Orpheusschmerz und amselfrühe Liebe

Eine Art Taglied um Liebe und Verzicht


Friedemann Fuhrmann


Eine Amsel sang. Sie hörte es mit halbem Ohr, sank noch einmal zurück in die reinigende und stärkende Unwissenheit des Schlafes, um dann - ganz nah vor'm Fenster sang die Amsel - plötzlich hellwach zu sein. Zwanzig nach fünf, dachte sie; denn sie wußte, wann um diese Jahreszeit die Frühaufsteherin Amsel ihr Solo sang, ehe - fast auf die Minute genau eine halbe Stunde später - das beinahe streng rhythmische Tschilpen der Großstadtspatzen ihr Lied verdrängte. Sie lauschte still mit wachen Sinnen auf die noch etwas kurzatmigen Strophen, aus denen doch schon die hohe Kunst alter Amselschule aufleuchtete, - und auf seine tiefen, männlichen Atemzüge, deren ruhiger Rhythmus seinen ganzen Körper durchlief und mitschwingen ließ. Und als sie ihren Arm ganz dicht an seine Seite schob, glaubte sie, sogar seinen Herzschlag zu fühlen.

Sie hatte sein letztes Gute-Nacht nicht mehr gehört, war eingeschlafen über seiner letzten Rede, die wie ein Gedicht gewesen war. - Sie hatten viel und lange miteinander gesprochen. Anfangs hatten sie es dabei scheu vermieden, von ihrem Wagnis zu reden. Sie sprachen über Bücher, die sie gelesen hatten, Gedichte, Lieder, die sie kannten. Und wie von selbst verschmolz dies alles mit der Wirklichkeit, und sie sprachen über ihre Freunde und Bekannten; nicht wie der Klatsch, nein, mit dem Bemühen, sie ganz zu verstehen, so wie die Personen der Bücher und die Dichter der Verse, die sie liebten. Und dann: Von sich selber hatten sie gesprochen, sich gezeigt und erklärt und geschenkt, mit allem Lichten und Dunklen in ihnen - ja, auch das Dunkle. Und es war nicht einmal schwer gewesen; nur die Worte hatten manchmal gefehlt. Dann hatte er nur leise "Ja" gesagt, und sie wußte, daß er sie verstand, daß er sie nun in sich trug, in seinem Wissen und Denken und in seinem Herzen. Meinte doch auch sie nun, ihn ganz zu kennen; nicht wie ein gelesenes Buch, das man wieder wegstellt, sondern wie ein Lied, das man erst singen kann, wenn man es kennt, und an dem man trotzdem immer wieder etwas anderes, neues Schönes entdecken kann, das man mehr und mehr lieben lernt, bis es ganz ein Stück eigenen Denkens und Fühlens geworden ist. - ... liebt ...

Und schließlich, so befreit, hatten sie doch von dieser Nacht gesprochen. Jetzt, da sie ihn verstand, wiederholte er, daß es ein Wagnis sei, weil so unberechenbar diese Kräfte werden können. Vom Orpheusschmerz hatte er gesprochen, und sein Monolog hatte ihr mehr und mehr wie ein Gedicht geklungen; und weil sie müde war und Mitternacht wohl schon vorbei, war sie darüber eingeschlafen, wie über einer Musik.

"... Adam fiel mit Eva, und sie mußten aus dem Garten in die rauhe Welt. Und Orpheus glaubte, zu gewinnen, und verlor. Und immer wieder treibt der Mensch sich aus dem Paradies; doch immer wieder wagt er's, drin zu wohnen. Und wir wagen's auch. - Dir so nah zu sein und doch dem letzten - ja, dem Letzten - Glück entsagen, es ist der Orpheusschmerz; jedoch vielleicht bringt eben das das Paradies, vielleicht, wenn wir die letzte Schranke nicht zerbrechen, daß um so fester sich ein Band um unsre Herzen schlingt. - Dies Wort von dir, es hat mich aufgewühlt; ein Sturm von Feuer schoß bis in den letzten Winkel meiner Seele. Doch - gibt es Erfüllung dieses edelstolzen Wortes, dürfen wir sie suchen? - Und führe uns durch die Versuchung zur Erlösung von dem Übel! - Ist es Frevel? ..."

Er merkte, daß sie eingeschlafen war, und schwieg. Kaum hörte er sie atmen, fühlte es aber ganz deutlich unter der Decke neben sich.

