Zufall? - eine Ballade


Friedemann Fuhrmann


An einem Abend im Monat Mai
sie saßen mal wieder beisammen -
Bill Butterfield und die anderen drei,
die alle Leute als Schurken verdammen.
Slim Sanders, der Schläger, mit eigener Truppe
versalzte so manchem Gastwirt die Suppe.
Mat Matters hat's Rotlichtviertel im Griff -
und den Hafen; ihm entgeht kein Schiff.
Der kleine Tim Turner, immer sehr nett,
als Mädchen für alles komplettiert das Quartett.
Quartetto Diaboli nennen's die Leute;
auch Teufelsquartett, was dasselbe bedeute.
Sie saßen zusammen und prahlten laut
mit ihren jüngsten Verbrechen.
War keiner, der sie zu verpfeifen sich traut,
sie mochten gleich offen darüber sprechen:
Die Bank ausgeraubt, ein Leben beendet,
die einen verführt und die andern geschändet.
So rühmten sie sich ihrer ruchlosen Taten
und ließen sich von niemandem raten,
und hatten für warnende Worte nur Spott;
denn für sie gab's weder Teufel noch Gott.
Als aber lange nach Mitternacht
der Trunk sie müder und milder gemacht,

sprach einer von ihnen: "Und wenn nun doch...?
und Wenn mit dem Tod doch nicht alles vorbei?"
Da schwiegen zuerst die anderen drei!
Dann aber sprachen sie hin und her,
und schworen schließlich einander: wer
von ihnen als erster geht aus dem Leben,
der werde den andern ein Zeichen geben.
Schworen's und schlugen einander die HHände.
Und damit ging nun ihr Treffen zu Ende.
So gingen sie auseinander bald
und dachten wohl, man stirbt nur alt.

Novemberabend im selben Jahr.
herbstliche Stürme den Nebel verweh'n,
da sitzen sie wieder am Tisch in der Bar.
Gefüllte Gläser vor ihnen steh'n.
Doch einer fehlt: Bill Butterfield,
der immer gern den Boss gespielt.
Die anderen drei heut' seltsam verschwiegen.
Mag es wohl an Bills Fehlen liegen? -
Bill Butterfield vor sieben Tagen
haben sie zu Grabe getragen.
Gedrückte Stimmung; doch keiner spricht aus,
woran er muß denken tagein und tagaus.
Da plötzlich wer
den die beiden Flügel
der Eingangstür auseinander gedrängt
und durch die so entstandene Öffnung
hat sich ein großer Hund gezwängt;
ein großer Hund mit schwarzem Felle
und breitem Schädel verharrt auf der Schwelle.
Er schaut sich um in aller Ruh,
auf ihren Tisch dann geht er zu.
Beängstigend wirkt und riesig das Tier.
Was will der Hund alleine hier!
Er geht nur langsam, fast feierlich.
Einer flüstert: "Das ist er, unweigerlich."

Er kommt zu dem freien Platz am Tisch,
kommt zu dem Stammplatz des Toten,
richtet sich auf, legt auf den Tisch
die beiden Vorderpfoten.
Und blickt sie einen nach dem andern an,
im Aug' eine stille Klage.
Mat Matters, der mutigste der Drei,
fragt ihn, ob er Bill Butterfield sei.
Der Hund jedoch läßt nicht erkennen,
ob ja, ob nein, scheint's nicht zu können,
schaut ihn nur nochmals traurig an.
Wieder auf vier Pfoten dann
wend't er sich ab, und wie gekommen,
geschickt die Pendeltür gedrängt,
hat er den Ausgang schon genommen
verschwunden ist er, eh man's denkt.
"Was war jetzt das?" Slim Sanders fragt.
Da lacht der Wirt ihm zu und sagt:
"Das war unsres neuen Nachbarn Hund.
Zum Fürchten gibt es keinen Grund.
Der ist jetzt öfters einmal hier,
bettelt die Gäste an um ein Bier.
Ein großes Pils ich dann ihm zapf'
und gieß es ihm in seinen Napf.

Das schlabbert er und ist sehr froh,
und wedelt lustig mit dem Schwanz.

Und morgen macht er's ebenso.
Doch friedlich ist er gar und ganz.
Beißt aber mal kein Spender an,
geht heim er wie ein stolzer Mann."

Da schauten sie sich ratlos an,
wie man die Sache deuten kann.
Tim Turner meint: "Der Hund war besessen,
besessen von Billy." - "Das kannst du vergessen!
Ein purer Zufall", Mat Matters meint.
Slim Sanders dagegen noch unschlüssig scheint.
Slim Sanders, der immer noch zittern muß:
"Kann sein - kann nicht sein", ist sein Schluß.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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