Wittenberge - ein Porträt meiner Heimatstadt


Dieter Rietz     ( 1999 )


Wittenberge liegt auf dem 53.Grad nördlicher Breite, in der Prignitz im Nordwesten des Landes Brandenburg an einem gewaltigen Elbebogen. Eine Umgehungsstraße, die jetzige B189, die die Brummis von der Stadt fernhält, stellt seit 1978 eine Verbindung mit der Altmark, einem Teil des Landes Sachsen-Anhalt, her. Die Elbe als Landesgrenze überquert man dabei auf einer 1100m langen, zweispurigen Ganzstahlbrücke. Ihr Bau erfolgte vor allem aus militärstrategischen Gründen. Wittenberge ist ein Eisenbahnknotenpunkt. Hier treffen sich die Bahnlinien Berlin-Hamburg und Leipzig-Magdeburg-Rostock. Die zuletzt genannte überquert die Elbe mit einer 1987 in Betrieb genommenen 1030m langen, zweigleisigen Eisenbahnbrücke, zu der auch ein Fuß- und Radweg gehört. Sie ersetzt die über 85 Jahre alt gewordenen unmittelbar nebeneinander gebauten eingleisigen Brücken, bei der die sich stromaufwärts befindliche bis 1978 auch für den Straßenverkehr genutzt wurde. Da die Kraftfahrzeuge in Richtung Wittenberge nach der Bahn grundsätzlich Vorfahrt genossen, ergaben sich für die Gegenrichtung oft Wartezeiten von bis zu zwei Stunden. Die Länge der Brücken, es sind die längsten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, mag Erstaunen hervorrufen, aber sie berücksichtigen die bei Hochwasser eintretende Ausbreitung der Elbe von 250m auf 1500m.

Wittenberge ist eine grüne Stadt. Außer einigen kleinen Parkanlagen, in denen kaum Bäume und Sträucher und nur in Einzelfällen Blumenrabatten zu sehen sind, gibt se einen sehr schönen großen Park mit vielen Laubbäumen unterschiedlichster Art. Er lädt zu Spaziergängen und zum Verweilen auf zahlreichen Parkbänken ein. Eine schmale Straße trennt den Park vom leicht hügeligen Stadtwald, in dem überwiegend Kiefern stehen. Weit mehr als ein Drittel der Wittenberger Straßen wird von Bäumen gesäumt. Während in den Altstadtstraßen, deren Fußwege oft nur 1,5m breit sind, keine Bäume wachsen, wurden nach der Jahrhundertwende in den neu entstandenen Straßen meistens Linden gepflanzt. In einigen Straßen fanden Kastanien und Eichen Verwendung. Nach 1930 bevorzugte man andere Laubbaumarten, zum Beispiel Akazien, Platanen, Ebereschen, Silberpappeln.

Beachtenswerte Bauwerke hat Wittenberge nur wenige zu bieten. Das älteste ist das Steintor, ein Backsteinbau, der vermutlich Mitte des 13.Jahrhunderts als Stadttor errichtet wurde. Später diente es sehr lange als Polizeistation und Gefängnis und wird seit 1973 für Sonderausstellungen des Stadtmuseums genutzt. Die so genannte Alte Burg aus dem Jahre 1669 war der zeitweilige Wohnsitz der Familie Gans Edle Herren zu Putlitz, den einstigen Lehnsherren Wittenberges. Diese Burg ist ein einfaches Fachwerkhaus, das nur durch eine in den Längsbalken eingeschnitzte Inschrift verziert ist und die Armut des Adelsgeschlechtes bezeugt. Seit 1971 wird die Alte Burg als Stadtmuseum genutzt. In einer 13 Räume umfassenden ständigen Ausstellung erhält der Besucher einen Überblick über die Entwicklung Wittenberges von einem unbedeutenden Ackerbürgerstädtchen zur Industriestadt. Wesentlich jünger sind die aus Backstein im neugotischen Stil gebaute evangelische Kirche, sie bietet 1200 Sitzplätze, und die kleinere katholische, sowie die unauffällige neuapostolische Kirche. Letztere steht in einer Häuserfront eingezwängt und weist sich nur durch schmale, hohe Buntglasfenster und ein sehr großes Kreuz an der Klinkerfassade als sakraler Bau aus. Interessant ist die nach dem Turnvater Jahn benannte, 1907 eingeweihte, aus Backsteinen gebaute Schule für Mädchen und Jungen. Da auf die Geschlechtertrennung im Schulunterricht streng geachtet wurde, hat das Gebäude zwei Eingangsportale, und den Schulhof trennte eine hohe Mauer in zwei Bereiche. Vor der Schule ist der einzige Wittenberger Brunnen zu sehen. Einen schönen Anblick bot das Anfang unseres Jahrhunderts im Jugendstil erbaute “Haus der vier Jahreszeiten”. Sie werden symbolisch durch farbige Reliefs dargestellt, die durch friesähnliche Streifen aus weißen und blauen Fliesen voneinander getrennt sind. Bedauerlicherweise nagte der Zahn der Zeit stark an diesem Schmuckstück. Eine Sehenswürdigkeit in Wittenberge ist das 1914 eingeweihte, aus Sandstein im neobarocken Stil gebaute zweiflügelige Rathaus mit seinem 51m hohen Eckturm. Zur Innenausstattung gehören reich verzierte Repräsentationsräume mit üppigen Glasmalereien und kostbaren Schnitzarbeiten. Leider sind diese Räume für das Publikum nicht zugänglich. Ein Baudenkmal besonderer Art, das zum Schluss dieses Berichtes beschrieben wird, ist eine Turmuhr.

