Friedhelm


Friedemann Fuhrmann - Februar 2006


Friedhelm B. war ein Nachbarjunge, der Älteste von drei Brüdern und so alt wie ich. Das war vor und zu Beginn unserer Schulzeit oder - aus der Sicht der Erwachsenen - gegen Ende des Krieges und in der ersten Nachkriegszeit. Wir lebten damals auf Bauer L.s Hof in der Bauerschaft Tilge, die zu Preußisch Ströhen gehörte, einem Dorf im äußersten Norden Ostwestfalens. Wir, das waren, außer mir, Mutter und meine drei älteren Schwestern. Anfangs kam für zwei oder drei Tage auch mein Vater aus Münster noch hinzu, wenn er dienstfrei hatte; doch dann mußte er in den Krieg. Wir bewohnten zwei Zimmer in dem weitläufigen Bauernhaus, ohne eigene Toilette und zunächst auch ohne Wasseranschluß. Aber so oder ähnlich erging es damals vielen Familien, die aus den bombardierten und bombenbedrohten Großstädten aufs Land evakuiert worden waren.

Friedhelm war eines jener erstaunlichen Kinder, die von ihrer ersten Begegnung an mit einem Behinderten - in diesem Fall also mit einem gleichaltrigen Blinden - ganz unverkrampft, selbstverständlich und verständig mit dessen Behinderung umgehen. Unser Anfangsinteresse aneinander mag durch die Ähnlichkeit unserer Vornamen wohl noch verstärkt worden sein -: Friedhelm und Friedemann. So wundert es nicht, daß sich zwischen uns beiden, nachdem wir erst einmal voneinander wußten, eine kindliche Freundschaft entwickelte. Entweder er kam - auch wohl mit seinen Brüdern - zu uns auf den Hof, wo ich jeden Winkel des Hauses, in den Ställen und Scheunen und im gesamten Gelände kannte und schloß sich der Spielgemeinschaft mit meinen Schwestern und der kleinen Sieglinde, der Enkelin des Bauern an, oder ich machte mich zu ihm auf den Weg, zu Fuß oder mit Sieglindes Kinderfahrrad, mit dem ich sonst überall auf dem Hof umher kurvte. Dazu brauchte ich nur von unserer Hofeinfahrt aus rechts in den Sandweg einzubiegen und diesem zu folgen.

Der Weg selber bestand aus lockerem, feinkörnigem Sand, in den die gelegentlich hier verkehrenden Pferdewagen oder Kutschen tiefe Radspuren gemahlen hatten. Bei Regenwetter entstanden darin tiefe Pfützen, die aber rasch wieder in den Sandboden versickerten. Im Winter bildete sich in diesen Fahrspuren sogenanntes Lufteis, wenn die Wasseroberfläche gefror, das Wasser darunter aber versickerte. Es machte dann Spaß, solches Lufteis mit krachendem Geräusch zu zertreten.

Am rechten Rand des Weges jedoch verlief ein schmaler, festgetretener Fußpfad, ein Pättken, wie wir in Westfalen sagen. Geriet ich in den lockeren Sand, so wußte ich, daß ich zu weit links gegangen beziehungsweise gefahren war; und spürte ich das Gras des Wegrains, verriet mir das die Nähe des Grabens. Mein einziges Problem dabei war, den Zugang zu B.s auf der linken Seite des Weges zu finden. Ich war also auf Entfernungsschätzung angewiesen. Im günstigsten Fall hörte ich vom Haus her die bekannten Stimmen. Eine gute Hilfe war es, die Stämme der Bäume am rechten Wegrand zu zählen. Einmal überlegte ich mir auch, daß ich ja nur von meinem Pättken in den Graben zur linken zu wechseln brauchte, der wie die meisten Gräben dort im Sommer völlig ausgetrocknet war; denn der mußte ja durch die gesuchte Einfahrt unterbrochen sein. Hatte ich mich auf die eine oder andere Weise dem Nachbarhof genähert und kam Friedhelm mir nicht schon entgegen, so rief ich nach ihm.

Unsere Nachbarn waren keine selbständige Bauernfamilie, sondern sogenannte Heuerlinge, andernorts auch Kötter genannt. Dort war alles etwas kleiner, einfacher und enger als auf "unserem" Hof. Von der Diele aus, wo rechts ein paar Kühe und links - statt der Pferde - ein Ochse angekettet waren, kam man direkt in die Wohnküche und von dort durch eine zweite Tür - die "Tägendör" - in die einzige Schlafkammer, wo sich die drei Jungen und ihre Eltern zwei breite Bauernbetten teilten. Friedhelms Vater war allerdings zunächst "im Krieg". So war es klar, daß Friedhelm als der Älteste kleine Arbeiten in Haus und Hof übernehmen mußte. Für die schweren körperlichen Arbeiten, die es damals in der Landwirtschaft zur Genüge gab, kam stunden- oder tageweise ein älterer Knecht.

