Visionen, die nie enden

- Gedichte über den Wunsch, zu sehen -


Friedemann Fuhrmann

 

I. Den Unbekannten

Eines Tages werd' ich durch die Straßen schlendern,
dem bunten Treiben zusehn in der lauten Stadt.
Umfluten lassen will ich mich vom Strom des Lebens
und Kraft und Hochgefühl vom Puls der City saugen.
Und alles will ich mit den Blicken gierig fassen
und jeden im Vorübergehen prüfend messen.
Doch niemand dort wird dann auf meine Schritte achten.

Eines Tages werd' ich durch die Straßen gehen,
an Schaufenstern und Straßenecken stehenbleiben
und überschauen das Gewühl der großen Plätze.
Dann werd' ich auch den Kindern auf dem Sandplatz zusehn,
dem frohen Wettbewerb im Klettern, Schaukeln, Rutschen,
und auf dem Gehsteig vor den Häusern flinke Läufer
und Rollerfahrer, Dreiradrenner, die sich jagen.
Und niemand wird beachten, wenn ich stehenbleibe.

Eines Tages werd' ich auf den Plätzen stehen
vor den Gebäuden, die ich staunend messen will.
Ich werde durch die Schiffe alter Kirchen schreiten
und mich nicht sattsehn können an den Kapitellen,
den Gewölben, Statuen und Engelchören,
um endlich kniend andachtsvoll den Blick zu heben
zu mattem Schein und Kruzifix am Hochaltar.
Und niemand wird dem Staunenden betroffen zusehn.
Und keiner wird den Beter nachdenklich betrachten.

Eines Tags werd' ich auf hellen Straßen wandern,
vorbei an Wiesen, Feldern und Gehöften ziehn,
wo Apfel- und Kastanienbäume Schatten spenden.
Und Dorf auf Dorf will offnen Auges ich durcheilen,
im unverhofften Wirtshaus einen frischen Trunk
und kurze Rast und kräft'ge Stärkung mir gewähren,
des Wirtes Tochter zusehn, wie sie Gläser spült
und Tisch und Theke wischt und sinnend innehält.
Und wieder will ich in die Felder mich verlieren,
seitab, wo Farbenpracht von buntem Leben zeugt.
Ich will die Lerchen in den Himmel steigen sehen,
Getreide- und Kartoffelfelder blühn und reifen,
auf Wiesen Pferde, Schafe, bunte Kühe weiden,
und auf dem Hofe Hühner emsig scharr'n und picken...
Und Sand und Heidekraut und Wald und Felsental
und wieder Aussicht von den Gipfeln weit ins Land...
Ein klarer Bach, ein blauer See, ein grüner Teich,
und badende, sich übermütig tummelnde,
am Ufer wohlig ausgestreckte braune Körper...
Und dann der Strom: gelassen, breit, mit vielen Schiffen...
Und dann das Meer: gewaltig und erhaben, frei,
unsagbar ungebändigt auch an Deich und Strand...
Und all das will ich schauen, trinken, leben.
Und keinen, der den Stauner sieht, wird es verwundern.


II. Den Andern

Eines Tags, wenn all das eintritt, will ich zu dir kommen
und finde dich in deinem Zimmer, blaß, im Sonntagskleid.
Und du wirst mich bewirten wollen, überrascht und froh;
doch spürst du selbst kaum, wie du mich als einen Fremden denkst.
Ich aber will nicht Mahl und Wein und Altes, Neues plaudern;
Ich werde wie ein Wind in deine Wände fahren:
Komm mit hinaus! Laß Band und Buch und Brief zurück!
Ich muß dir all das zeigen, was ich draußen fand,
ich will dich all das sehen lassen, was ich schaute.
Du sollst mit mir straßauf, straßab die Stadt durchstreifen.
Zusammen wollen wir auf höchste Türme steigen,
in oberste Etagen der Hochhäuser fahren,
auf alle Dächer, alle Türme niederblicken.
Mit auf die höchsten Berge sollst du keuchend klettern
und müden Fußes dich durch wilde Felsengründe
mit mir entlang dem tosenden Gebirgsbach winden.
Du sollst mit mir den Strand erleben und das Meer,
und all die Menschen: Männer, Frauen, Kinder, Greise.
Jeden Wurm und jeden Stein und jeden Fremden möchte ich dir zeigen
und über all das mit dir reden, reden! -
über all das mit dir schweigen.


III. Den Künftigen

Du warst mir nah - und du - und ihr -,
und du und ihr, ihr seid es noch.
Doch eines Tages wird es Nähen geben,
die ich in eurer Nähe nie empfand.
Ein Seltsames wird mir gescheh'n, von dem
ich wußte, das ich aber nie gekannt.
Und alles, was ich je an Du gesagt,
es wird verblassen hinter jenem Du.
Und alles, was ich je geschaut und mitgeteilt,
darf ich getrost in großer Klarheit schauen, weisen.

Dann wird mein Wachsen endlich wieder fruchtbar werden:
Dann werden neue Kerne quellen in dem Saft,
der sonst von Wurzel bis zu Wipfel nur das Holz
durchtränkte und als tropfend Harz nur sichtbar ward.
Dann will ich wieder spielen, will ich wieder lernen,
dann darf ich wieder lehren, kann ich wieder singen.
Dann bin ich wieder Fürst, und edler noch als einst.
Dann bin ich wieder Freund, geheiligter als je.


IV. Dem Entscheidenden

Nimm mein Gestammel als Gebet!
Nimm als Lobpreis all mein Sehnen!
Was ich mir im Traum erschaue,
nimm's als Bitte nicht, als Preis!
Meine Freude an den Dingen
meint ja immer ihren Schöpfer;
meine Sehnsucht nach den Menschen
ist ja Liebe zu den Deinen.
Wenn ich Dich zu lieben wage
nur in Deinem Ebenbild,
wenn ich Dich zu schauen trachte
nur in Deiner Werke Pracht:
so verhüll doch nicht die Bilder,
wo Du selbst undenkbar bleibst!
Eines Tages, o Vollender,
eines Tages - ach! Du weißt...

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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