Gedanken an den Tod

Zyklus


Friedemann Fuhrmann



Vorwort

Gedanken an den Tod
bedrängende Fragen
Gedanken an den Tod
an deinen - an meinen
Gedanken an den Tod
der uns traf und der uns treffen wird
den Erlöser - den Zerstörer
den unerbittlichen Beender
den hinterhältigen Lauerer
den plötzlichen Durchkreuzer
Gedanken an den Tod
Bangnis - Resignation
Vergeblichkeit - Insufizienz
Gedanken an den Tod
und dann November
was bleibt zu tun
was ist getan
und eine dumpfe Glocke mahnt


Wiedersehn dereinst

Als mein erster Freund starb,
hörte ich ihn streiten für mehr Gerechtigkeit;
und ich wußte:
Wenigstens eine Seligpreisung trifft auf ihn zu.

Als mein zweiter Freund starb,
sah ich beide auf einem Hügel steh'n:
niederblickend auf die Welt zu ihren Füßen,
die sie endlich durchschauten und verstanden.

Nun will mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf:
Ich werde mich euch zugesellen.


Wenn ich gestorben bin

Wenn ich gestorben bin, bin ich nicht tot.
Etwas von mir wird noch verweilen:
das Leben, das wir miteinander teilen,
das ihr an meiner Stelle weiterlebt.

Wenn ich gestorben bin, bin ich nicht tot.
Ich bin in hinterlass'nen Spuren:
meine Gedanken in so mancher Zeile,
auf manchem Bild meine Gestalt,
und meine Stimme gar
bringt noch zum Schwingen die Membrane.

Wenn ich gestorben bin, bin ich nicht tot,
auch wenn du alle Spuren löschtest;
denn was ich je mir einempfunden habe von der Welt,
darin bin ich auf ewig mit enthalten:
Wind und Sonne auf der Haut,
Vogelruf und Kinderspiel,
Weg und Straße, Berg und Meer,
Düfte, Klänge,
Lärm und Schweigen,
Bewegung, Ruhe,
Trunk und Mahl,
Schmerz und Hochgefühl...

Wenn ich gestorben bin, bin ich nicht tot.
Du sollst mich seh'n in Dingen, die du mir gezeigt:
Blatt und Blüte, Form und Schrift,
Wolkennebel im Gebirge,
Rauhreif in der Morgensonne...
Du sollst mich spüren in den Klängen, die ich kannte,
in den Schmerzen, die ich litt und trug,
in den kleinen Freuden, die ich schätzte,
in den Freunden, denen ich verbunden, -
in dir selbst.


Fortexistenz

Ein Regentropfen fällt ins Meer,
von wo er aufgestiegen war.
Nur für die kurze Zeit des Falls
ist er ein Tropfen:
von dem Moment an, als er sich
an einem Materiestäubchen kristallisierte
und damit schwerer wurde, sank - und fiel.
Erst trug ihn noch der Wind
und hob ihn scheinbar auf;
doch, stetig wachsend, fiel er immer rascher
und unaufhaltsam auf die weite Fläche zu,
bis er sie klatschend trifft -
zerspritzend - aufgelöst.

Für Augenblicke unterscheidet er sich noch vom salz'gen Element,
dann ist er sein Bestandteil, ist das Meer:
das braust und wogt und gischtet
und in dunklen Tiefen schweigt,
umspülend Inseln, Kontinente,
aus dem der Dunst emporsteigt, der die Wolken bildet,
aus denen Regentropfen fallen...

Ewiger Kreislauf! Ungeheures Sein,
das Existenz des Individuums nur kennt
als Übergang, als kurzes Zwischenspiel.


Einladung zu irgendwann

Besucht mich auf Lauheide!: *
Nicht zu Allerseelen, wenn die Lichter brennen
und allenthalben Scharen von Besuchern
sich um frisch geschmückte Beete drängen;
wenn schon am späten Nachmittag
zwischen den Bäumen Nebelschleier hängen
und endlich nach der letzten Autotür
den Spuk der Trauerpflichtigen
natürliches Novemberschweigen endet. -

