Grammatikalische Funktionalitäten einer literatürlichen Verbalkommunikation


Friedemann Fuhrmann


Ein Sprachprivatissimum

Zu den ersten fremdwortlichen Begriffen, die ich als Kind kennen lernte, gehört das Wort "elektrisch"; denn alles Elektrische faszinierte mich schon als kleinen Jungen. Allerdings bewunderte ich dabei von Anfang an nicht nur die Segnungen der Elektrizität; einen Riesenrespekt, der bis heute angehalten hat, erfuhr ich schon im Kindergartenalter durch einen heftigen Stromschlag.

Erst viel später lernte ich das Wort "elektronisch". Ich habe damals lange darüber gegrübelt, und durch aufmerksames Erhorchen aus Berichten, Gesprächen und sogar aus klugen Erklärungsversuchen gelernt meine Rückschlüsse zu ziehen. Mein Fazit zur Frage des Unterschieds von "elektrisch" und "elektronisch" war schließlich: "Elektrisch" ist, was man noch einigermaßen verstehen kann, die Erzeugung von Licht, Wärme und Bewegung. "Elektronisch" dagegen ist, was von selbst passiert, auf Grund von ihr, der Elektronik, selbst durchgeführten Messungen, kurz: was sich meinem Verstand entzieht.

Doch schon bald trat ein weiteres Definitionsproblem auf: Was passierte denn in meinem Radio? An das Gefühl der Genugtuung nach dem erfolgreichen Zusammensetzen eines Kristalldetektors kann ich mich noch gut erinnern. Auch Aufbau und Funktion eines einfachen Schwingkreises leuchten mir noch ein. Was dann aber alles daraus entwickelt wurde, darüber kann ich nur staunen, kann es nutzen, aber schwer verstehen.

In der Schule lernte ich, zu unterscheiden zwischen deutscher, englischer und anderen Grammatiken. Aber in all den Schuljahren gelang es mir nicht, den Unterschied zwischen "grammatisch" und "grammatikalisch" zu begreifen.

Als ich so um die vierzehn war, gab es an der Carl-Strehl-Schule (in Marburg einziges Gymnasium für Blinde) einen blinden Lehrer im Fachbereich Physik mit Namen Britz. Der editierte, redigierte und produzierte unter dem Titel "Funk und Elektronik" eine Bastelzeitschrift für Blinde. Ihren Inhalt verstand ich zu einem großen Teil nicht. Der Titel aber verwirrte mich endgültig: Ist denn, so fragte ich mich, das weite und vielschichtige Gebiet der Funkerei nicht auch elektronisch?
Doch zurück zum Thema! Oder ist daraus inzwischen eine “Thematik” geworden?

Ich erwähnte soeben die Physik; und hier wird es beinahe unübersichtlich: Stehen vielleicht “physisch” und “physikalisch” in demselben Verhältnis zueinander wie “elektrisch” und “elektronisch”? Und ist vielleicht ”physiologisch” eine weitere Verständnisstufe? Was hat es auf sich, wenn zum Hauptstrang “Physik - Physiologie” ein paar weitere Nebengleise sich ins Bewusstsein drängen wie zum Beispiel “Physiognomie” oder einfach “Physis”?

Es lässt sich nicht bestreiten, dass von Zeit zu Zeit Wörter auftauchen, Begriffe oder auch ganze Redewendungen, die bis dahin niemand gebraucht oder benötigt hat; und doch sind sie schon nach wenigen Tagen in aller Munde. Ein Beispiel für einzelne Begriffe ist “Migration”, das heute von jedermann benutzt wird, auch von Leuten, die vor dem nicht zwischen Emigranten und Immigranten zu unterscheiden wussten. Für weitere Bespiele verweise ich auf die “Gesellschaft für deutsche Sprache” und andere Institutionen, die jeweils kurz vor Ende eines Jahres Wort und Unwort des betreffenden Jahres küren und veröffentlichen.

Vermutlich von einem Werbetexter erfunden oder entdeckt, breitet sich gegenwärtig ein solches Trendwort in der Sparte “elektronische Hilfsmittel für Blinde” aus. So hörte ich neulich in einer Hilfsmittel-Austellung einen Firmenvertreter die Vorzüge des Notizgerätes seines Arbeitsgebers in den höchsten Tönen preisen. Sein Loblied gipfelte in der Feststellung, das Gerät habe ungewöhnlich viele “Funktionalitäten”.

Da kann ich nur sagen: “Hoffentlich funktionieren sie dann auch alle”.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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