mir doch zu Bewusstsein: Ich sitze in einem Auto und fahre, werde weiter gefahren, die Welt um mich her ist nicht stehengeblieben, wir steigen und steigen, obgleich doch meine Gedanken und Empfindungen in tiefster Tiefe angesiedelt sind. Nun begreife ich auch: Ich bin wirklich allein, denn mein Fahrer tut nichts, auch nicht das Geringste, um so etwas wie Mitfühlen auch nur anzudeuten, und da frage ich mich denn zum erstenmal, an wen ich eigentlich geraten bin dort am Bahnhof von M.. Mein Erschrecken darüber ist so groß, dass er in diesem Augenblick so Fremd für mich wird, wie er es vorher nicht war. Ich sollte wohl besser endgültig aussteigen, mich an den Straßenrand setzen und - ja, was denn tun? Übrigens: Die Straße ist steil, und mein Koffer ist schwer, so liegen die Dinge.

“Das Lamento, also die vier abfallenden Töne, kommt übrigens nicht nur in Europa vor, sondern weit darüber hinaus. Ich möchte behaupten, es ist ein Grundmotiv”.

“Warum sagen Sie mir das”, frage ich fast tonlos, ich will nicht, dass er mir weiter solche Erklärungen bietet.

“Ganz einfach”, sagt er, “weil es eben ein Weltmotiv ist, eines, an dem keiner vorbeikommt, das uns alle angeht, ob wir das akzeptieren oder nicht”.

Ich richte mich auf in meinem Sitz, mir ist zumute, als müsste ich das Dach über mir durchstoßen.

“Haben Sie schon einmal davon gehört, dass die Pflanzen, Tiere und Menschen erst wachsen, bevor sie vergehen”,

“Ja, das muß sogar Mephisto zugeben: Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht”.

“Ich weiß überhaupt nicht, warum Sie gerade einen lebendigen Menschen neben sich dulden und ihn auch noch fahren, Ihre kostbare Zeit damit verbringen” - ich muß mich jetzt streiten, sonst steige ich doch noch aus, und sei es aus dem fahrenden Auto!

“Gut, Sie sollen Recht haben - aber hätten Sie sonst den Purcell gehört, das letzte Stück?”

“Vielleicht nicht, aber ich weiß nicht einmal, ob ich es hätte hören wollen” -

Jetzt bremst er scharf, zum Glück ist kein Wagen hinter uns. Sekunden später halten wir an.

“Genau das ist es! Sie wollen bestimmte Dinge nicht sehen, Sie wollen lieber oben sein in den Bergen, wo alles schön und harmonilsch ist, aber eben auch weit weg. Und mit den Illusionen, die SIE sich machen, räumen meine Stücke gründlich auf, das ist der Punkt. Und wenn Sie auch diese Stücke dafür hassen sollten - vielleicht sogar auch mich - es bleibt trotzdem dabei, daran können Sie nichts ändern, keiner kann etwas daran ändern! Im Grunde hat Mephisto Recht, wenn es auch übermäßig hart formuliert ist. ES wird Zeit, mit den Illusionen und den Utopien aufzuhören, sie teilen unsere Kraft und Energie unnötigerweise, es wäre nur ein Akt der Vernunft, sie abzuschaffen, sich endlich einmal der Wirklichkeit ganz zuzuwenden, so wie sie ist. Wenn Sie das heute ein Stück weit begreifen” -

“und gleich mit Ihnen wieder herunterfahren, damit Ihr Weltbild keine Schramme bekommt”, unterbreche ich ihn und erreiche es tatsächlich, dass er schweigt.

Brüsk habe ich mich von ihm abgewandt. Ich sehe zum Fenster hinaus und sammle meine Kräfte, er soll schon sehen, dass die weinende Frau von vorhin auch anders kann.

“Sie teilen also die Welt in zwei Teile: den unteren, den wahren, wie sie sagen, und den oberen, den Sie zur Illusion erklären, obgleich wir doch auf einer wirklichen Straße fahren, wirkliche Bäume und Wiesen um uns herum sehen, wirkliche frische Luft soeben geatmet haben und in der Ferne die braunen Kühe gesehen! Das alles ist Ihnen verdächtig, weil einmal kein Lamento darin vorkommt! -

Wieder ein unerwarteter Halt: Die Straße vor uns verengt sich, rechts ist ein Stück abgebrochen und wird offenbar gerade erneuert, wir müssen warten, bis wir durchgelassen werden. Wären wir doch erst oben, wäre ich ihn doch endlich los, meinen ach so freundlichen Fahrer! Wieder sehe ich auf die Uhr: Allzu viel Zeit bleibt mir nicht …

Gibt es denn keine Brücke? Uns Frauen wird nachgesagt, wir wären manchmal die besseren Brückenbauer. Stimmt das hier, trifft es hier zu?

