Birgits Interview

(Ein Abschnitt aus dem dritten von sechs Briefen)


Friedemann Fuhrmann


Liebe Birgit!

Ich freue mich, Dir nun die nächsten elf Seiten meiner Antworten im Rahmen deines “Interviews” überreichen zu können. Sie umfassen die Hauptabschnitte 2 und 3. Während ja für den ersten Fragenkomplex allein zwei Antwortserien erforderlich waren, geht es nach den grundsätzlichen oder grundlegenden Fragen nun also doch etwas zügiger. Dabei konnte ich diesmal zum Teil noch auf Osteroder Entwürfe zurückgreifen. Doch genug der Vorrede!
Viel Spaß also beim Lesen!


Was hat Dir in der Schule am meisten gefallen (Allgemeines)?

Nachdem der erste Hauptteil Deines Interviews vorwiegend grundsätzliche Fragen enthielt, deren Beantwortung zumeist mit der frühen Kindheit begann und die Entwicklung bis ins Jugend und Erwachsenenalter, teilweise auch bis in die Gegenwart aufzuzeigen versuchte, befasst Du Dich im Fragenkomplex des zweiten Hauptabschnitts, mit dessen Beantwortung ich heute beginnen möchte, speziell mit meiner Schulzeit. Da es sich hier überwiegend um ganz konkrete Einzelfragen handelt, werde ich mich in den meisten Fällen, sofern ich das vorab richtig einschätze, wohl auch auf kurze, konkrete Antworten beschränken können - dies wiederum im Gegensatz zu den manchmal vielleicht doch etwas weitschweifigen Darlegungen im ersten Hauptteil.

Was mir ganz allgemein in der Schule am meisten gefallen hat, wobei in meinem Fall “Schule” ja gleichbedeutend mit “Internat” ist und so den Schul- und Freizeitbereich gleichermaßen betrifft, steht eigentlich bereits in meinen Antworten auf Deine allerersten Fragen unter dem Stichwort “Paderborn”. Um es noch einmal zu sagen: Es war das Glück, wie andere Kinder Lesen und Schreiben lernen zu können, und das Erleben der Gemeinschaft gleichaltriger und gleich betroffener Kameraden.


Was waren Deine besonderen Gaben und Fähigkeiten?

Wenn Du mich nun nach Lieblingsfächern oder meinen besonderen Gaben und Fähigkeiten fragst, so müsste ich wohl erst meine alten Schulzeugnisse hervorkramen, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Ich glaube - auch das habe ich wohl bereits gesagt -, dass ich durchweg ein guter Schüler war, kein Überflieger, aber doch ganz gut. Ich erinnere mich, dass ich an Erdkunde besonderen Spaß hatte, das heißt, am Kartenlesen, dem Kennen lernen Deutschlands und der weiten Welt. Als es dann später mehr um Wirtschaftsgeographie ging, welche Bodenschätze, welche Industrien wo zu finden waren, war mein Interesse weniger groß. Ich weiß noch, dass ich bei (übrigens häufigen) Schulbesichtigungen ein paar mal am großen Gipsrelief von Mitteleuropa (das ich neulich am Tag der offenen Tür in Paderborn im Schulmuseum wieder fand) den Binnenschifffahrtsweg von Basel nach Königsberg aufzeigen musste. Dann gibt es, glaube ich, noch ein Foto von Wolfgang und mir als Oberklässler am Globus, das auch bei einer solchen Gelegenheit - ich glaube, bei einem Pressebesuch - gemacht wurde.

In den oberen Jahrgängen und der so genannten Förderklasse - das war nach den damals nur acht Pflichtschuljahren eine Art neuntes und zehntes Schuljahr, das mit einer Ersatzprüfung für die mittlere Reife abschloss - schrieb ich auch ganz gern Aufsätze, sofern das Thema mir einigermaßen lag. Einen solchen Aufsatz zum Thema Gemeinschaft habe ich noch irgendwo verwahrt.

Schwierigkeiten hatte ich zunächst mit Raumlehre (heute wohl Geometrie), die ich stinklangweilig fand, bis es vom sechsten zum siebten Schuljahr einen Lehrerwechsel gab. Da schlug die Abneigung innerhalb kurzer Zeit in reges Interesse um, und entsprechend besserten sich auch meine Leistungen. Ähnlich erging es mir mit dem Fach Geschichte, bei dem in der ersten Jahren hauptsächlich Geschichtszahlen gefragt waren, während später mehr Wert auf geschichtliche Zusammenhänge gelegt wurde.

Einen Leistungseinbruch erlebte ich, für mich selbst überraschend, in Rechtschreibung; das war wohl im siebten Schuljahr. Das konnte damit zusammenhängen, dass wir erst im sechsten oder siebten Schuljahr mit der Groß- und Kleinschreibung begannen. In der Blindenschrift werden Großbuchstaben durch Voranstellen eines Sonderzeichens dargestellt; aus Platzgründen wird daher normalerweise auf die Großschreibung verzichtet.