Einmal mußte Friedhelm mit dem Ochsen einen leeren Wagen zu einem Feld oder von dort nach Hause bringen. Ich konnte auf dem Wagen mitfahren, während er, neben dem Zugtier gehend, wie ein Alter mit schimpfen und fluchen den etwas störrischen Ochsen antrieb.

Ein andermal mußte er Heu oder Stroh vom Boden durch die Bodenluke auf die Diele werfen, um es später als Futter oder Streu an das Vieh zu verteilen. Er nahm mich aber nicht mit auf den Heuboden, da die offene Luke eine große Gefahr für mich sei. Selbst der Knecht sei neulich durch die Falltür gerutscht und habe sich beim Sturz auf die Diele schwer verletzt, so daß er nun ausfalle.

Öfter jedoch als zu solchen Arbeitseinsätzen für Friedhelm trafen wir uns zu gemeinsamem Spiel. Den Sandweg, der abseits von der Chaussee mehrere Höfe miteinander verband, habe ich schon beschrieben. Autos waren hier nicht zu erwarten; ich glaube, niemand dort besaß bereits eines. Erst die Soldaten auf dem Rückmarsch und die nachrückenden Engländer brachten den motorisierten Verkehr mit. Hier kam nur ab und zu ein Pferdefuhrwerk vorbei oder des Sonntags eine Kutsche. So konnten wir ungehindert im Sand des Weges buddeln und kleine Burgen bauen. wir spielten Roß und Reiter mit Weiden- oder Pappelzweigen in den Händen, die wir zuvor bis auf die Blätter an der äußersten Spitze entlaubt und dann die Spitze etwas angeknickt hatten. Friedhelm erklärte mir, der Zweig sei das Pferd oder dessen Hals, die abwärts hängende Spitze der Pferdekopf. So rannten wir zusammen wiehernd und schnaubend Hand in Hand den Weg entlang bis zum nächsten Hof, wo es einen weiteren Jungen in unserm Alter gab. Er hieß Helmut, hatte eine seltsam rauhe und heisere Stimme und schien mir überhaupt etwas seltsam zu sein. Friedhelm bestätigte mir das, als ich mich einmal so äußerte.

Was taten wir noch? - wir steckten Kartoffeläpfel auf angespitzte Stöcke und katapultierten sie so weit, wie wir konnten, beschossen damit uns gegenseitig oder die scharrenden Hühner, die schreiend und gackernd auseinander stoben. Wir rannten über die kleinen Hügel der Runkelmieten, rauf und runter, rauf und runter; oder wir saßen einfach am Grabenrand und redeten miteinander.

Bei einem unserer Gespräche fragte er mich einmal, ob ich eigentlich lieber mit Jungen oder mit Mädchen spiele. Die Frage war nicht so einfach zu beantworten. Ich versuchte, ihm zu erklären, daß ich wohl gern mit Jungen spielen würde, daá sie und ihre Spiele mir aber manchmal doch zu rauh und wild seien und ich dabei nicht mithalten könne, daß ich eben nicht mit allen so gut zurecht käme wie mit ihm, und daß ich zu Hause, wo ich mich am besten auskennte, schließlich nur drei Schwestern habe und schon deswegen ganz von selbst mehr mit Mädchen zusammen sei als mit Jungen. Er schien meine umständliche Erklärung nicht recht begriffen zu haben; denn er stellte nur etwas abschätzig fest: "Denn bis du jao ein lütenshaohn" (wörtlich: Mädchenhahn, also: Schürzenjäger). - Das traf mich tief, vor allem, weil er mich offenkundig überhaupt nicht verstanden hatte.

Was mir an Friedhelm gefiel, war einfach, wie er mit mir umging: Er ließ mich meine Möglichkeiten voll "ausspielen" und wurde doch niemals zu wild oder unvorsichtig. Was mich an ihm vielleicht störte oder auch nur verwirrte, war die rauhe, respektlose Art, wie er oft mit seiner Mutter redete. Wenn sie mit ihm schimpfte, nannte er sie frei heraus "ole Quaddekütke" oder "ole Klaukschiete" (etwa: alte Quasseltüte, alte Klugscheißerin).

Ja, von ihm lernte ich viele plattdeutsche Ausdrücke, speziell im "Ströher Platt"; denn wie für alle Kinder der "Einheimischen" war auch für ihn das Plattdeutsche damals noch die eigentliche Muttersprache, und so lernten auch wir Stadtkinder ganz von selbst das Ströher Platt. Ich erinnere mich noch gut, wie er mir die Bedeutung von "ginne achten" erklärte, ein Ausdruck, den er selber häufig gebrauchte. Ich kannte zwar das Wort "achten" für "hinten"; aber was war "ginne"? Wortreich und gestikulierend immer wieder in die ferne weisend machte er mir klar: "Ginne achten", das hieß "drüben", "da ganz hinten" oder auch "jenseits von ...".