“also beim letzten Stück”, sage ich, und wir sehen uns an. Er stellt zwar seine Frage nicht, aber ich sehe sie auf seinem Gesicht.

“Nicht dass Sie glauben, ich hätte nichts dergleichen erlebt” - Weiter komme ich nicht, denn er unterbricht mich mit einem scharfen Nicken. Sieht es nicht aus, als wollte er sagen: Dann ist es ja gut? Nur: Was ist dann eigentlich gut?

Jetzt muß ich es loswerden, was mir lange schon auf der Zunge liegt:

“Eigentlich, wenn Sie konsequent wären” - ich sehe, er wartet gespannt. “müssten Sie nur noch nach unten fahren”.

“Sie brauchen gar nicht zu spotten”, gibt er zurück, und jetzt wird es ihm wohl richtig ernst. “Ich brauche das Lamento, die vier Töne sind mein Leben. Selbst wenn ich wollte, ich könnte nichts dagegen tun - Sie kennen doch Rilke: Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen”. -

Was ist es nur, was zieht mich nur in den Bann dieses Wortes? Seine Wahrheit, oder sein Schrecken? Muß denn heute, an meinem ersten Urlaubstag, alles zur Frage werden?

“Und ich muß Sie jetzt auch etwas fragen”, fängt er noch einmal an, ebenso zum Streit aufgelegt wie ich selber. “Warum sind Sie eigentlich mit mir gefahren? Es gäbe, es gibt doch Gründe genug, es nicht zu tun”.

“ES stört Sie also, wenn ich Ihnen vertraue und nicht gleich das Schlimmste” -

“Ach was Vertrauen”, unterbricht er, “ein romantischer, unzeitgemäßer Begriff! Hundert Tatsachen, in allen Lebensbereichen, spprechen dagegen, wieder einmal eine Illusion”!

Ich bin am Ende mit meinen Möglichkeiten, nur seine Frage nach meinem Quartier kann ich noch beantworten, sonst herrscht Schweigen. Wann habe ich je eine solche Situation erlebt!

Endlich, endlich sind wir oben in S.!

Die Cafe-Pension, noch beinahe außerhalb des Orts gelegen, ist mein Quartier. Ich nehme, Frauenkräfte hin oder her, demonsttrativ meinen Koffer vom Rücksitz und sage mit einem Rest von Verbindlichkeit: “Eine kleine Pause sollten Sie schon machen vor der Rückfahrt”. Ob das eine Einladung ist, weiß ich nicht einmal selber, es wird sich schon irgendwie ergeben.

So sitzen wir denn bei herrlichem Sonnenschein vor unserem Capuccino und rühren in den Tassen. Ein Glück nur, dass er bald anfängt, sich umzusehen, so muß ich nicht anfangen zu reden, denn zu reden gibt es nichts mehr.

“Sie waren schon öfter hier”, sagt er, und ich merke auch seine Fremdheit mir gegenüber. “Wie geht der Weg weiter hinter dem Haus, Sie werden nichts dagegen haben, dass ich einen kleinen Spaziergang mache”.

“Hinter dem Haus”, ich bekomme einen Schrecken, “da ist ein großes Warnschild mitten auf dem Weg” -

Er nickt und geht genau in die Richtung, von der eben die Rede war.

Nun beginnen meine Gedanken doch wieder zu kreisen: Was in aller Welt ist los mit diesem Mann? Von heißer Leidenschaft habe ich ja schon gehört, vielleicht auch meine Erfahrungen damit gemacht, aber leidenschaftliche Kälte … ja beides: nicht bloß geschulter, durchgebildeter Verstand, nein: Ein Zug zur Kälte, ein Zug wie zu einem Menschen, zu einer Frau … er liebt die Kälte, sein Ein und Alles ist sie …

“Möchten Sie caduta heißen”, er steht plötzlich wieder vor mir, ich starre ihn an. “Ja, caduta sassi, das steht auf dem Schild. Oder heißt die Inhaberin so”?

Ich bin aufgestanden, mir schwirren die Gedanken durcheinander. Ich weiß nicht mehr, was die Worte bedeuten, aber mich ergreift eine Unruhe, die ich mir vorläufig nicht erklären kann. Was war es nur?

Mein Fahrer wendet sich unvermittelt von mir ab und lauscht angestrengt in eine bestimmte Richtung, genau dorthin, wo das Schild steht. Und nun höre ich es auch: Steinschlag.

