Teufelsspuk


Friedemann Fuhrmann


Zu der Zeit, als mein Vater ein Jugendlicher oder junger Erwachsener war, wie man heute sagen würde, gab es in unserer Heimatstadt Münster das Gerücht, wer bei Vollmond um Mitternacht in der Promenade das Johannesevangelium rückwärts lese, dem erscheine der Teufel.

Nach diesem einleitenden Satz muß ich zunächst einmal zwei Begriffe klären, wobei ich davon ausgehe, daß der dritte Begriff - Teufel - auch den bibelunkundigen Lesern nicht ganz fremd ist.

Also, zum ersten: die "Promenade" in Münster ist ein Grüngürtel, der sich auf den Resten des einstigen Stadtbefestigungswalls um den historischen Stadtkern schließt, eine vom motorisierten Verkehr freigehaltene Allee, die Münster den Beinamen "Stadt im Lindenkranz" eingebracht hat. Zügig gehend gebraucht man etwa eine Stunde, um auf der Promenade das Stadtzentrum einmal zu umrunden. Mit dem Fahrrad - und davon gibt es viele hier - geht es natürlich wesentlich schneller.

Zum zweiten: das "Johannesevangelium" ist das vierte Buch des neuen Testaments der Bibel, der letzte von vier Berichten über Lehre und Wirken Jesu Christi, dessen Autorenschaft traditionell dem Apostel Johannes zugeschrieben wird. Das Johannesevangelium im engeren Sinn hingegen ist der Anfang, der Prolog desselben, der mit den Worten beginnt: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." Dieser Prolog ist für die katholische Kirche offenbar von so grundsätzlicher Bedeutung, daß er früher, vor dem vatikanischen Konzil, nach jeder heiligen Messe, noch nach dem Schlußsegen, gelesen wurde. "Initium sancti evangelii secundum Johannem."

Nun ist nicht klar was genau jenes Gerücht meinte: das gesamte Buch oder nur den Prolog. Ferner ist nicht gesagt, welche Technik des Rückwärtslesens anzuwenden sei. War mit "rückwärts" gemeint, vom letzten Buchstaben des Textes angefangen, also "etßüm nebierhcs nam eid"; oder Wort für Wort, mit dem letzten Wort beginnend, also "müßte schreiben man die". Eine weitere Möglichkeit, die mir als die wahrscheinlichste vorkommen will, wäre, mit dem Anfang des Prologs zu beginnen, dabei aber jedes Wort umdrehend, also "Mi Gnafna raw sad Trow, dnu sad Trow raw ieb Ttog, dnu sad Trow raw Ttog..."

Ich bin sicher: Mein Vater hat jenem Gerücht nicht wirklich geglaubt. Aber irgendwo in einem Winkel seines Herzens mag er es immerhin für nicht absolut ausgeschlossen gehalten haben. Jedenfalls beschloß er eines Tages, der Sache auf den Grund zu gehen und zu beweisen, daß eine solche Behauptung ins Reich der Sagen, Fabeln und Phantastereien gehöre. Vor allem, so glaube ich, wollte und mußte er das sich selbst beweisen.

So zog er also mit einer Bibel bewaffnet in einer lauen Sommernacht zur Zeit des Vollmonds zur Promenade, setzte sich auf eine Parkbank und wartete auf die Geisterstunde. Als es dann vom Turm der Kreuzkirche hinter ihm und von Sankt Martini und den anderen Stadtkirchen vor ihm zwölf schlug und der Türmer von Sankt Lamberti in sein Horn stieß, begann er im Schein des Mondes und einer nahen Laterne mit klopfendem Herzen halblaut zu lesen: "mi Gnafna raw sad trow, dnu sad Trow raw ieb Ttog, dnu sad Trow raw Ttog..."

Ich weiß nicht, wie weit er gekommen war, als er von rechts her aus der dunklen Tiefe der Allee entfernte Schritte hörte, die ganz allmählich näher kamen. Ein später Heimkehrer, dachte er und las tapfer weiter: "Re raw ni red Tlew, dnu eid Tlew tsi hcrud nhi nedroweg..." was war das für ein eigenartiger Schritt: nicht gleichmäßig "Tack, tack, tack..." sondern "ra-tack, ra-tack, ra-tack..." - ER zieht ein Bein nach, den Pferdefuß, schoß es ihm durch den Kopf, und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Immer näher kamen die Schritte nun. Er schaute vom Buch auf in ihre Richtung und sah - zunächt nur undeutlich aber dann immer schärfere Konturen gewinnend - eine hohe, dunkle Gestalt auf dem Weg zwischen den Bäumen auf sich zukommen. Er spürte, daß ihm der kalte Schweiß ausbrach. Seine Hände zitterten, so daß er nicht weiterlesen konnte. Als der Nächtliche den Lichtkreis der Laterne erreichte, erkannte mein Vater, daß er in einen schwarzen Mantel gehüllt war und auf dem Kopf einen hohen, gleichfalls schwarzen Zylinder trug. Darin versteckt er seine Hörner, fiel es ihm ein. Was werde ich sagen, wenn er mich jetzt anspricht? -

Aber der Schwarze sprach ihn nicht an, schien ihn gar nicht zu bemerken, sondern ging - ra-tack, ra-tack, ra-tack - an ihm vorbei und entfernte sich, wie er gekommen war.

Erleichtert atmete mein Vater auf. Dann aber lachte er über sich selbst: Wahrscheinlich - so wurde ihm klar - war der Mann in Schwarz ein harmloser später Heimkehrer von einem ausgedehnten Leichenschmaus, etwa im "Lindenhof" oder im "Himmelreich". Aber irgendwo in einem Winkel seines Herzens mag er jene andere Möglichkeit nicht für absolut ausgeschlossen gehalten haben. Das jedenfalls vermittelte er mir, als ich als Junge diese Geschichte von ihm hörte.

Das Johannesevangelium jedoch hat er wohl nie wieder rückwärts gelesen, schon gar nicht bei Vollmond um Mitternacht in der Promenade.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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