Das Kulturhaus wird gegenwärtig rekonstruiert und umgebaut. Es bot den Wittenbergern mit Konzerten, Variete- und Theateraufführungen sowie Filmvorführungen eine abwechslungsreiche Palette. Nach Abschluss der Baumaßnahmen wird die Besucher wieder ein abwechslungsreiches Programm erwarten. Auf einen Kinobesuch müssen die Wittenberger nicht verzichten, denn durch Umbau eines älteren Wohnhauses entstand ein modernes Filmtheater mit zwei Vorführräumen. Eine Schwimmhalle und ein modernes Sportzentrum werden gern genutzt. Vor einigen Jahren wurde im Stadtwald am etwa 1,5ha großen Friedensteich ein Naherholungszentrum mit Campingplatz, einigen Sportmöglichkeiten und Badegelegenheit in einem Teil des Friedensteiches geschaffen. Ein Imbiss-Stand sichert die gastronomische Versorgung.

Von einem einheitlichen Baustil kann man in Wittenberge nicht sprechen. Der Ort ist älter als 750 Jahre. Aber erst 1757 wurden nach einem verheerenden Brand, der zur totalen Zerstörung des Ortes führte - nur das Steintor und die Alte Burg blieben verschont - einstöckige Fachwerkhäuser errichtet. Sie sind zum größten Teil verfallen und weichen allmählich einstöckigen Einfamilien-Reihenhäusern, die keinen Denkmalschutz beachten müssen. Die im 19. Jahrhundert gebauten Häuser sind vom Geldbeutel der Bauherren geprägt. Neben erdgeschossigen Bauten ragen zweistöckige in die Luft. Fachwerkhäuser entstanden kaum noch. Backsteine dienten bis 1930 als Baumaterial. Aber auch Zementputz fand Anwendung. Die dabei angebrachten Ornamente an den Vorderfronten der Häuser fielen durch das eintönige Grau nicht auf. Sie zeigen jetzt, nach den schrittweise erfolgenden Renovierungen, farblich in Pastelltönen gehalten, ihre Schönheit. Bedrückend wirkt dagegen der Anblick vieler leerstehender Altbauten, bei denen eine Sanierung oder der Abriss viel zu kostspielig wäre. Teilweise dürften auch ungeklärte Besitzverhältnisse eine Rolle spielen. In den ersten drei Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts achtete man auf abgestimmte Bauhöhe und Architektur in den neuen geschlossenen Straßenzügen. Danach bevorzugte man den Bau ein- und zweistöckiger Wohnblöcke, die mit ihrer Giebelseite zur Straße zeigen und durch ihren hellgrauen oder gelblichen Putz und das Fehlen schmückender Bauelemente eintönig wirken. Diese Eintönigkeit setzte sich nach 1955 bis 1980 bei den Großblockbauten fort. Im Rahmen ihrer Sanierung bringen sie jetzt wenigstens Farbe ins Gesamtbild. Bei den nach der Wende gebauten beziehungsweise noch zu erwartenden Büro- und Wohnhäusern - sie schließen Baulücken oder ersetzen niedrige Altbauten, die sowieso nicht attraktiv aussehen - wird eine Angleichung an die Bauhöhe der benachbarten Häuser und eine abwechslungsreiche Fassadengestaltung beachtet. Davon kann man bei den an den Stadträndern gebauten Supermärkten allerdings nicht sprechen. Bei denen entscheidet nur die Zweckmäßigkeit, nicht die Schönheit.

