Fünf Sinne sind Leben - schwarz und weiß


Friedemann Fuhrmann

Textbeiträge zum Projekt
"Fünf Sinne sind Leben - schwarz und weiß"
des Kammertheaters "Kleiner Bühnenboden" in Münster
(Auswahl)



Schwarz - Weiß

Schwarz und weiß -
Was ist das für ein Unterschied?
Ich schwarz es nicht; weißt du's?

Hell und dunkel -
was bedeuten diese Wörter?
Verdunkle sie nicht,
erhelle sie mir!

Erklär mir: Was ist Licht,
wenn es denn mehr ist als
ein physikalischer Vorgang,
für dich wahrnehmbar,
für mich aber nicht.

Ist es mehr als der Duft einer Kerze,
das Knistern eines Feuers im Kamin,
als das Brummen oder Sirren einer Neonröhre,
oder die Wärme von Glühbirnen oder Sonnenschein.

Wie nimmst du wahr das bleiche Licht des Mondes,
das ferne Funkeln tausender Sterne?
Beschreibe mir, was deine Augen spüren
und wie sie Farben unterscheiden.
Du kannst es nicht, nicht wirklich, so,
daß ich es nachempfinden könnte.

Bedenke auch,
daß selbst du nur einen Teil des Spektrums siehst.
Infrarot und Ultraviolett
sind auch für dich nur physikalisch nachweisbar.

Kann ich, soll ich, muß ich glauben,
was ich doch selbst nicht erfahren kann,
nämlich daß es Licht gibt? -
Ja, ich glaube daran auf Grund seiner Wirkungen;
ich glaube daran, weil andere es nutzen,
benutzen und damit umgehen und weil,
was sie wahrnehmen und vollbringen,
nur durch die Existenz von Licht erklärbar ist.
Ich glaube also an das Licht
auf Grund des Zeugnisses der Vielen.




Trilogette

Etwas vor mir (I)

Etwas vor mir ist Platz,
ein Stückchen Sicherheit,
ein Schritt oder eineinhalb.
Etwas vor mir ist freier Raum,
ein wenig Raum für Freiheit,
für meine Freiheit.
Mein Stock ruft sein "Tick"
wie beim vorigen Schritt
und verrät mir:
Es ist noch dasselbe Pflaster;
ich bin noch auf dem richtigen Weg,
kein Randstreifen, keine Stufe, kein Hindernis.
Ich tue den nächsten Schritt.
Und wieder ist etwas vor mir Platz,
und wieder - und wieder - und wieder...
Jeder Schritt ein Stück Freiheit.



Etwas vor mir (II)

Im Laufe meines Mobilitätstrainings stellte mir meine Trainerin in ihrem Büro die Aufgabe, einen vor mir auf dem Teppich befindlichen Gegenstand mit Hilfe meines Langstocks zu finden und zu erkennen. Gefunden wurde das unbekannte Objekt von mir sofort und ohne Mühe; trotz eingehender Untersuchung mit der langen Sonde in meiner Hand wollte es mir jedoch nicht gelingen, es zu identifizieren.

"Beschreibe mir doch das Ding", ermunterte mich meine Trainerin; und das tat ich dann auch, etwa so:

"Es handelt sich um einen zylinderförmigen, aufrecht stehenden Gegenstand, dessen Höhe etwa zehn Zentimeter beträgt, und der einen Durchmesser von etwa zwölf Zentimetern hat. Mantel und obere Fläche fühlen sich weich an. In der Mitte der Oberfläche befindet sich ein senkrechtes, rundes Loch mit einem Durchmesser von vielleicht drei Zentimetern, durch das ich mit meinem Stock bis auf den Teppich gelangen kann. Dieses Loch ist mit einem harten Material ausgekleidet."

An dieser Stelle bekam meine Trainerin einen Lachanfall. "Du hast das Ding sehr genau und zutreffend beschrieben, ohne zu erkennen, was es ist", stellte sie fest. "Dabei ist es ein Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens" -

Nun, wißt ihr, was diese Etwas vor mir auf dem Teppich war? - Nein? - Dann will ich es euch verraten: eine Rolle Toilettenpapier.