Sie schlief also; und wenn sie morgen früh erwachten, war die Gefahr wohl fast vorüber. Ihn aber würden seine Gedanken vorerst nicht schlafen lassen, das wußte er. Er kannte diese endlosen Stunden ohne Schlaf und was sie an Grübelei und Phantasie, an Fruchtbarem und Üblem, an Erkenntnissen und Schwächen enthielten. Und sie schlief. Mit großer Zärtlichkeit dachte er an das schlafende Mädchen an seiner Seite. Und er wußte, daß zuletzt doch jeder selber die Gefahr, den Kampf bestehen mußte.

Noch hing seine Stimme im Raum wie das nächtliche, ruhige Rauschen eines Flusses; und der gewesene Klang mochte ihn vorerst vor manchem Gedanken schützen. Aber je länger er schwieg, desto stiller schien es um ihn zu werden, bis zuletzt nur seine Gedanken übrig blieben und das schlafende Mädchen neben ihm. - Mädchen ...

Und seine Gedanken gingen zurück zu dem Anfang dieser Geschichte, zu jenem Wort, das sie gesprochen. Die andern hatten geglaubt, es sei ein Scherz, eine prickelnd verlockende Idee vielleicht; aber niemand hatte wirklich damit gerechnet, daß es ihr ernst sei damit. Ihn jedoch hatte es entzündet wie ein Blitz. Sie hatten gelacht und ihren Spaß getrieben mit diesem Wort, das ihm so stolz und heroisch erschien. Dieser edle, stolze Wagemut war es, der ihn entflammte und anzog, nicht - oder nur wenig - das Verlockende dieses Angebots. Ihm war, als habe er unbewußt dasselbe gedacht und gefühlt, und als habe das Aussprechen dieser Idee bei ihm eine gleich gestimmte Saite zum Schwingen gebracht.

Er hatte zu den Späßen der andern geschwiegen. Erst als sie allmählich verebbten, hatte er gemeint: "Aber du hast Recht, man sollte es wirklich einmal riskieren."

Mehr hatte er nicht sagen wollen oder sagen mögen; denn an die Einlösung ihres Wortes wagte auch er nicht ernsthaft zu glauben. Er hatte sogar gemeint, das Thema mit dieser Bemerkung abschließen zu können. Doch da hatte einer lachend zu ihr gesagt: "Er nimmt dich beim Wort."

Das hatte eine neue Flut von Späßen und scherzhaften Anfeuerungen ausgelöst, die nun auch auf ihn nieder prasselte. Sie hatten beide dazu geschwiegen und sich schließlich nur mäßig gewehrt, was viel deutlicher war - jedenfalls für sie beide -, als wenn sie scherzend mitgemacht hätten.

Später waren ihm dann doch Zweifel gegen sich selbst gekommen. War es, so hatte er sich immer wieder fragen müssen, nicht doch mehr das Verlangen nach dem gemeinsamen Bett, nach intimer und intimster Gemeinschaft, als der trotzige Wille, zu beweisen, eins brauche das andere nicht nach sich zu ziehen, was ihn die Erfüllung des Wortes herbeiwünschen ließ? Lockte ihn nicht einfach auch das Unbekannte, das Abenteuer und die Gefahr? Und schließlich hatte er überlegt, ob eine solche Nacht für ihn denn wirklich so leicht zu ertragen sein würde. Dabei war er zu dem Schluß gekommen, daß es ein Wagnis sei, ein Wagnis, dessen Lohn, wenn es gelänge, vielleicht eine tiefere, schöne Freundschaft sein konnte, vielleicht gar eine echte Liebe. Denn es war nicht etwa so, daß sie sich liebten. Sie waren gute Freunde, wie alle, die an jenem Abend dabei gewesen waren. Sie hatten sich im Laufe der Zeit gegenseitig schätzen gelernt, empfanden vielleicht auch eine besondere Zuneigung zueinander, doch mehr nicht. Aber seit dieses Wort gefallen war, hatte er mehr und mehr an sie denken müssen. Immer öfter war er mit ihr zusammengetroffen, hatten sie sich geschrieben oder miteinander telefoniert.

Bis es plötzlich soweit war.

Schon unterwegs hatte er gewußt, daß heute die Entscheidung fallen würde. Zunächst war alles gewesen wie sonst; bis nach dem Abendessen, als die Gespräche ruhiger und tiefer wurden. Da war irgendwie die Erinnerung an jenen Abend wieder aufgetaucht; und wieder hatte sie sich bereit erklärt, zu beweisen, daß es "auch anders" gehe; und er hatte erneut und entschiedener als damals bestätigt, daß sie Recht habe, und dann hinzugefügt: "Ich gebe ja zu, daß es mir wahrscheinlich schwer werden würde; aber wenn wir beide den festen Willen dazu haben, durchzuhalten, müßte es gelingen."