Wie oft habe ich das Geräusch schon gehört, jedes Mal, wenn ich hier war. Wie ein wachsender Donner, ähnlich einem Gewitter, hat es immer geklungen, ich weiß es jetzt wieder. Aber warum erscheint es mir heute so anders, wie soll ich es sagen: so aufgelöst, so augenfällig fürs Ohr, so genau, als stürzte es Stein für Stein vom Felsen herab? Ich habe doch keine anderen Ohren bekommen, ich bin doch dieselbe geblieben wie immer! Aber heute muß ich genau hinhören, kann mich nicht wegdrehen, muß abschätzen, wie tief die Steine wohl fallen und wie groß sie sein mögen. Ist denn das alles so schrecklich, wie ich immer gedacht habe? Es hat doch auch seine Strahlkraft, man muß sich nur einmal darauf einlassen, genauer hinhören… Meine Füße beginnen, von einem Teil meines Bewusstseins gesteuert, in jene Richtung zu laufen, in die ich niemals vorher gelaufen bin. Aber zum Glück: Es gibt ja das Warnschild noch - nein, es steht nicht mehr mitten im Weg, er, der vor mir hergeht, hat es zur Seite geschoben und gedreht, der Weg ist frei, der Weg zu Steinschlag und Abgrund. Eigentlich müsste ich rufen, ihn aufhalten, aber ich gehe nur hinter ihm her.

Unvermittelt steht die Erinnerung in mir auf: Ganz in der Nähe, vielleicht 100 m entfernt, gibt es einen Steilhang, der, etwa in unserer Höhe, nur von einem schmalen, unsicheren Pfad notdürftig unterbrochen wird. Ich habe diesen Pfad nie betreten. Meine eigene Angst ist schon groß genug, aber auch Warnungen hat es immer wieder gegeben.

Wir stehen nicht weit voneinander entfernt, aber wie wir stehen: Er, dem Geräusch, dem Donnern hingegeben, als müsse er es trinken, in sich hineindsaugen, ich, fluchtbereit, Schrecken, nihts als Schrecken im Gesicht und im unregelmäßigen Atmen. Und dann geschieht es, das Unbegreifliche: Er fängt an zu gehen, genau in jene Richtung, aus der bis vor Kurzem noch das Schreckensgeräusch gekommen ist. Als ich ihn so gehen sehe, weiß ich mit greller Klarheit, was in den kommenden Minuten folgen wird, wenn nicht - wenn ich nicht -

ER mag wohl gedacht oder gehofft haben, es sei leicht, den Weg hinter dem Schild fortzusetzen. Zum Glück ist es nicht leicht, ich sehe ihn kämpfen dort im Gebüsch, vor und wieder zurückgehen, die Geduld beinahe schon verlieren.

Ich habe schon ein paar Mal gerufen, er antwortet nicht.

Auf einmal weiß ich es: Meine Kraft reicht nicht aus, um aufzuhalten, was hier vorgeht. Ich bleibe stehen und spüre zugleich, dass nicht nur meine Füße ihren Dienst versagen, dass vielmehr ich selbst, alles, was ich bin und geworden bin, jetzt innehalten muß. Vergeblich war die Mühe, mich in Streit und Leidenschaft einer Kraft entgegenzustellen, die diesen Menschen seinem Ende zutreibt, bevor auch ich, eines nahen oder fernen Tages, ihr erliegen werde.

Warum ich jetzt, in diesem Augenblick, auf meine Uhr sehe, weiß ich selber nicht: Müßte sie denn nicht stehenbleiben für ihn und für mich, für ihn, von dem ich nichts mehr höre - hat der Abgrund etwa schon sein letztes Werk an ihm getan, - und auch für mich, müde wie ich bin, meinen Glauben, meine Hoffnung in Worte zu kleiden, die jener Todeskraft widerstehen, vielleicht gar noch helfen könnten, einen einzigen Untergang aufzuhalten? Was kann denn noch folgen auf diesen Tag, auf eine Bergfahrt, die doch in Wahrheit eine Talfahrt war?

Ich habe meine Uhr vom Handgelenk abgezogen und halte sie am Armband hoch. Wenn ich sie wegwerfe, wird keiner sie finden, sie wird an einem Stein zerschellen oder im Dickicht begraben sein. Bevor ich werfen werde, schaue ich sie noch einmal an: Als ich sie vor Jahren geschenkt bekam, wurden mir so freundliche Worte dazu gesagt, wie ich sie niemals wieder hören sollte bis heute. Aber die Zeit, der große Zeiger auf der 6, der kleine zwischen 4 und halb 5, ist meine Stunde geworden seitdem, und der Tag, an dem diese Stunde zum erstenmal für mich schlug: Ich verbringe ihn seit Jahren hier in S. Nein, wegwerfen kann ich sie nicht, so wenig wie mich selber. Ich will, ich muß warten auf den Tag, der jedem Jahr noch immer seinen Sinn verliehen hat.