Bei einem Bummel durch die Altstadt könnten Sand-, Garten- und der ältere Teil der Bergstraße von Interesse sein. Sie verlaufen parallel zueinander und sind etwa 300m lang. Ihre schmalen Bürgersteige und Fahrbahnen sind für rasches Vorankommen ungeeignet, denn sie bestehen aus Kopfsteinpflaster. Alle Häuser in der Sand- und Bergstraße und ein großer Teil in der Gartenstraße sind so niedrig, dass man mit ausgestrecktem Arm die Dachrinnen berühren kann. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, zeugen sie von guter Pflege.

Erwähnenswert ist, dass in Wittenberge bereits 1906 alle damaligen Haushalte an eine Abwasserkanalisation angeschlossen waren. Bei danach errichteten Wohnhäusern erfolgte ebenfalls der Anschluss. Für Regenwasser wurde die Kanalisation 1908 fertig gestellt. Eine Ausnahme bilden die Mitte der dreißiger Jahre entstandenen Stadtrandsiedlungen, bei denen nur das Schmutzwasser abgeleitet wird. Die Aborte hatten nur Fäkaliengruben. Nach der Wende erfolgte in den Stadtrandsiedlungen aufgrund einer überdimensionierten Kläranlage ein zwangsweiser Anschluss der Toilettenanlagen an die Kanalisation.

Etwa Mitte des 19 .Jahrhunderts beginnend wandelte sich das Ackerbürgerstädtchen Wittenberge in eine Industriestadt. Nach dem Bau der Ölfabrik durch Salomon Herz erfolgte auch auf dessen Betreiben die Streckenführung der Bahnlinie Berlin-Hamburg über Wittenberge, die ursprünglich anders geplant war. Im Laufe der Jahre wurde aus der Herzschen Ölfabrik die Märkische Ölmühle, in der ein sehr gutes Speiseöl hergestellt wurde. In Verbindung mit dem Bahnbau entstand 1877 ein Reichsbahn-Ausbesserungswerk, als RAW und jetzt AW bekannt. In ihm erfolgten und erfolgen Generalüberholungen und Modernisierungen von Reisezugwagen. Dazu kamen später das für den Fahrdienst und Lokdienst zuständige Bahnbetriebswerk (BW) und das Bahnbetriebswagenwerk (BWW), in dem die Güterwagenausbesserung erfolgte. Ab 1993 begann auf Grund von Rationalisierungsmaßnahmen, verursacht durch die weitgehende Transportumlagerung von der Schiene auf die Straße, die schrittweise Schließung der beiden letztgenannten Betriebe.

Ab 1903 bis 1923 entstand das Singer-Nähmaschinen-Werk. Nach 1945 wurde daraus das VERITAS-Nähmaschinenwerk Wittenberge. Auf dem Gelände einer ehemaligen Tuchfabrik wurde 1935 die NORDEUMA (Norddeutsche Maschinenfabrik) erbaut. 1939 nahm nach nur zweijähriger Bauzeit das Zellstoff- und Zellwolle-Werk, kurz als Zellwolle bezeichnet, die Produktion auf.

Weil in der NORDEUMA während des Zweiten Weltkrieges nur noch Maschinengewehre hergestellt wurden, erfolgten 1945/46 die totale Demontage und die Sprengung der Gebäude.

Während die Technologie im Zellstoff- und Zellwolle-Werk keine Produktionsunterbrechung gestattete, ruhte die Arbeit an Sonn- und Feiertagen in anderen Betrieben weitgehend. In der Ölmühle wurde dreischichtig, im Nähmaschinenwerk in wenigen Abteilungen drei-, in den übrigen zweischichtig gearbeitet. Im BW gab es für das Lok-Personal Dienstpläne mit sehr unterschiedlichen Arbeitszeiten.

