Wie ist der Name?


Dieter Rietz     ( 2000 )


Es war am Vormittag eines Sommertages. Wolkenlos, warm, aber noch nicht heiß. Ich stieg einen steilen Pfad, aus dem Felsbrocken ragten, hinan und erreichte ein Plateau. Links sah ich einen breiten, zerfurchten, sandigen, trockenen Fahrweg. Auf ihm ging ein Bekannter. Ich rief ihm zu, dass wie doch rechts, am Waldrand entlang wollten und hörte, er käme nach. Lange wanderte ich neben einem Buchenwald. Junge und sehr alte Bäume konnte ich betrachten. Ihre silbergraue Rinde glänzte im Sonnenschein. Ringsum Stille. Nicht einmal Vogelgezwitscher vernahm ich. Eine kräftige Birke ragte schräg über den Weg. Aus ihrem Wurzelstock wuchs senkrecht eine mickrige. Eine Tonbandstimme erklärte, dass diese sonderbare Wuchsform ohne menschliches Eingreifen entstand. Ein Stückchen entfernt erblickte ich eine umgestürzte junge Birke. Ihr Laub war schon gelb. Ich spazierte einige hundert Meter weiter. Der Wald hörte auf. An seinem Rand sah ich ein paar Häuser. Ich glaubte am Ausgangspunkt meiner Wanderung angekommen zu sein. Ich ging zu dem Grundstück mit dem weiten Hof und den ihn einschließenden Gebäuden. Erstaunt bemerkte ich, mich geirrt zu haben. Wo war ich jetzt? Ein Ortseingangsschild oder einen Wegweiser konnte ich nicht entdecken. Ich müsste jemanden fragen. Aber wen? Niemand war zu sehen. Nur ein Mann mit seiner etwa zehnjährigen Tochter und ihrem sechsjährigen Bruder. das waren bestimmt Urlauber, die zu fragen nicht lohnte. Kurz entschlossen folgte ich ihnen. Wir bogen von der Straße ab und nutzten einen gepflegten Wanderweg. Rechterhand zog sich ein lang gestreckter bewaldeter Bergrücken hin. Auf der linken Seite war er abschüssig. Der Spaziergang erfreute mich. Ich überlegte, ob ich bis zum Mittagessen noch genug Zeit hätte. Wie weit der Weg noch wäre, konnte ich nicht einschätzen. Ich brannte mir eine Zigarette an. Von dem Jungen hörte ich, dass man im Wald nicht rauchen dürfe. Das war mir bewusst, aber ich würde aufpassen. Der Weg machte eine scharfe Biegung nach rechts. An dieser Stelle führte ein Trampelpfad zu einer großen Wiese und den sie begrenzenden Wald. Vater und Kinder stiegen vorsichtig hinab. Ihnen zu folgen hätte für mich keinen Sinn. Sie hatten sicherlich ein anderes Ziel als ich. Ich blieb auf dem herrlichen Wanderweg. Später sah ich im Tal eine Straße. Hinunter konnte ich nicht. Wäre es überhaupt sinnvoll? Käme ich auf ihr zu dem Objekt, zu dem ich wollte? Wohi8n wollte ich eigentlich? Welchen Namen hatte es? Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich dort als Urlauber oder als Betreuer in einem Kinderferienlager angereist war. Ich erinnerte mich nur an vier, fünf barackenähnliche Gebäude und an viele Menschen, die ich dort gesehen hatte. Man hatte mir auch von einem Badesee erzählt. Er wäre in der Nähe. Aber welchen Namen trägt das Objekt? Wie sollte ich es finden? Selbst wenn mir jemand begegnete, könnte ich nicht fragen, denn ich wusste doch selbst nicht, wohin ich wollte.

So etwas Verrücktes träumte ich in einer kalten Frühjahrsnacht.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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