Agnes Bernauer

ein dramatischer Epilog


Helmuth Zedlitz



Personen

Albrecht, seit einem Jahr regierender Herzog von Bayern
Ernst, sein Vater, voriger regierender Herzog, lebt nach seiner Abdankung im Kloster Andechs
Pappenheim (von Albrecht genannt), Marschall im Dienste Ernsts, während dessen Regierungszeit mit der Gefangennahme von Agnes beauftragt


Szene

Thronsaal im herzoglichen Schloß zu München. Anstelle des früheren Throns sieht man in der Mitte einen einfachen, schmucklosen Sitz, von welchem sich Albrecht beim Eintritt des Vaters erhebt. Albrecht ist einfach gekleidet und ohne Herzogsstab. Die Jugendkraft früherer Jahre ist von ihm gewichen, die Trauer in AUsdruck und Redeweise durchaus zu bemerken. Jedoch wirkt er im ganzen gefaßt und von einer tiefen, im Schmerz erworbenen Sicherheit. - Ernst, vom Alter gebeugt, durch den Aufenthalt im Kloster von angegriffener Gesundheit, jedoch mit unternehmendem Blick. - Nach seinem Eintritt wird die Tür Geschlossen, man sieht weder Diener noch Gefolge.



Ernst
(tritt Albrecht langsam entgegen und hält ihm die Hand hin):
Mein Sohn - vom Kloster Andechs bin ich gekommen, das Jahr ist vorüber. Die Reise nach München dünkte mich weit, viel weiter als früher. Es ist für mich wohl die Letzte auf dieser Erde - doch sie führt mich zu Dir, meinem einzigen Sohn.

Albrecht
(der die dargebotene Hand gefaßt, zieht sie bei Ernsts letzten Worten langsam zurück):
In Euer Schloß seid Ihr zurückgekehrt. So Sprecht:
Was habt Ihr zu sagen?

Ernst
(zögert und bewegt sich langsam einige Schritte zurück):
Mein Sohn - es war an jenem Tag, der nicht nur Dir der Schwerste war: Da übergab ich Dir den Herzogsstab und forderte Dich auf, ihn in der Furcht des Herrn zu tragen. Erschiene es Dir gut, nach Jahresfrist das Urteil über mich zu sprechen ob des Todes jener Frau, so solltest Du mich rufen.

Albrecht:
Seid Ihr auf meinen Ruf zu mir gekommen?

Ernst:
Nein, es ist wahr, Du hast mich nicht gerufen - und doch bin ich gekommen, Deinen Spruch zu hören, damit ein Ende werde, wie auch immer. - Jedoch, bevor Du redest: Ich höre sonderbare Dinge sagen und sehe sie bestätigt: Du reitest durch Dein Land ohne Gefolge, das Volk kann seinen Herzog nicht erkennen, am Kleide nicht, ja nicht einmal am Stab. Auch ward von Dir kein Todesurteil ausgesprochen, obgleich die Zahl der Morde nicht zurückging, seit Du hier regierst. So laß mich offen fragen: Wie denkst Du denn die Ordnung hochzuhalten, die innere Zerstörung abzuwehren, die heute um sich greift? Ist Dir der Sinn der Ordnung immer noch verborgen? Gott selber hat sie aufgerichtet, man soll sie nicht verachten! GEbrauche sie mit Mut und mit Besonnenheit, wie Deine Ahnen es vor Dir getan und auch Dein Vater.

Albrecht:
Ich weiß: Für SIE habt Ihr gelebt, sie war der Stern für Euch und etwas Größeres als die Sterne. Ihr könnt nicht leben ohne sie. Ihr liebt sie wie Euch selbst und wartet nur darauf, daß jeder andre so sie liebt wie Ihr. - ICH werde diesen Anspruch nicht erfüllen können.

Ernst:
So willst Du Herrscher sein und nicht regieren?

Albrecht:
Eher wollt' ich enden mit dem Herrschen, als so regieren, wie Ihr es meint. Doch ehe dies geschieht, will ich es anders noch versuchen, zu leben für mein Volk. ES ist ein Mensch ja im Gedächtnis mir, der mich zu LIEBEN lehrte, der anders mir entgegentrat als Ihr. Wär' SIE mir nicht begegnet, ich wäre arm geblieben bis zum Tod und hätte nicht gewußt, was Mensch-Sein heißt.

Ernst:
Was heißt denn Mensch zu sein - in Deinen Augen?