In Naturkunde (Biologie) hatte ich die Schwierigkeit, dass ich mir einfach nicht merken konnte, wie die Felle und Gefieder, Blüten und Blätter der verschiedenen Tier- und Pflanzenarten gefärbt sind. Ich habe ja keine wirkliche Farbvorstellung; es gibt nur Ersatzvorstellungen (Oberflächenstrukturen) oder Assoziationen (weiß wie Schnee, grün wie Gras usw.).

Mein größtes Problem, besonders während der eineinhalbjährigen Förderklasse, war der mündliche Vortrag. Wenn ich den Stoff der letzten Stunde wiederholen oder sonst zu einem Thema etwas vortragen sollte, stand ich völlig sprachlos da, mit regelrechtem Blackout. Es war eine ganz absurde Schwäche, zumal ich schriftlich zum selben Thema eine Menge hätte wiedergeben können. Ich habe dann an dieser meiner Macke im Laufe der Zeit systematisch gearbeitet, insbesondere im Rahmen meiner Vereinstätigkeit: mit schriftlichen Ausarbeitungen unter den Fingern, die ich nach und nach auf ganz knappe Stichpunktnotizen reduzierte oder auf bestimmte Formulierungen, auf die es mir ankam. Geblieben aber ist, dass ich mich - zum Beispiel auch in meinem jetzigen Beruf - lieber schriftlich als mündlich äußere.

Dann gab es bei uns das Fach “Formen” (oder auch “Fröbelarbeiten”, nach einem Pädagogen so genannt). Das war Arbeiten mit Plastilin. Dieses Fach hatte einen zweifachen Sinn: Erstens sollte es die gestalterischen Fähigkeiten und die Handgeschicklichkeit fördern, und zweitens war es als Feedback gedacht, das dem Lehrer zeigte, ob der Unterrichtsstoff auch richtig aufgenommen und verstanden worden war. Meine Leistungen in diesem Bereich dürften im Allgemeinen eher mittelmäßig gewesen sein. Ich erinnere mich aber, dass mir einmal die Nachbildung einer Deutschlandkarte aus dem Kopf recht gut gelang. Ein andermal, im achten Schuljahr, löste ich die Aufgabe, meine Hand nachzuformen, so gut, dass ich für den Rest des Jahres von dem Fach befreit war und statt dessen den Stenoschülern, beziehungsweise den Maschinenschreibern zur Übung diktieren durfte. Ich verschweige nicht, dass die Hand doch einen Schönheitsfehler hatte; aus Zeitgründen konnte ich nämlich die Ausformung des Daumens nicht mehr vollenden. Trotzdem gehörte sie zu den Stücken, die eine zeitlang verwahrt und ausgestellt wurden.


Hast Du irgendwelche Preise oder Errungenschaften erhalten,
und wie reagierten Deine Eltern darauf und wie Deine Schwestern?

Regelrechte Preise oder Auszeichnungen habe ich nie erhalten, da das damals auch nicht so üblich war. Wohl hat unsere Schule oder einzelne Klassen bei größeren Wettbewerben etwas gewonnen, zum Beispiel bei einem Aufsatzwettbewerb des Schulfunks einmal ein riesiges Radio (Marke Lorenz, noch ohne UKW), das eigens für öffentliche Vorführungen konzeptioniert war und mit dem von da an in einem besonderen Raum Schulfunksendungen gehört wurden, aber auch sonntags um 14.00 Uhr der Kinderfunk. Anlässlich der Übertragung der feierlichen Verkündung des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel durch Papst Pius XII. wurde dieses Gerät im Turnsaal aufgestellt, damit alle Schüler und Heimer diesem Ereignis beiwohnen konnten.

So lässt siech also Deine Frage nach Reaktionen zu Hause auf irgendwelche Auszeichnungen nicht beantworten. Mir fällt in diesem Zusammenhang aber ein, dass ich mich von meiner Mutter und der ältesten Schwester doch einigermaßen unter Druck gesetzt fühlte, wenn sie mich in den Ferien fragten, wer denn wohl der Klassenbeste sei. Einmal, im Anfang, hatte ich, weil ich das wirklich so sah, Gisela Mattenklodt genannt. Von da an wurde ich gefragt: ”Ist Gisela immer noch die Beste?” Und darin schwang für mich mit: Warum bist Du es nicht? Nun hätte ich allerdings, selbst wenn ich es von mir geglaubt hätte, niemals behauptet, selber der Klassenbeste zu sein.


Was wolltest Du werden, als Du älter warst?

Ich möchte zunächst den zweiten Halbsatz Deiner Frage außer Acht lassen und auch hier ganz vorn beginnen. Dabei ist allerdings zu unterscheiden zwischen den Träumen (jeder Junge, so wird behauptet, will irgendwann Lokomotivführer werden) und den mehr oder weniger realistischen Vorstellungen.

