Der Reigen


Heinrich Thyron - Frühjahr 2004

Parodie zu Goethe: Der König in Thule


Es war ein Schreiner in Fulda,
Der baut' manch feinen Schrein.
Ihm schenkt' sein Weib, die Hulda,
Eine edele Flasche Wein.

Die Trockenbeerauslese
Erschien ihm gut und wert;
Er gab sie drob der Therese,
Mit der er oft verkehrt'.

Die war nicht nur dem Schreiner,
Auch andern von Herzen lieb;
Der Bernward, deren einer,
Ward ob des Weins zum Dieb.

Er machte davon Bowle,
Lud dann die Hulda ein;
Sie tranken flott zum Wohle
Und starben drauf in Pein.

Was da geschah in Fulda,
Zeigt, dass auch bestes Gift
- in diesem Falle die Hulda -
Schon mal den Rechten trifft.

Und wieder baut' der Schreiner
Zwei Schreine eichenschwer.
Nur Wein schmeckt fortan ihm keiner:
Trank nie einen Tropfen mehr.

(c) Heinrich Thyron / Dormagen


Johann Wolfgang von Goethe: Der König in Thule

Es war ein König in Thule,
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.

Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Städt' im Reich,
Gönnt' alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.

Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale
Dort auf dem Schloß am Meer.

Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut
Und warf den heilgen Becher
Hinunter in die Flut.

Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken:
Trank nie einen Tropfen mehr.


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