Der Wedel


Heinrich Thyron


Warum nur mußte er ausgerechnet "Zwingler" heißen? Schon im Kindergarten, dann in der Schule, beim Sport, überall, und eben auch jetzt bei der für ihn so wichtigen Übersetzerprüfung war er wegen dieses Namens der letzte. Dahinter gab es ja kaum noch einen halbwegs gängigen Namen im Alfabet, Zylinder zum Beispiel heißt ja wohl kaum jemand. Und so war er denn auch der letzte in der mündlichen Einzelprüfung, für 16 Uhr war sein Termin angesetzt.
Den ganzen Tag über war er schon sehr nervös, er hatte kaum etwas essen können, und so saß er jetzt, um halb vier, schon im Vorraum und wartete darauf, endlich aufgerufen zu werden. Aber statt dessen kam von draußen der Gerd Achenbach herein, der heute morgen um acht Uhr als erster dran war. Er machte einen ziemlich miesen Eindruck, und ohne zu grüßen fragte er den Horst Zwingler: "Ist die Beate Wellersdorf noch nicht fertig? Ich soll sie nämlich abholen."
"Weiß ich nicht", sagte der Gefragte. "Wie ging es denn bei dir?"
Der Gerd, sonst eigentlich Star der Klasse, machte ein unzufriedenes Gesicht. "Weißt du, was ein "goupillon" ist?" Horst Zwingler zuckte nur mit den Achseln.
"Nun, das ist ein Weih-Spreng-Wedel." Der andere schüttelte den Kopf. "Was soll das denn sein?"
"Nun, wenn du als ehemaliger Ministrant es nicht weißt, wieso dann ich als Protestant? Wie ich inzwischen erfahren habe, handelt es sich dabei um eine Art Bürste mit Stiel zur Verteilung von Weihwasser."
"So was gibt es doch überhaupt nicht mehr."
Da ging die Tür zum Prüfraum auf, und heraus kam die Beate Wellersdorf, gefolgt von einem der Prüfer.
"Sind Sie Horst Zwingler? Ja, dann kommen Sie mal gleich rein, vielleicht werden wir dann etwas früher fertig."
Der gefragte nickte und folgte dem Frager, und dann bekam er auch gleich einen Stuhl angewiesen und zwei Blätter auf den Tisch gelegt.
Der Vorsitzende der Prüfungskommission begrüßte Horst Zwingler mit den Worten: "Wir haben hier zwei kleine Texte zur Übersetzung. Schauen Sie sich die mal kurz an, und dann wollen wir sehen, daß wir bald fertig werden."
Horst überflog kurz das erste Blatt und übertrug den deutschen Text ziemlich zügig. Doch bei dem französischen stutzte er: da war ja der besagte "goupillon". Er konnte seine Erregung kaum verbergen. Doch auf einen Wink des linken Beisitzers fing er auch gleich an, den Text ins Deutsche zu übertragen. Bis zu dem "schweren" Wort "Goupillon". Er stockte, und da meinte der andere Beisitzer: "Sollen wir dem Kandidaten nicht einen Hinweis hinsichtlich dieses immerhin recht ungebräuchlichen Wortes geben?" Doch der Vorsitzende winkte ab und meinte: "Geben wir ruhig dem Kandidaten eine Chance, vielleicht weiß er's ja!"
Horst Zwingler runzelte die Stirn, schloß die Augen und sagte, ganz leise fragend: "Ist das ein Weih-Spreng-Wedel?"
Der Vorsitzende richtete sich triumphierend auf und sagte: "Sehen Sie, meine Herren, wer was kann, der kennt auch ausgefallene Vokabeln. Ich denke, wir können dem Prüfling eine zwei geben, oder sind Sie da anderer Ansicht?"
Die beiden schüttelten den Kopf und sagten laut und übereinstimmend: "Nein, nein!"
Der Vorsitzende fuhr fort: "Dann dürfen wir Sie zu Ihrem Erfolg beglückwünschen."

(c) Heinrich Thyron / Dormagen


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