Albrecht:
Dies vor EUCH auszusprechen, wird mir zu schwer. Ihr habt zum halben Menschen mich gemacht, der ich nun bin seit jenem Tag.

Ernst:
Mein Sohn, ich MUSSTE tun, was ich getan - und müßt' es sein, so täte ich es wieder.

Albrecht:
Seid Ihr denn jener Ordnung so gewiß? Ihr sprecht von ihr, als sei sie Grund und Anfang dieser Welt und Ziel und Ende obendrein. Wodurch sind Menschen denn geworden? War's Ordnung, was sie zueinander trieb und führte? Habt Ihr durch Ordnung Euer Glück empfangen, oder war's die LIEBE nicht? Ist SIE es nicht, die unser Leben fördert, es wärmt und birget in der kalten Welt, die frei den Menschen macht zu allem Tun, ihn sich entfalten lehrt und seinen Glauben fördert an sich selbst? ist's nicht die Liebe, die, zugleich empfangen und gegeben, den Menschen zu sich selber macht, ins Sein ihn ruft, nicht nur am Anfang seines Lebens: Nein, immer wieder neu, in jedem Alter? das alles tat sie MIR in jenen Jahren - von denen ich zu Euch nicht reden kann, nicht reden mag, da Ihr mir meine Frau genommen habt und es für gut und recht noch haltet bis auf diesen Tag, da Ihr auch heute vor mir steht, um anzuklagen. Den Stolz der Ordnung habt Ihr nicht verloren, noch immer richten Eure Augen mich, so alt Ihr seid. Die Mutter und den Vater muß ich missen: Die Mutter starb zu früh, und Ihr - - doch nein! ich will kein Urteil sprechen, will nicht dasselbe tun, was Ihr getan. Nur: Daß Ihr noch beharrt bei Eurem Tun, daß Ihr's für gut nehmt, wie ein gutes Werk, das macht Euch fremder mir als jeden andern.

Ernst
(unterbrechend):
Mein Sohn, ich wiederhole dir: Ich mußte tun, was ich getan! Wär's nur gegangen um mein eignes Leben, um Deins und ihres, aber keines mehr, so hätte ich's ins Werk nicht setzen müssen. Jedoch es ging um mehr: Ganz Bayern wartete auf einen Spruch, auf eine Tat von MIR, von seinem Herzog. Und Bayern nicht allein: Es war ein anderer noch, vor dem ich stand. Er selber hat das RECHT gegeben, er selber gab das Schwert, es zu gebrauchen, wenn seine Ordnung in Gefahr gerät. In SEINEM Namen tat ich, was ich tat, ER ist es, dem ich dient' in meinem Tun. Vor IHM auch solltest Du Dich beugen, vor ihm allein, der unser aller Gott ist!

Albrecht:
Ihr lästert ihn, den Ihr zu ehren meint, und dient ihm schlecht! Wie dürft Ihr Gott ihn nennen, wie Ihr es damals tatet? Als Agnes hingerichtet war - ermordet, um es richtiger zu sagen, da spracht Ihr doch zu Eurem Kanzler so: Hinweg ging über sie das große Rad, bei dem nun ist sie, der es dreht. Kann's eine schlimmere Lästerung denn geben als diese, die Ihr spracht und wiederholt? Wer hat das Rad gedreht, von dem Ihr redet? Wer gab den Richtern Weisung, den Spruch zu fällen über sie? wer hat dem Pappenheim befohlen, sie mit Gewalt zum Kerker zu entführen? wer hatte längst das Urteil unterschrieben, eh's geschah? Ihr wart es selbst! Ihr habt gedreht mit eigner Hand und eigenen Gedanken, wie viele es vor Euch getan. Und Ihr, gleich jenen, habt Eure eigene blutige Tat zu Gottes Werk gemacht, um frei zu sein von aller Schuld, da Gott ja doch nicht schuldig werden kann. So geht's in jeder Zeit: Ihr eignes böses Werk erhöhn die Menschen, aus Macht wird Recht, die Bluttat wird geadelt - als sei durch SIE nur Rettung zu erhoffen, als sei nur so die Ordnung hochzuhalten. Notwendigkeit nennt Ihr, was Grausamkeit, Gerechtigkeit, was Willkür, erhabenes Recht, was bittern Schmerz verursacht, und göttlich nennt Ihr, was die Liebe tötet! - Mit Gott hat dies, versteht Ihr, nichts zu schaffen, wenn anders Gott ein Gott der Liebe ist - und DASS er's ist, lebt wahr in meinem Herzen als einziger Trost, der mir geblieben noch. Ihr aber: Lasset ab, ihn Gott zu nennen! Ihr habt den eignen Gott Euch aufgerichtet, ein Abgott ist's, ein Abgott muß es bleiben!

