Berührt von des Meisters Hand


Friedemann Fuhrmann

(einem "Western Spiritual" aus Kanada nacherzählt)


Versteigerung. - Krüge, Kannen Küchenmöbel, Bilder, Bettgestelle, Bücher, Messer, Matratzen, Musikanlagen, Nähmaschinen, Schirme und Geschirr -: In bunter Folge bietet sie der Auktionator feil. Und die Menge misst und feilscht, wägt und wagt, verliert, gewinnt, täuscht und tröstet sich.

Die besten Stücke sind jedoch schon fort. Viel Kleinkram folgt. Dazwischen flackert's manchmal wieder auf: ein Fotoapparat, ein Bügeleisen, eine Lampe. - Manche gehen schon: beladen, lächelnd - oder wütend, wenn ihnen etwas entging. Der Auktionator klingt schon müder, reißt sich manchmal hoch: Doch die Gebote sinken, die Brieftaschen werden schmaler.

So greift er eben jetzt nach einem kümmerlichen Kasten, räuspert sich, um dann doch heiser zu rufen: "Eine Geige. Sehen Sie hier!" Etwas umständlich, ungeschickt hat er die Verschlüsse entriegelt, - der Deckel klemmt auch wohl ein wenig. "Mit Bogen", fügt er noch hinzu und hält die Geige hoch: sehr unansehnlich, alt, verstaubt, mit Macken. Einer ruft, das sei doch Leichenschändung, sie aus ihrem Sarg hervorzuholen. Der Auktionator wirkt daher kläglich, als er erklärt: "noch gut erhalten", und klimpert klobig an den Saiten. Doch man lacht.

"Einen Dollar", bietet spöttisch einer vorn, der sie gut sehen kann. "Auch wohl zwei", meint einer weiter hinten. "Zwei Dollar", ruft der Auktionator, "bietet keiner mehr?"
"Drei Dollar!" - "Drei Dollar fünfzig!" - "vier!" - "vier Dollar. Bietet keiner mehr? Vier Dollar also: zum ersten - ".

Etwas regt sich im Saal. Ein Mann, der hinten an der Wand gelehnt und dem Treiben zugeschaut hat, bahnt sich nach vorn. "Zum zweiten", ruft der Auktionator. Nun sieht auch er den Alten: weißhaarig, nicht sehr groß doch Respekt gebietend. Er macht kein neues Gebot; jedoch der Auktionator stockt und wehrt ihm nicht, als er ihm schweigend das Instrument behutsam aus der Hand nimmt.

Der Alte nimmt sein weißes Taschentuch und wischt und bläst den gröbsten Staub von der Geige fort, wägt auch den Bogen einmal prüfend in der Hand, und wie er jetzt die Saiten prüfend anrührt und die Quinten findet, sieht man ihn mit dem Instrument zusammenwachsen. Schon sucht der Bogen seine Melodie: verhalten erst, jedoch aus vollen Tiefen. Und wie sie höher steigt, gewinnt sie rasch an Kraft und an Lebendigkeit. Das gespannte Murmeln ob des Sonderlings verstummt im Saal, und immer mehr beherrscht die Geige jetzt den Raum. Sie weint ein altes Leid und löst es im Lied. Und wie das Lied verlöscht, erwacht der Tanz in Trillern, Läufen und Passagen, flammt das Flageolett empor, wirbelt der Bogen in wilden Sprüngen von Saite zu Saite, jauchzt zuletzt einen jähen Schluss und verstummt.

Der Meister legt den Bogen aus der Hand, legt auch die Geige wieder wortlos vor den Auktionator hin und geht abwesend lächelnd durch den tosenden Applaus der Türe zu.

"Hundert Dollar", hört man da das erste Gebot. Und dann geht es Schlag auf Schlag: "Zweihundert!" - "Dreihundert!" - "Vierhundert Dollar!" - - -

Wohl viele sind auf Erden wie dieses Instrument: verlegt, verlassen und verstimmt. Und wie die alte Geige sind sie versteckt, vergraben in einen schmutzigen, verschrammten, kümmerlichen Kasten. Sie sind verlacht, verleugnet und verachtet, wissen kaum selber noch, dass sie auch klingen können. Doch eines Tages werden sie vielleicht von ihres Meisters Hand berührt, und sie erstrahlen unter seinem Bogenstrich - zum Staunen aller.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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