Damit war die Sache entschieden. Sie hatten noch ein wenig hin und her geredet, wobei er ihr klarzumachen versucht hatte, daß es ein Wagnis sei, und daß sie darum eine Art Abkommen schließen müßten für den Fall des Mißlingens. Aber davon hatte sie in ihrer optimistischen und kompromißlosen Art nichts wissen wollen; ja, sie hatte es sogar verstanden, ihn aufs neue zu entflammen.

Und so war es also. - Er mußte unwillkürlich lächeln: Das ganze kam ihm jetzt plötzlich so unerhört verrückt und kindisch vor; ja, es war fast wie ein Spiel unter Kindern, die von der Wirklichkeit, die sie nachahmen wollen, nur die Oberfläche kennen. Sie waren aber doch keine Kinder mehr, sondern wußten und fühlten, daß das Spiel von einst jetzt aktuelle Wirklichkeit wurde. Aber dennoch schien es ihm, als seien sie nur flüchtig über das Neuland informiert worden, das sie betreten hatten, als seien sie mit ganz falschen oder doch ungenauen Vorstellungen in diese Nacht hineingegangen. Wer hatte denn eigentlich das behauptet, was sie widerlegen wollten? Wie kamen sie zu der Annahme jener Zwangsläufigkeit? Er wußte es nicht. Immerhin war es seltsam, daß alle sie annahmen. Entscheidend für den Ausgang solcher Nacht war wohl doch in erster Linie die Absicht, in der sie begonnen wurde; und daß, wer ein gemeinsames Lager sucht, nicht nur das Lager an sich damit meint, schien ihm einleuchtend. So gesehen bedurfte es also gar keines solchen Beweises mehr; es war beinahe selbstverständlich, was sie beweisen wollten. Ihm jedenfalls kam es jetzt, da sie so friedlich nebeneinander lagen, so einfach vor, daß er sich fast seiner Bedenken schämte.

Mitten in der Nacht aber war alles wieder ganz anders:

Sie erwachten beide zugleich in enger, gegenseitiger Umklammerung. Im Schlaf hatten sich ihre Körper aneinander gedrängt. Und so, wie sie diese Nähe wahrnahmen, die ein wohlwollender Traum ihnen geschenkt haben mochte, war da auch das Verlangen nach noch größerer Nähe. Ihre Herzen pochten immer rascher und heftiger und pumpten mit ihrem Blut ein wildes, berauschendes Feuer in all ihre Glieder. Das forderte gewaltig nach mehr; es wollte sie miteinander verschmelzen.

Nur eine dunkle Erinnerung stellte sich diesem Feuer entgegen. Die versuchte wohl, es zu löschen oder wenigstens einzudämmen, schien aber doch nicht mehr zu vermögen, als seinen verzehrenden Lauf ein wenig zu verzögern. Zu sehr überstrahlte das Feuer sie.

So leckten die gierigen Flammen sich langsam aber stetig immer näher an die letzte Schanze heran, betasteten mit glühenden Fingern die Mauern und legten die heißen Hände mit sanfter Wildheit auf Flächen und Fassaden. Schon sprangen die ersten, kühnsten Funken die letzten Barrikaden an, da war es plötzlich, als habe die dunkle Erinnerung selbst Feuer gefangen und brenne nun lichterloh. So grell flammte sie mit einem Male wieder auf, daß es wie ein Wunder war. Das Feuer schien zu erschrecken, wie vor einem Gegenfeuer, das man als letzten Ausweg entfacht.

Es war, als seien sie noch einmal erwacht. Sie hätten nicht zu sagen vermocht, wem von ihnen zuerst dieses Erwachen gekommen war, ob ihn eine kaum spürbare und fast unbeabsichtigte, abwehrende Bewegung aufgeweckt, oder ob erst sein unvermittelter Rückzug auch sie erschreckt hatte. Er stöhnte auf und kehrte ihr den Rücken zu. Sie merkte, daß er vor Erregung zitterte.

Eine glühende Scham vor ihr und vor sich selber durchwühlte ihn. Was würde sie nun von ihm halten! Ihre schöne Idee, die sie zusammen gebaut und ausgeschmückt hatten, schien ihm nun durch seine Schuld zerstört.