Die Schichtarbeit in der Zellwolle und Ölmühle, die im Nähmaschinenwerk kaum automatisierte Produktion und die nicht automatisierbaren Arbeiten bei der Bahn erforderten sehr viele Arbeitskräfte. So waren 1989 in der Zellwolle ca. 2700, in der Ölmühle 900, bei VERITAS 3000, im RAW etwas mehr als 1000 und im BW 900 Personen beschäftigt, von denen ein Teil aus den umliegenden Orten kam. War für die Tagschichtler in Zellwolle und Nähmaschinenwerk der Feierabend erreicht, ergoss sich durch die Bad Wilsnacker, aber vorwiegend die Tivoli- und Rathausstraße 30 Minuten lang eine ununterbrochene Radfahrerschlange. Scherzhaft sagte man deshalb, Wittenberge sei die Stadt der Radfahrer, und die seien so arm, dass sie sogar die Luft pumpen müssten. Hätte in der DDR jeder ein Auto kaufen können, wenn er es wollte, wäre in Wittenberge das tägliche Chaos nach dem Tagschichtschluss unvermeidbar gewesen.

Nach der Wende traten einschneidende Veränderungen ein. Wittenberge wurde eine sterbende Stadt. Das Zellstoff- und Zellwolle-Werk, seit der Produktionsaufnahme überwiegend auf Verschleiß gefahren und ein Luft- und Elbeverschmutzer höchsten Grades, wurde 1990 stillgelegt. Der Abriss der Produktionsgebäude folgte. Die drei zum Werk gehörenden Schornsteine, der höchste maß 120m, wurden gesprengt. Zu DDR-Zeiten war zwar mehrfach der Neubau eines Zellstoffwerkes geplant, aber der Rotstift erwies sich als der Stärkere, und nach der Wende fand sich kein Investor. Das Speiseöl aus Wittenberge besaß Spitzenqualität, das hatte ein Test ergeben, wurde aber aufgrund der veralteten Technik nicht kostendeckend hergestellt. Damit war im Januar 1991 die Schließung besiegelt und gleichzeitig ein Konkurrent ausgeschaltet. VERITAS schrieb schwarze Zahlen, hatte volle Auftragsbücher und investierte kurz nach der Wende beträchtliche Geldmittel in modernste Taktstraßen, aber das Hauptabsatzgebiet waren die Ostblockländer, und die konnten die nun geforderte D-Mark nicht aufbringen. Das Werk blieb auf seinen Erzeugnissen sitzen und stellte am 31.12.1991 offiziell die Produktion ein. Der Verschrottung der Produktionsanlagen folgte dann im Nähmaschinenwerk ein teilweiser und in der Ölmühle der totale Abriss der Produktionsgebäude. Als Industriedenkmal blieb in der Ölmühle ein Saatspeicher und im Nähmaschinenwerk ein fünfstöckiges Produktionsgebäude erhalten. Die riesengroßen freigewordenen Flächen der einstigen Großbetriebe sollen Gewerbegebiete werden, aber Interessenten finden sich kaum. Die Verwaltungsgebäude der drei Betriebe blieben vom Abriss verschont. Dabei gilt anscheinend die Devise, dass Bürobauten immer lukrativ sind. Auch am Ausbesserungswerk ging die Wende nicht spurlos vorbei. Die teilweise Verlagerung der Generalüberholung von Reisezugwagen in andere AW und die Außerbetriebnahme der Doppelstock- Gliederzugwagen führten zum Personalabbau, der immer noch weitergeht. Nur 600 Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben. Als Folge der Liquidierung der drei Wittenberger Großbetriebe ergab sich zwangsläufig eine extreme Einschränkung des Schienengüterverkehrs und des dafür erforderlichen Rangierbetriebes. Reparaturen an Güterwagen fallen kaum noch an, und die Wartung von Lokomotiven erfolgt in anderen Orten. Das BW beschäftigt deshalb nur noch 50 Leute. Die Güterzuggleise und die Umschlaganlagen im Industriehafen liegen verwaist. Auch dadurch gingen Arbeitsplätze verloren.

Von den bis zur Wende in den Großbetrieben tätigen 8500 Personen blieben maximal 1000. Das kommt auch in der Arbeitslosequote in Höhe von 26 % zum Ausdruck. Wittenberge wird kaum wieder auf einen grünen Zweig kommen, und die Jugend sucht in anderen Bundesländern eine Chance. So verringerte sich die Einwohnerzahl von 32250 im Jahre 1963 auf derzeit 24600.