Ernst:
In Frage stellst Du, was mich hält und trägt, wofür ich lebte und womit ich sterbe!

Albrecht:
Erst aber starb ein anderer durch Euch: Ihr nahmet einer jungen Frau das Leben, die mir sich zugewandt in voller Liebe. Die Schönheit, gottgegeben, ward Euch und anderen zur Hexerei. Das edelste Geschenk, das Gott jemals im Schaffen hat ersonnen, Ihr habt's vernichtet um des Rechtes willen, um eines kalten Rechts, das nimmer fragt nach Glück. Ob Schmerz es zugefügt, das gilt ihm gleich: Es muß gewahret sein auf Tod und Leben. Ob drum ein Mensch zugrunde geht, ob zwei: Es ist der höchste Gott doch, der's gewollt, wer wagte es, vor ihm sich nicht zu beugen - mit Tränen zwar des tiefsten aller Schmerzen, jedoch in edler Mannheit ihn besiegend - wenn's auch die eigne Frau war, die Geliebte - doch gab's der HERR, er nahm's, er sei gelobt! - - Glaubt Ihr, ich würd' ihn ferner loben können, der sie zugrund gericht' nach Eurer Meinung? glaubt Ihr, ich könnte Gott noch danken für Todeseinsamkeit, nachdem ich doch gelebt durch seinen Willen? wenn er mir nahm, was selber er gegeben: Er wäre schlimmer noch als Menschenhenker, er überträfe alle Grausamkeit. Der Gott der Liebe kann es nicht zerstören, was er geschaffen mit dem eignen Wort. Es muß ein andrer sein, der's kann vernichten und sich für Gott noch halten ohne Grund!

Ernst
(nach einer Pause):
Mein Sohn - ich wartete auf einen Spruch, doch was Du sagst, ist härter als ein Urteil: Es nimmt mir meine Kraft zum Leben fort.

Albrecht:
So denket an den Ursprung dieser Stunde. Ihr habt ja stets geplant in weiter Vorschau, Ihr hättet wissen können, was Ihr tut. Nach meinem Glücke habt Ihr nicht gefragt, von minderer Wichtigkeit erschien es Euch. So tragt denn auch auf Euer Tun die Antwort.

Ernst
(steht zunächst gebeugt und mit fast geschlossenen Augen, richtet sich dann aber auf und sieht Albrecht bittend an):
Mein Sohn - die Reise ward mir schwer, ich sagt' es schon, es wird die Letzte sein in meinem Leben. So gib ein Wort mir doch, ein freundliches, bevor ich kehre in mein Kloster wieder! Gib einmal mir ein DU für meinen letzten Weg, sei einmal nur der Sohn für Deinen Vater! So weit hier steht der eine von dem andern, wie Mauer liegt es zwischen uns und graben. Gib Deine Hand noch einmal, eh' ich scheide.

Albrecht
(bleibt unbeweglich stehen und wendet sich später zum Gehen):
Dem Fremden hab' ich nichts zu sagen mehr. Wer so getan wie Ihr, wird auf Vergebung zwar noch hoffen können, doch nimmer auf Vertraun.

Ernst:
Ist dies Dein letztes Wort an Deinen Vater?

Albrecht:
Gern Hätt' ich Vater noch zu Euch gesagt, wär' gern gefolgt dem Vorbild, dem verehrten. Gern hätt' ich Maß gefunden für mein Tun, wie's jeder braucht, der jung und unerfahren. Jedoch: Es weht von Euch nur Richters Kälte, nicht jene Wärme, die der Vater gibt. Ihr stehet hier für eine andere Welt, an der ich nimmer Anteil haben werde. - Lebt wohl!

(Er geht einige Schritte zur Tür, zögert dann aber mehr und mehr und wendet sich endlich zurück. Ernst ist mit halb erhobener Hand stehen geblieben. Albrecht nimmt die Hand und hält sie einen Augenblick ohne ein Wort. Dann entfernen sich beide durch verschiedene Türen).

(c) Helmuth Zedlitz / Berlin


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