Aber auch sie fühlte sich schuldig. Hatte sie doch nach seiner Berührung, der engen Nähe seines Körpers verlangt und sie nicht erlitten. - Sie lag nun regungslos auf dem Rücken und ließ die heißen und kalten Wellen der Scham still über sich ergehen. Aber noch stärker als die Scham empfand sie eine ungewisse Angst, eine Angst um ihn. Sie spürte die Gefahr, daß dieser kurze Feuersturm zu einer Scheidewand zwischen ihnen werden könnte, wenn jeder von ihnen die Scham und die Enttäuschung darüber, die Absicht dieser Nacht verfehlt oder doch beinahe verfehlt zu haben, für sich allein tragen wollte. Sie mußte es ihm sagen und seiner keuchenden Erregung zu Hilfe kommen.

Er fühlte eine Bewegung hinter sich, einen Arm, der sich behutsam um ihn legte, eine Hand, die nach der seinen tastete. Und es war ihm ein Trost, und er verstand, was sie ihm sagen wollte: daß er ihre Gemeinschaft nicht gesprengt hatte, weil auch ihre Schwachheit eine gemeinsame war. Gemeinsam hatten sie die Gefahr des Feuers erlebt und sie letztlich doch bestanden. Und er erwiderte den zärtlichen Druck ihrer Hand und wurde ruhiger davon. Und schon bald sogar fielen sie beide wieder in Schlaf.

Sein letztes Gute-Nacht hatte sie nicht mehr gehört. Eingeschlafen war sie über seiner letzten Rede, die wie ein Gedicht, wie Musik geklungen hatte. Und das dämonische Feuer der Nacht schien ihr nun, beim reinen, unbeschwerten Lied der Amsel, wie ein böser Traum, den der frische Morgenwind verweht. Nur eines war geblieben, und sie empfand es stark und beglückt: Es war schließlich doch ein Sieg ihrer Idee geworden; und sie war stolz auf diesen Sieg, an dem auch er einen großen Anteil hatte. Darum war sie stolz auch für ihn und auf ihn. -

Hinweggefegt hatte der frische Morgenwind den Brandgeruch und die dunkle Asche; und die aufgehende Sonne sah nur die Lorbeerkränze und Siegespalmen. Und im Lied der Amsel hörte sie ihr eigenes Aufjauchzen.

Das Lied der Amsel rief ihn aus der Dunkelheit der Nacht zum reinen Licht des frühen Morgens - sanft, doch unwiderstehlich. Sein Erwachen war ein langsames Empor-gehoben-werden aus der Stille und Dunkelheit der Meerestiefe. Nur langsam nahmen das Licht und die Stimmen von oben zu, bis sein Kopf die Wasseroberfläche durchbrach.

Er horchte auf die Botschaft des Amselliedes: jede Nacht, sang die Amsel, endet mit dem Morgen; auf jeden Traum, den schönen und den bösen, folgt ein Erwachen.

Wohl stand die Schlacht der Nacht noch deutlich vor ihm, und er ahnte, daß mit ihr der große Kampf vielleicht erst begonnen hatte, der Kampf um eine große Entscheidung. Und wie er ihren Arm an seinem Herzen spürte, wußte er es: Der Feuersturm war nicht vorüber. Er war wie das ferne Grummeln eines abziehenden Gewitters, das immer noch zurückkehren kann, während schon die Sonne wieder hervorbricht und die von der Böe zu Boden gedrückten dürren Halme sich saftig und grün wieder aufrichten.

Sie merkten es gleichzeitig, daß sie beide nicht mehr schliefen. Ihre Hände suchten sich unter der Bettdecke:

"Guten Morgen", sagte sie leise aber hell.
"Guten Morgen", gab er in seiner sanften Art zurück.
"Hat dich die Amsel auch geweckt?"
"Ja. Weißt du, was sie singt?"
"Ja, du auch?"

Und ihre Hände schlossen sich noch fester umeinander, und sie lauschten gemeinsam den letzten Strophen.

Dann richtete sie sich halb auf, wobei sie sich auf ihren rechten Arm stützte, und sah ihm in die Augen. Er erwiderte ihren Blick. Ein unbegreifliches Verstehen und Wissen umeinander flutete über ihre Blicke zwischen ihnen hin und her. Sie beugte sich langsam zu ihm hinunter und drückte ihre Lippen sacht auf seine Stirn. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust. Aber diese Umarmung war anders als die der Nacht: nicht verlangend, sondern beglückt und beglückend.

Es mochte eine Minute vergangen sein, da löste sie sich sanft von ihm. "Komm", sagte sie, "wir wollen aufstehn. Die Spatzen sind auch schon wach."

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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