Etwas vor mir (III)

Was liegt vor mir?
Was erwartet mich?
Was haben ich zu erwarten?
Vielleicht beim nächsten Schritt,
vielleicht in der nächsten Minute,
vielleicht heute Abend, vielleicht morgen früh,
in einer Woche vielleicht
liegt etwas vor mir, gegen das ich stoße,
das mir zustößt,
mich aus der Bahn wirft,
meinen Weg jäh beendet.

Etwas vor mir -
keiner weiß, wie weit,
keiner weiß, was.
Aber etwas wird es sein.




Ein Kind weint in der Nacht

Ein Kind weint in der Nacht.
Vielleicht hat es etwas Erschreckliches geträumt;
es schreit und wacht auf von seinem eigenen Schrei
und kann sich nicht wieder beruhigen.
Es hat Angst und schreit darum,
weint in die Nacht hinein, in das leere Dunkel.
Aber niemand kommt, der ihm sagt,
daß es ja geborgen ist.

Sein Weinen dringt durchs offene Fenster nach draußen,
wird von den Mauern der Hinterhöfe zurückgeworfen
und kommt - wie aus Abgründen -
durch die Balkontür zu mir.

Warum bin ich wach, der einzige, der es hört! -
Ich kann doch nicht zu dir, mein Kind!
Dein Bettchen steht vielleicht nur wenige Schritte
neben mir hier hinter der Wand zum Nachbarhaus,
doch ich kann nicht deine kleine Hand in meiner bergen,
kann nicht beruhigend über dein Haar streichen,
nicht einmal sprechen kann ich zu dir.
Nur einen Engel zu dir bitten kann ich. -

Das Weinen wird leiser und ruhiger,
wird zu einem Wimmern, einem Schluchzen und verebbt,
schwillt noch zwei-, dreimal jäh an,
um dann endgültig vom Schlaf getröstet zu werden. -
Auch ich darf weiterschlafen. - Danke, Engel!




Vom Fliegen

Fliegen ist schön!
Schweben zwischen Himmel und Erde.
Näher dem Himmel?
Näher der Erde?

Fliegen ist schön!
Näher dem Himmel?

Fliegen ist Unterwegssein.
Näher der Erde?

Für viele ist Fliegen Routine:
Termine, Geschäfte.
Näher der Erde?

Für viele ist Fliegen gleich Furcht:
Absturz tödlich.
Näher dem Himmel?

Fliegen - uralter Menschheitstraum -
in unseren Tagen verwirklicht.
Nun fliegen wir
höher
und schneller
als alle fliegenden Lebewesen.

Näher dem Himmel?
Näher der Erde?




Vom Schwimmen und Baden

Das Wasser umfängt mich.
Es trägt mich.
Ich bewege mich darin,
und es bewegt sich mit,
gibt freundlich nach.

Ich bewege mich darin fort.
Es nimmt mich auf
und widersteht mir nicht.
Ich lasse mich darauf ein,
versenke mich darin,
tauche darin unter.
Im Traum atme ich es sogar.

Im Wasser sein heißt:
dem Wasser gehören,
sich ihm anvertraun,
sich ihm anpassen,
angleichen,
sich ihm anverwandeln,
sich renaturieren,
natürlich werden im natürlichen Element.

Freier ist man im Wasser
als auf dem Trocknen,
äußerlich ärmer zwar,
aber reich in der Harmonie des Daseins.




Vom Gehen

Manchen Mannes Schritt,
einstmals beschwingt,
wirkt wohl gemessen,
eh er zum Schlurfen wird.




Vom Sonnenbaden

Hingestreckt -
Hingedehnt -
Dargeboten -
Hingegeben -:
der Wärme,
dem Licht.
der Strahlung.
Jeder Zoll meines Körpers giert danach,
Mit jeder Pore meiner Haut sauge ich sie ein:
Wärme,
Licht,
Lebenskraft,
kosmische Energie,
die mich erwecken, beleben,
verwandeln und vernichten kann.

Diese Stunde verbindet mich mit aller Kreatur:
mit Blättern, Blüten und Gräsern,
mit tanzenden Mücken und der Echse auf dem Stein,
mit Algen und Aligatoren,
mit Raubkatzen und Robben,
ja, selbst mit dem Sand der Wüste
und dem tauenden Gletscher.

Hingestreckt -
Hingedehnt -
Dargeboten -
Hingegeben -:
der Wärme,
dem Licht.
der Strahlung.