Zum Abschluss möchte ich die bereits erwähnte Turmuhr, genauso genommen sind es vier gleich aussehende Uhren, vorstellen. Sie sind im oberen Teil eines 1928/29 im Nähmaschinenwerk errichteten freistehenden 49,40m hohen, quadratischen Wasserturmes, dessen Kantenlängen 11,30m betragen, installiert. Die weithin sichtbaren Uhren, deren Zeiger und Ziffern nachts beleuchtet sind, sind die größten auf dem europäischen Festland. Die Zifferblätter messen 7,57m mal 7,57m. Die großen Zeiger haben eine Länge von 3,30m und die kleinen 2,25m. Die Ziffern sind als Striche im Fünfminutenabstand dargestellt und jeweils 1 m lang. Jedes der vier Uhrwerke wird durch einen kleinen Drehstrommotor angetrieben. Diese wurden durch eine so genannte Mutteruhr im Verwaltungsgebäude des Betriebes gesteuert und kontrolliert. Seit einigen Jahren, nach der äußeren Sanierung des Wasserturms, sind die Uhren funkgesteuert.



Nachbemerkungen 2005 zum Porträt:

1957 verließ ich Wittenberge, ging zum Studium und lebe seit 1961 in Sachsen. Jahr für Jahr besuche ich Wittenberge. Mich interessiert, was sich in meiner Heimatstadt verändert.

Im Jahre 2000 feierte die Stadt in einer Festwoche den 700.Jahrestag der Verleihung des Stadtrechts. In diesem Rahmen fanden erstmalig Elbelandfestspiele und ein Operetten-Gala-Abend statt. Beide entwickelten sich zur Tradition. Während bei den Elbelandfestspielen sportliche Wettkämpfe im Hafen und auf der Elbe stattfinden und beim Nedwighafen Konzerte geboten werden, gibt es auf dem Ölmühlgelände einen bunten Operettenreigen. An ihm wirken auch viele ausländische Sängerinnen und Sänger mit. Dabei war im vergangenen Jahr die aktive Teilnahme des hundertjährigen Johannes Heesters ein Höhepunkt. Im mdr-Fernsehen konnten die Aufzeichnungen der Operettenabende angehört und angesehen werden. Da der Zuspruch zu dieser Veranstaltung sehr groß ist, erfolgt sie in diesem Jahr an drei aufeinander folgenden Abenden. Im rekonstruierten Kultur- und Festspielhaus finden seit 2000 wieder Theateraufführungen, Varieteveranstaltungen und Konzerte statt. Der Platz vor dem Hause wurde umgestaltet. Platanen mit schirmartig gestalteten Kronen spenden Schatten. Eine zuvor auf dem Platz stehende Büste Johannes-R.-Bechers wurde durch eine Paul-Lincke-Büste ersetzt, denn zu Becher hatte die Stadt keine Beziehungen. Paul Lincke dagegen erhielt in Wittenberge seine musikalische Grundausbildung. Der Platz vor dem Kulturhaus wurde deshalb nach ihm benannt.

In der daneben liegenden Bäckerstraße wo eine kleine “HO-Kaufhalle” stand, die nach der Wende nur einige Jahre von “SPAR” genutzt , aber unrentabel wurde und auf der angrenzenden Ödfläche in der Bahnstraße entstanden 2003 die “Theater-Arkaden”. Mit diesem Bau, in dessen Erdgeschoss eine Filiale der Sparda-Bank und einige Geschäfte ihr Domizil fanden und den Komfortwohnungen in den beiden oberen Etagen, wurde die letzte durch den Krieg entstandene Baulücke in der Bahnstraße geschlossen.

Nach mehrjähriger Bauzeit wurde 2004 der neue, den modernsten Anforderungen entsprechende Bahnhof, von einem Bahnhofsgebäude abgesehen, eingeweiht Irgendwann soll ein attraktives Empfangsgebäude mit Einkaufspassagen, Restaurants und ansprechenden Warteräumen entstehen. Auch eine Parkanlage und ausreichend Parkplätze sollen geschaffen werden. Dabei ist ein wesentlich günstigerer Zugang zum Bahnhof, als der jetzige, und ein neuer Busbahnhof vorgesehen. Aber noch fehlen die finanziellen Mittel. Durch eine günstigere Gleisführung und die Einstellung des Rangierbetriebes und der Güterzugabfertigung konnte die Insellage des alten Bahnhofs, es gab eine Magdeburger- und eine Berliner Seite, beseitigt werden. Die Magdeburger Seite wurde verlegt. Damit fielen auch die gehassten Schranken weg, die den Straßenverkehr zum und vom Bahnhof stark behinderten.