Längst hat der Steinschlag aufgehört, jene Nachmittagsstille breitet sich über den hohen Ort, die anders ist als die Stille dees Morgens, ich weiß es ja, auch wenn mir die Worte fehlen, es zu erklären. Und gerade jetzt, in diesem Augenblick, steigt eine Erinnerung in mir auf, und kaum, dass sie sich in mir erhebt, rufe ich laut:

“Hören Sie doch, bitte hören Sie doch”!

Ich habe ins Leere gerufen, denn sehen kann ich ihn nicht mehr, den ich anreden wollte, mir bleibt nur, an seine Gegenwart zu glauben, und sei es auch gegen allen Anschein von Abgrund und Tod.

Ein kleines Geräusch ist aus der Stille gewachsen, es wandert aus dem Horizont in die Hörbarkeit hinein und beginnt, sie ohne Hast und Gewalt zu durchmessen. Ich kenne es wieder: Es ist ein kleines Flugzeug, das hier, immer zur selben Zeit, vorüberfliegt. Als es sich nähert, höre ich zwischen den Sträuchern ein Knacken, und eine Gestalt richtet sich langsam auf. Sein Gesicht ist, wie das Meine, jenem sanften Geräusch zugewandt, das seine gütige Stimme in den Himmel hinein und auf uns nieder gibt wie in jenem stillen, sanften Sausen, von dem der Prophet geredet hat. “Da verhüllte er sein Haupt”, da lege ich meine Hand auf die Lippen, damit ja kein anderer Laut hervordringen kann. Als es dann über uns ist, senke ich meinen Kopf und stütze ihn mit den Händen. Tut er, der noch immer zwischen den Sträuchern steht, das Gleiche? Ich will es nicht wissen, ich hoffe es nur. Aber dann blicke ich doch auf und sehe seinen Arm, steil nach oben gerichtet, als wolle er halten, was doch eigentlich nicht zu halten war. Noch immer ist jener Laut zu hören, er wird, ich weiß es, so sanft in die Grenzenlosigkeit zurücktauchen, wie er aus ihr herauswuchs. Unser Teil als vergängliche Menschen ist es ja nicht, eine große Unendlichkeit zu fassen und zu ertragen, aber eine kleine, ein Zeichen von ihr…

Ich höre einen Laut, nahe neben mir, einen Laut ohne ein Wort, einen Laut aus der Tiefe des Menschseins, und ich sehe einen Arm, der Mühe hat, sich wieder zu senken. . Noch immer ist jene Stimme zu hören, sie öffnet mit ihrem Flug den Horizont und weitet ihn, man möchte schon nachfliegen, mit-fliegen - doch unser Ohr darf noch hören, es darf noch seine allerweiteste Weite entfalten, es darf lernen, wie Güte auch dorthin weiterzieht, wo ich nicht bin, wo aber anderes Leben ist, das ohne sie erkaltet und nur mit ihr erwarmt.

“Warum nicht zu mir”, höre ich neben mir sagen mit heiser gebrochener Stimme, und nun weiß ich, dass ich reden muß, nicht in geschwätziger Flachheit, auch nicht in wohlgesetzten Worten, aber wie denn?

“Es war doch über Ihnen, Sie haben es gehört, damit muß es genug sein, jedem von uns -wir müssen warten, bis es wiederkomt” -

Wir sind zu unserem Tisch zurückgekehrt, vor uns steht ein kühles Getränk, es tut den trockenen Kehlen wohl. Wir stören die Stille nur mit wenigen Worten, sie ist so kostbar wie niemals zuvor, denn sie ist ja durchdrungen von Güte.

Als es dann doch ein Ende hat, dies Tages- und Lebensgeschehen, als ich alle Getränke gezahlt und meinen Koffer aufgerichtet habe, sieht mein Fahrer die Besitzerin an mit einem Blick, der sie anhalten lässt.

“Wäre es vielleicht möglich, ein Zimmer zu bekommen, für drei Tage nur?” Sagt er, mühsam die wenigen Worte setzend wie in einer neuen, noch fremden Sprache.

“Ich muß nachschauen”, antwortet sie freundlich und geht mit dem Tablett ins Haus. Sie wird bald wiederkommen, und ich hoffe, ihre Nachricht ist gut.

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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