Besucht mich auf Lauheide!:
im Frühjahr, wenn die ersten Blüten duften,
wenn neues Grün von neuem Leben kündet,
und im noch rauhen Wind die ersten Vogellieder klingen.
Dann helft dem Sprießenden nach
mit Schaufel, Harke, Kanne!
Und laßt die Kinder, die das neue Leben in sich tragen,
ruhig auf den langen Wegen rennen,
sich ducken hinter Busch und Stein;
rauh ist der Wind im Lebensgarten. -

Besucht mich auf Lauheide!:
im frühen Sommer, wenn der Kuckuck ruft,
wenn Fink und Fitis diskutieren über Dur und moll,
und wenn die Amsel weicher, süßer flötet
als am Morgen in der Stadt.
Hockt euch zu mir, sprecht von den alten Zeiten!
Stimmt eines unsrer Lieder an, die wir im Mai gesungen!
Wenn einer von euch gar die Klampfe schlägt,
dann stimme ich gewiss mit ein; ihr sollt es hören.
Dann packt die Brote aus und Fleisch
und hart gekochte Eier; haltet Mahl mit mir!
Gebt auch den Vögeln und den Mäusen ein paar Krumen ab!
... Oder zur Zeit der großen Sommerhitze,
die so recht nach meinem Sinn!
Lagert euch zu mir, träumt in das Geflimmer!
Erwägt die rechte Relation von Werk und Muße,
von Plan und freiem Spiel der Kräfte!
Und eh ihr ausgedörrt und sonnentrunken heim fahrt,
kehrt noch im nahen Gasthaus ein zu kühlem Trunk!
Und den Kindern spendiert ein großes Eis!

Besucht mich auf Lauheide!:
Vielleicht auch mal im Januar, wenn jeder Schritt
auf weißen, unberührten Wegen knirscht und pfeift.
Wenn ihr dann bei mir stehen bleibt, laßt die Kapuzen auf!
Vergrabt die Hände in den Manteltaschen!
Und lauscht der kalten Stille!:
Der Zug, die Straße, kilometerfern,
viel näher scheinen sie als sonst.
Ein ferner Hund, ein Krähenschrei,
Und pfeifend geht der Wind durch kahle Bäume...
Bleibt nicht zu lange steh'n im Schnee!
Die Kälte zieht euch an den Füßen.
Schlagt eure Hände warm,
und laßt die Flasche einmal kreisen!
Dann wendet euch
und macht euch schniefend auf den Heimweg!
Es macht mir nichts, daß ihr schon geht;
ich war schon immer gern allein.

Anmerkung: * “Auf Lauheide” ist die volkstümliche Bezeichnung für den Waldfriedhof Lauheide am Stadtrand von Münster


Ich habe dich sterben geseh'n

Ich habe dich sterben geseh'n,
hinsterben, tagelang.
Ich habe bei dir gesessen und konnte nichts tun.
Kaum noch verständlich,
s a n g s t d u
ein kindlich frommes Lied,
das zeigte:
Du wußtest darum. -
Und Tag und Nacht das Röcheln!
Und in jeder langen Pause der Gedanke:
Das war der letzte Atemzug. -
Ich habe dich sterben geseh'n,
auch wenn ich deinen Tod nicht miterlebte.
Ich habe bei dir gesessen
und die Ohnmacht des Menschen gelernt.
Und als es vorbei war,
hatte ich keine Tränen mehr.

Ich habe auch Dich sterben geseh'n,
als ich noch jung war,
meine Wahrnehmung besser
und stärker meine Phantasie
Ich habe bei Dir gestanden, fassungslos,
bei Deinem letzten Schrei,
dem Schrei aller Verlassenheit
und aller Verlassenen;
und meine Tränen mischten sich mit Deinem Blut. -

Wenn einst auch ich verlösche, ohnmächtig und allein,
bleibt bei mir steh'n, nur eine zeitlang!
Ihr braucht mir nichts zu sagen
und erst recht nichts vorzumachen,
nur dasein als ein Teil von mir. -
Und Du, - wenn meine Worte enden
und die Gedanken dämmern -:
Vergiß die kindlichen Tränen nicht,
und rechne nicht die Hahnenschreie!


Vor Fahrtantritt

Dunkle Ahnung an einem hellen Frühlingstag.
Seltsame Ungewißheit vor der großen Wanderung:
Wo und wann endet der Weg?
Werden wir gemeinsam das Ziel erreichen?
Aber Du gehst den Weg mit uns,
noch immer.
Bleib bei uns, Herr, wenn's Abend wird!

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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