Zur ehemaligen Magdeburger Seite gehörten auch die Rangier- und Zufahrtsgleise für Ortsfrachten. Diese erübrigten sich durch die Stilllegung der Betriebe. Weil auch der Umschlaghafen kaum noch genutzt wird, gibt es keine Eisenbahnverschiebebühne mehr im Hafengelände. Das damit auch verbundene Rangiergelände parallel zur Packhofstraße ist demontiert und brach gelegt. Die Gegend dort macht einen trostlosen Eindruck, denn zahlreiche, nicht sanierungswürdige Wohnhäuser wurden ebenfalls abgerissen. Vorher diente ein Teil von ihnen noch als Kulisse für den Film “Der Verleger”, der zur Kriegszeit in Hamburg, nach einem Bombenangriff spielt. Besucher der Stadt, die aus Richtung Bad Wilsnack kamen, wurden von dem Anblick regelrecht schockiert, bis man ein großes Transparent mit der Aufschrift “Historische Filmkulisse” anbrachte. Auch die Zeit ist vorbei. Dem “Stadtrückbau” fiel im Frühjahr 2004 auch mein Geburtshaus in der Packhofstraße zum Opfer. In der 500m langen Straße gibt es insgesamt nur noch fünf einstöckige Häuser, von denen eines unbewohnt ist, und ein nur ebenerdiges, nicht unterkellertes Haus, und eines mit Giebelwohnung. Es entstand 1872 und sieht nach der äußeren Renovierung sehr gut aus.

Im Jahre 2000 wurde in der nahe gelegenen Bürgerstraße eine 100m lange Häuserzeile abgerissen. Dort ist seitdem nur Unkraut zu sehen. Die Stadtväter von Wittenberge hofften, dass in der Packhof- und Bürgerstraße Eigenheime gebaut würden. Doch es fanden sich keine Interessenten. Seltsamerweise jedoch für die von der Packhofstraße abzweigende und nur 200m von der Bürgerstraße entfernte Tivolistraße. Dort wurden in den vergangenen zwei Jahren 9 Eigenheime errichtet. Aufgrund des sehr unterschiedlichen Baustils der Häuser bietet dieser Straßenabschnitt allerdings einen sonderbaren Anblick. Jahr für Jahr werden in den verschiedensten Straßen Altbauten abgerissen und ein Ende ist nicht abzusehen. Auch Plattenbauten, von denen einer erst 1990 bezugsfertig wurde, mussten der Abrisstechnik weichen. Im Stadtteil Nord, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum erreichbar war, und wo es keine Einkaufsmöglichkeit gab, begann 2003 der “Rückbau”, der 2004 fortgesetzt und 2005 abgeschlossen wurde. Dadurch wurden 300 Wohnungen liquidiert. Im Horning endete im Februar dieses Jahres den Abriss eines weiteren vierstöckigen Plattenbaus mit 10 Eingängen.

In Wittenberge gibt es aber außer dem bereits erwähntem Erfreulichem noch mehr zu berichten. Im Jahre 2001 entstanden hinter dem Rathaus zwei vierstöckige Häuser, von denen sich die beiden oberen Etagen unter einem Tonnendach befinden. Wegen dieser Bauform sprechen die Wittenberger spöttisch von Viehwagen. Offiziell werden die Gebäude als Rathausanbau bezeichnet, weil ein Teil der Stadtverwaltung dort untergebracht ist. Im Erdgeschoss befinden sich Dienstleistungseinrichtungen und in den Obergeschossen moderne Wohnungen, die teilweise altersgerecht gestaltet sind. Unweit des Rathauses wurde 2003 auf einer in der DDR-Zeit für Kundgebungen genutzten Rasenfläche ein großer, sehr attraktiver Brunnen gebaut. Ringsum laden Parkbänke, hinter denen Büsche wachsen, zum Verweilen ein. Diese Anlage ist ein Schmuckstück meiner Heimatstadt.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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