Zuerst wollte ich Schreiner werden. - Als wir 1943 oder 1944 zum Hansaring zogen, befand sich dort hinter dem Haus eine Schreinerei. Sie gehörte Kulkes, die unter uns wohnten. Den ganzen Tag über war das Hämmern und Sägen zu hören, das Singen der Kreissäge und das Brummen der Hobelmaschine. Die Geräusche machten mich neugierig darauf, was dort passieren mochte. Einmal nahm Vater mich mit, als er sich an einem Sonntagmorgen von Herrn Kulke die Werkstatt zeigen ließ (ich glaube, ich erzählte das bereits in einem anderen Zusammenhang). Ich lernte eine Hobelbank und verschiedene Werkzeuge kennen; Herr Kulke stellte extra für mich die Hobelmaschine an, damit ich sie einmal aus nächster Nähe hören konnte; und ich durfte mich sogar in einen Haufen Hobelspähne werfen. Von da an spielte ich oft “Herr Kulke”.

Als ich größer wurde, wäre ich gern Pilot geworden (nicht Lokomotivführer), nachdem ich einmal gebannt ein Hörspiel übers Fliegenlernen verfolgt hatte. Freilich war mir damals schon klar, dass das nicht ging. Seitdem aber fesseln mich alle Geschichten aus dem Bereich der Fliegerei.

In der Realität jedoch - und die war mir durchaus schon früh bewusst - waren die Möglichkeiten der Berufswahl für mich als Blinden sehr eingeengt. Meine Eltern, noch ganz gefangen in der Vorstellung vom traditionellen Blindenhandwerk als einziger Möglichkeit, malten sich aus (und mir vor), ich werde einmal Körbe flechten und Bürsten und Besen herstellen und diese vielleicht in einem eigenen kleinen Laden verkaufen. Eine von meinen drei Schwestern sollte “bei mir bleiben”, das bedeutete, unverheiratet bleiben, um mich zu versorgen und mich im Geschäft zu unterstützen. Das war natürlich, bevor ich zur Schule kam, als sie noch kaum über den tatsächlichen Stand der Blindenbildung informiert waren. Es geschah denn auch erst während meiner Schuljahre, dass in der Paderborner Einrichtung neben der handwerklichen auch eine Ausbildung zum Stenotypisten und wenig später auch die Telefonistenausbildung aufgenommen wurde. In der Schule nun wurde relativ früh, nach dem vierten oder fünften Schuljahr von den Lehrkräften darüber entschieden, für welchen der drei Berufe ein Schüler oder eine Schülerin (für die Mädchen gab es statt der Bürstenmacherlehre die Ausbildung zur Maschinenstrickerin) geeignet war.

Es gab nur eine, allerdings höchst exzeptionelle und daher von den meisten auch gar nicht erkannte Möglichkeit, dieser Fremdbestimmung, diesem vorgezeichneten Weg zu entgehen: der Wechsel zur Blindenstudienanstalt Marburg, dem einzigen Gymnasium für Blinde im deutschsprachigen Raum. Das aber war damals noch eine fast unerhörte Entscheidung, jedenfalls für Paderborner Schüler. Bedeutete sie doch aus Sicht der Schwestern aus ihrer wohlbehüteten Welt und ihrer gut katholischen Erziehung auszubrechen und sich einer a priori als schlecht zu geltenden säkularen Erziehung und Bildung auszusetzen.

Es war im Verlauf des vierten Schuljahres, dass ich eines Tages mit meinem Klassenkameraden Bernd Suermann über diese Möglichkeit sprach, das heißt, er war wohl derjenige, der mich auf diese Möglichkeit hinwies und mir erzählte, dass seine Eltern versuchen wollten, ihn in Marburg unterzubringen. Wir waren uns einig, dass wir wohl beide den erhöhten Anforderungen des Gymnasiums gewachsen sein würden. Die Frage des Berufsziels war dabei für uns zunächst zweitrangig. Ich konnte mir vorstellen, wie unser Herr Hafner einmal Lehrer an einer Blindenschule zu sein. Die meisten Marburger Schüler, wussten wir, schlossen ein Jurastudium an.

Unser Plan musste aber in Paderborn zunächst streng geheim gehalten werden und wir behielten die Sache auch wirklich für uns. In den nächsten Ferien berichtete ich meinen Eltern darüber und sie schrieben auch sogleich nach Marburg, um nähere Informationen zu erhalten. Der Antwortbrief mit einer Auflistung der Kosten war aber so niederschmetternd, dass an eine Weiterverfolgung dieser Idee bei ihren damaligen finanziellen Möglichkeiten nicht zu denken war. Leider hat sie niemand auf die wahrscheinlich auch damals in gewissem Umfang bestehenden Finanzierungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht.

Mit Bernd habe ich danach glaube ich, nicht wieder oder nur kurz über die Sache gesprochen. Als er am Beginn des neuen Schuljahres nach den Osterferien nicht wiederkam und die Kameraden über sein Verschwinden rätselten, wusste ich wehmütig Bescheid.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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