Eine andere Begebenheit mit Friedhelm kenne ich nicht aus eigener Erinnerung - habe sie wahrscheinlich auch nicht selber miterlebt - sondern aus den späteren Erzählungen Mutters und der großen Schwestern:

Schon bald nach Kriegsende kam Friedhelms Vater wieder nach Hause, und die Familie war wieder vollzählig. Nun traf es sich, daß der Nachbarjunge von seinen Eltern zu unserem Hof geschickt wurde, vielleicht um eine Nachricht zu überbringen oder einen entliehenen Gegenstand zurückzubringen. Nachdem er, im Eingang zur Küche stehend, in der gerade die meisten Leute vom Hof versammelt waren, seinen Auftrag erledigt hatte, wechselte man noch ein paar freundliche Worte mit ihm. Ob er denn froh sei, daß der Papa nun wieder da sei, wurde er gefragt. Natürlich war er das. Und ob denn Mama und Papa sich auch gut verstünden, versuchte man, ihn auszufragen. "Dat jao woll", war seine Antwort, "men en hanten nachts im Bedde, denn balgt se sick, dat man gor nich schlaopen kann."

Ein homerisches Gelächter folgte dieser Aussage. Mein armer Friedhelm aber, der überhaupt nicht wußte, was er da verraten hatte, drehte sich auf dem Absatz um, knallte die Tür hinter sich zu und rannte, was er konnte, nach Haus. - Es verging übrigens kein Jahr, da bekamen die drei Brüder ein kleines Schwesterchen, das wie die Mutter Maria hieß.

Im Frühjahr 1946 begann für Friedhelm die Schulzeit. Das hieß zunächst einmal, daß er für mich vormittags nicht mehr da war und nachmittags auch noch seine Hausaufgaben machen mußte. Trotzdem beneidete ich ihn etwas. Auch für mich wäre der Zeitpunkt der Einschulung gekommen gewesen. Aber die Paderborner Blindenschule, die bei den letzten Bombenangriffen größtenteils zerstört worden war, war noch evakuiert und hatte keinen Platz für mich, und so mußte ich bis zum Herbst warten. Oftmals in diesem halben Jahr ging ich einfach mit meinen Schwestern mit zur Tilger Zwergschule: Es gab einen Lehrer, den "Schommiste" (verkürzt von "Schaulmester" = Schulmeister), aber zwei Klassenräume. Wenn er es für angebracht hielt, teilte Lehrer Heermann die Kinder in zwei Gruppen, unterrichtete selbst die Großen, während einer der besten unter ihnen die kleinen bei irgendeiner Aufgabe beaufsichtigen mußte. Ein paarmal ging ich auch mit Friedhelm zur Schule. Er kam auf seinem Schulweg ohnehin an unserm Hof vorbei.

Natürlich konnte ich beim Schreiben und lesen nur zuhören; aber wenn es ans Kopfrechnen ging, konnte ich mich beteiligen. Ich nutzte das aus, um ein wenig zu brillieren. Lehrer Heermann staunte nicht schlecht über meine Rechenkünste und meinte zuerst, meine Schwestern hätten mir vorgesagt. Aber das stimmte nicht. Ich hatte ihnen nur immer wieder zugehört, wenn sie sich am Nachmittag bei ihren Schularbeiten mit dem "kleinen Einmaleins" herumplagten. Besonders gut konnte ich die Sechserreihe. Seitdem ist die Sechs meine Lieblings- oder Glückszahl; und schließlich bestehen meine Initialien aus zweimal dem sechsten Buchstaben im Alphabet.

Dann in der Pause auf dem Schulhof machte Friedhelm mich mit seinen Schulkameraden bekannt. Ich glaube allerdings, es war eher so, daß er mich ihnen vorführte - mit einem gewissen Stolz.

Als ich dann selber in die Schule kam und wir uns nur noch gelegentlich in den Ferien trafen, verloren wir uns rasch aus dem Blick. Auch zogen B.s bald nach Rahden oder Kleinendorf um, wo sie einen anderen Hof übernahmen. Was aus Friedhelm geworden ist, und wie er als Erwachsener denkt, spricht und handelt, darüber weiß ich nichts Näheres. Vor einiger Zeit habe ich einmal durch eine Kollegin in der Fernsprechauskunft nachsehen lassen; dabei kam heraus, daß Friedhelm einen Spargelanbaubetrieb in Pr. Ströhen hat. Sein Bruder Gerd, der immer Schuster werden wollte, betreibt eine Geflügelmast, und Wilhelm, der jüngste der drei Brüder, steht ohne nähere Angabe im Telefonbuch. Aber diese Recherche ist nun auch schon wieder mindestens dreizehn Jahre alt, und ich weiß nicht einmal, ob Friedhelm noch lebt..

Ich war damals drauf und dran, Kontakt mit Friedhelm aufzunehmen, ließ es dann aber dochwohl in dem sicheren Gefühl, eine Wiederbegegnung nach so langer Zeit müsse zwangsläufig enttäuschen; denn für so eine Wiederbelebung nach Jahrzehnten getrennter Entwicklungen bietet eine Kinderfreundschaft wie die unsere eine allzu schmale Basis. Solltest Du, Friedhelm, - auf welchen Wegen auch immer - einmal zur Kenntnis dieses Textes gelangen, so wirst Du sicher Verständnis dafür haben.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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