Hautsong

Faß mich an, berühre mich!
Lehn dich an mich, spüre mich!
Leg deinen Arm um mich, begreife!

Was nützt es, daß wir einander sehen!
Sehen bedeutet immer Distanz.
Was hilft es, daß wir einander hören!
Niemals hören wir uns ganz.
Wozu alles Reden! es trifft nicht den Kern;
es bleibt doch jeder dem andern fern.

Faß mich an, berühre mich!
Lehn dich an mich, spüre mich!
Leg deinen Arm um mich, begreife!

Dein Anblick gleicht dem eines Sterns im All,
und dein Blick trifft mich wie ein ferner Strahl.
Ich höre dich an wie über den Äther;
ich spreche zu dir wie ein einsamer Beter.
Erst in der Berührung liegt wahres Erkennen,
wenn Haut von Haut keine Räume mehr trennen.

Faß mich an, berühre mich!
Lehn dich an mich, spüre mich!
Leg deinen Arm um mich, begreife!

Die Wärme deiner Haut dringt ins Innerste mir;
die Kühle der meinen sei Labung dir.
Die Feuchte des einen läßt den anderen schwitzen.
Nur Gefühl kann Gefühlsübertragung nützen.
Drum scheue dich nicht und sei mir nah,
und ich werde wissen: Du bist da.

Faß mich an, berühre mich!
Lehn dich an mich, spüre mich!
Leg deinen Arm um mich, begreife!

Hand in Hand und Arm in Arm
laß uns miteinander geh'n!
In deinen Armen lieg ich warm,
Mund an Mund wir uns versteh'n.
Mund an Mund und Leib an Leib,
arm- und beinumspannt:
Zwei wird eins und unser Sein
erkennend und erkannt.

Faß mich an, berühre mich!
Lehn dich an mich, spüre mich!
Leg deinen Arm um mich, begreife!




Zwiespalt

Sehnsucht nach Nähe  --  Neigung zu Distanz
Wunsch nach Kontakt  --  Selbstisolation
Träume von Zärtlichkeit  --  Berührungsangst
Drang zur Wärme Leib an Leib  --  Flucht in kühle Vereinzelung
Hingabe  --  Entzug




Pausenzeichen

Ich bin noch da, ich, der gesprochen hat.
Ich bin noch da, ich werde wieder sprechen.
Laß mich nur Atem holen, mich bedenken!
Ich bin noch da, ich, auf den man hört.
Man wird mich wieder hören. Ich bin noch da,

der anerkannt wird, der was ist und leistet
und der seinen täglichen Geschäften nachgeht.
Ich werde ihnen weiter nachgehn. Ich bin noch da.
Ich werde weiter meinen Mann stehn, werde weiter
handeln und erleiden, fühlen, urteilen,
erkennen, zögern und entscheiden. Ich bin noch da,
der ich gelacht hab, lebensfroh und übermütig,
der ich enttäuscht, verärgert, wütend, traurig war.

Ich bin noch da, es geht gleich weiter.
Laß mich nur erst zu Atem kommen!
Laß mich nur wieder wissen, wie es weitergeht!

Laß mich nur aus den Kalmen erst heraus sein,
dann will ich weitertreiben. Ich bin noch da!
Ich lebe, denke und verändre mich,
und also bin ich da. Ich bin noch da!

Ich hab noch viel zu sagen, hör mir zu!
Bleib weiter eingeschaltet! Wart' auf mich!
Ich bin noch da. Bleib dran, schalt noch nicht ab!
Es geht bestimmt gleich weiter im Programm,

nur weiß ich noch nicht, wie. - Ich bin noch da!
Vielleicht fällt mir das Wort gleich ein,
das Wort für dich. bleib dran, schalt noch nicht ab!
Ich bin noch da, du!: Mensch! Nachbar! Freund! Gott!




Was Blinde sehen

Sehen Sie, ich sehe das etwas anders.
Vielleicht sehen Sie das doch falsch.
Ich hoffe, Sie sehen das ein.
Ich sehe da jedenfalls keinen Grund
und ich sehe auch keinerlei Schwierigkeiten.
Vielleicht sehen Sie doch auch eine Möglichkeit,
daß wir uns heute Abend kurz sehen.
Dann sehen wir weiter.
Auf Wiedersehen!

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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