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- acht Gedichte aus dem 20 Gedichte umfassenden Zyklus -


Friedemann Fuhrmann


Zu Besuch

Ein Abend verflog im Gespräch.
Ein Tag war angefüllt mit Bildern.
Wir besuchten Euch -
und sind beschenkt.


Einem kranken Freund ins Gästebuch

Wir kommen herein, wir sind bei Dir,
wir reden und tauschen uns aus.
Du bist in uns, in Dir sind wir -
Und das macht Freundschaft aus.

Was Du uns bist, wir wir Dich sehn,
es gäbe manches Wort;
doch wissend, dass wir uns verstehn,
laßts in den Büchern dort!

Wir sagen einfach, wir sind da;
Und fühlen, wenn wir gehn,
wie gut es wieder bei Dir war.
Darum: Auf Wiedersehn!


Zaungast

Du kommst an den Zaun, an dem ich stehe.
Eine Ranke wächst herüber zu Dir,
von Deiner Welt in meine,
hat zielbewusst sich durch die Latten gezwängt,
wächst daran hoch, bis sie herüber hängt.
Und wir bemerken plötzlich: unsere Welt ist eine.
Das Gitter sperrt nicht ein noch aus;
Die Lüpcken zwischen seinen Stäben haben Dich gedrängt,
hinüber zu blicken, herüber zu reichen,
zu fragen, ob auf meinen Teichen
wohl auch an langen Stängeln Rosen blühn.
Ich danke Dir für dieses Zeichen.


An einen Träumer

Willst Du immer Knabe bleiben,
Falter und Phantome jagen,
Spiele nur und Späße wagen,
ziellos ziehn durch Flur und Hain?

Willst Du immer Knabe bleiben,
Dich auf sanften Wiesenhängen
an der Leier Silberklängen
und der Flöte Klagen freun?

Willst Du Zärtlichkeit vergeuden
an die Sonne, die Dir schmeichelt,
an den Bach, der kühl Dich streichelt,
an den Wind, der Dich umwebt?

Willst Du Mut und Kraft vergeuden
an die Wildheit Deiner Spiele,
an die Wege ohne Ziele,
an das Tier, das vor Dir bebt?

Deine Früchte wachsen nicht im Wald,
sondern auf den Feldern von Asphalt.

Verlass die grünen Wiesen und den stillen Teich
und all die Träume, die Du dort geträumt,
und deren Glück und Sehnsuchtsfülle immer gleich
ein mürrisches Erwachen weggeräumt.

Ach, die Bilder, die Dein Stecken spielend malte in den Sand,
sie bringen Dir nicht Frieden mit Dir selbst, nicht Bruder und nicht Braut.
Nimm doch den Hammer endlich selber in die Hand
Und schmiede, schmiede Dir Dein Glück - auch Dir sind Kräfte anvertraut.


Fahrtenbegegnung

Ihr, deren Namen ich vergaß,
mit denen flücht’ge Stunde mich vereinte
zu Fahrt und Lied und Diskussionen,
zu Dingen, die in allen wohnen,
die aber jeder von Euch eben so besass - :
ich denke oft an Euch, an Eure Worte,
an Eure Stimmen und an Euer Lied,
und mein’ zu wissen: es geschieht,
dass, irgendwann an irgendeinem Orte
wir uns freuend wieder finden -
wie Flocken, fallend in den Winterwinden,
wie Tropfen, die die Wolke weinte
oder auf duftbelad’nen Wagen Gras.


Trigonometrischer Punkt oder Dem Geodäten.

Trigonometrischer Punkt
gemessen - vermessen - bemessen -
nach welchem Maß?
Naturmaß als Urmaß?
Sind seine Spuren noch erkennbar
in heutiger Landschaft?
Selbst die Metrik des Vogellieds,
ist sie noch dieselbe
seit dem Auftreten des Menschen?
Wir messen und messen,
und sind doch maßlos.


Tränen der Wut

Tränen der Wut kommen mir in diesen Tagen.
Abels Blut schreit zum Himmel,
vermillionenfacht;
unschuldiges Blut:
verströmt,
verspritzt,
verseucht, verstrahlt;
Blut sinnloser Opfer
des Massenwahnsinns;
Blut, heimtückisch verseucht
zu Jahre währender Todesangst;
Blut, bedenkenlos verstrahlt
zum Kinderfluch.
Tränen der Wut kommen mir in diesen Tagen.


Einem Betroffenen

Du bist in all meinem Gebet.
Ich weiß, wie gut es mir doch geht.
Wie nichtig meine kleine Not!
Du kämpfst mit Deinem langen Tod.
Wo ist das Wort, das ich Dir sage?
Wie könnte ich Dir Bruder sein?
Zwar weiß ich: Du bist nicht allein;
doch glaub mir, dass ich mit Dir trage,
machtloses Preisgegebensein;
denn Tag für Tag drängt mich die Frage,
der Schmerz um Dich, der Ohnmacht Pein.

(c) Friedemann Fuhrmann / Münster


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