Die Mauer


Friedemann Fuhrmann   (22.6.2004)

(Eine Nacherzählung)


Sie waren Freunde seit Kindertagen, Abraham und Ibrahim. Schon als Hütejungen kümmerten sie sich gemeinsam um die Schafe der Kleinbauern in ihrem Dorf. Und als sie älter wurden und jeder von ihnen nach und nach selber ein paar eigene Schafe besaß, trieben sie ihre Tiere als eine einzige kleine Herde gemeinsam zu den futterreichen Gras- und Heideflächen in der Umgebung ihres Heimatdorfes.

So kamen sie einst mit ihren Schafen zu einer großen Waldwiese, die ihnen für längere Zeit ausreichendes Futter bot. Ein Bach plätscherte auf einer Seite der Weidefläche dahin, mit dessen klarem Quellwasser ihre Schafe und auch sie selber ihren Durst stillen konnten.

Eines schönen Nachmittags, als sie ihre friedlich grasenden Schafe beobachteten, sagte einer zum andern - war es Abraham, war es Ibrahim? - "Unsere Herden sind inzwischen erfreulich gewachsen. Zusammen ist es schon eine recht große Herde. Wir wollen die Wiese in der Mitte teilen, und jeder von uns soll mit seinen Schafen eine Hälfte beweiden, damit jedes Tier zu seinem Recht kommt."

Und so geschah es. Sie spannten eine Schnur genau in der Mitte quer über die Wiese, und jeder trieb seine Schafe und Lämmer auf einer der beiden Hälften zusammen. Aber wie Tiere wohl zu tun pflegen - übrigens Menschen auch -, so meinte jedes, jenseits der Schnur wachse das saftigere Gras. So streckte denn bald dieses, bald jenes Schaf seinen Kopf unter der Schnur hindurch, um von dem vermeintlich besseren Gras der anderen Wiesenhälfte zu fressen. Abraham und Ibrahim hatten ständig damit zu tun, ihre Schafe davon abzuhalten und in die eigene Hälfte zurückzutreiben.

Da schlug einer von ihnen vor - war es Abraham, war es Ibrahim -: "Wir sollten statt der Schnur einen Stacheldraht ziehen. Dann werden die Schafe wohl Ruhe geben."

Und so machten sie es denn. Doch die Schafe gaben nicht Ruhe, sondern streckten nur noch gieriger und mit größerem Geschick als zuvor ihren Kopf unter dem Zaun hindurch. Einige jedoch verletzten sich an den Stacheln und bluteten. Darüber gerieten die beiden Hirten in Streit, weil jeder dem andern die Schuld daran gab.

Schließlich sagte einer von ihnen - war es Abraham, war es Ibrahim -: "Wir wollen statt des Stacheldrahtzauns eine Mauer quer über die Wiese bauen. Dann werden die Schafe schon begreifen, daß sie in der anderen Hälfte nichts zu suchen haben."

Und so geschah es denn. Aber die jungen, kräftigen Lämmer machten sich einen Spaß und ein Spiel daraus, die niedrige Mauer zu überspringen und sich unter die Lämmer in der anderen Hälfte zu mischen.

Da sagte einer der Hirten zum andern - war es Abraham, war es Ibrahim -: "Wir müssen die Mauer erhöhen. Dann kann so etwas nicht mehr passieren."

Und so geschah es denn. Aber nun konnten Abraham und Ibrahim sich gegenseitig nicht mehr sehen und sich nur noch mit Rufen verständigen. Nur wenn sie mühsam auf die Mauer kletterten, konnten sie noch miteinander reden.

Bei einer solchen Unterredung sagte einer zum andern - war es Abraham, war es Ibrahim -: "Es hat lange nicht geregnet. Wer weiß, wie lange der Bach noch genügend Wasser führt. Ich will ihn aufstauen, damit wenigstens meine Schafe sich satt trinken können. Was dann übrigbleibt, magst du für deine Schafe bekommen."

"Wenn du das tust", sagte der andere empört, "kannst du nicht länger mein Freund sein."

Jener aber hörte nicht auf die Warnung und baute einen Staudamm für den Bach. Als der andere bemerkte, daß das Wasser für ihn und seine Herde plötzlich versiegte, packte ihn die Wut. Er sammelte Steine aus dem trockenen Bachbett auf und warf sie über die Mauer. Mit Befriedigung hörte er das Blöken der Schafe und das Wehgeschrei der getroffenen Lämmer und dann den wütenden Aufschrei seines Freundes.

Der nahm nun in seinem verzweifelten Zorn von den größeren Steinen aus dem Baumaterial für den Staudamm und warf zurück...

Als es so weit gekommen war, trat bei dem einen Ende der Mauer ein Wanderer aus dem Wald und rief ihnen zu, einzuhalten, und er bot sich als Schiedsmann an, was immer auch der Grund ihres Streits sei.

Da erzählten sie ihm, wie alles gekommen war, wobei jeder dem andern die Hauptschuld daran gab. Der weise Wanderer aber sagte: "Ich weiß nicht, wer von euch der Schuldigere ist, und will es auch nicht wissen. Ich kann euch nur raten, wie ihr euren Streit beenden könnt, der, wenn ihr ihn nicht beendet, zum sicheren Tode führt. Wollt ihr meinen Rat hören?"

Die beiden Hirten nickten stumm. Und der Fremde sagte: "Reißt die Mauer ein und treibt eure Herden zusammen"

Die beiden wollten zuerst nicht glauben, daß das die Lösung sei, und sannen lange darüber nach. Doch dann fing einer von ihnen an - war es Abraham, war es Ibrahim? - den ersten Stein aus der Mauer zu brechen; und der andere tat es ihm nach.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster)


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