Wie ich schreibe


Dieter Rietz     ( 1993 )


Was wäre unser Leben ohne Buch und Zeitung, ohne das geschriebene Wort, oder das im Radio, Fernsehen, Film, Theater gesprochene Wort, oder die stummen Worte im Ballett, bei der Pantomime? Ein Nichts! Wie brauchen die Sprache wie die Luft zum Atmen, und schreiben kann ein jeder. Der eine gut, der andere weniger. Zu welcher Gruppe ich zähle, entscheiden die Leser und Hörer, jeder für sich, und die Auffassungen gehen sicherlich weit auseinander. Der eine liebt mehr künstlerisch Erzähltes, wobei er sich für Romane, Novellen, Kurzgeschichten, Krimis oder belehrende Artikel, ein anderer bevorzugt Lyrik. Die Interessen sind so unterschiedlich, wie die Vielfalt des Angebotes an Gedrucktem und Gesprochenem und das Spektrum der Themen.

Nur widerwillig verfasse ich einen Brief oder einen nüchtern-sachlichen Bericht, und für Lyrik habe ich überhaupt keine Ader. Ich kann nur äußern, ob mir ein Gedicht gefällt oder nicht. Das aber zu begründen, gelingt mir kaum. Mir liegt mehr das Ironisch-Satirische.

Reizt mich ein Problem, eine Thematik, dann überlege ich, meistens vor dem Einschlafen, was und vor allem in welcher Form ich etwas dazu sagen will. Das dauert oft Tage, bis ich eine Lösung gefunden habe. Nicht nur einmal kam ich zu der Einsicht, dass es keinen Sinn mehr habe, denn meine Meinungsäußerung wäre unaktuell. In den ruhigen Minuten vor dem Schlaf grübele ich auch schon über einzelne Formulierungen, und wenn mir eine besonders gut gelungen scheint, erhebe ich mich wieder, um sie auf einem Zettel festzuhalten, denn ich machte die Erfahrung, dass ich mich anderntags vergeblich fragte, wie sie gewesen sei.

An Tagen, an denen ich die nötige innere Ruhe finde und vor allem entsprechend Lust verspüre, notiere ich Satz für Satz, wobei es äußerst selten vorkommt, dass sie mir inhaltlich und ausdrucksmäßig meinen Vorstellungen entsprechend , wie in einem Guss aus dem Kugelschreiber fließen. Beim Schreiben bedenke ich Aussage und Ausdruck, streiche dann hier etwas, füge dort etwas ein und übertrage alles abschnittsweise in eine erste Reinschrift, wobei ich vor allem auf den Inhalt achte. Auf diese Weise entsteht Schritt für Schritt meine Arbeit. Dann lese ich sie im Zusammenhang, versuche Überflüssiges und inhaltliche Wiederholungen auszumerzen und nehme erforderliche Korrekturen vor. Oft sind es viele Änderungen, so dass ich es für notwendig erachte, alles erneut abzuschreiben. Nun folgt die Feinarbeit. Ich prüfe, welche Wendungen oder Worte des Öfteren auftauchen und ich suche im Synomymwörterbuch nach passendem Ersatz. Vielfach ergeben sich daraus Satzumstellungen, und wenn ich unaufmerksam bin, schleichen sich neue Wiederholworte ein. Lange feile ich an meinen Geschichten, ehe ich sie im Zirkel der Schreibenden Sehbehinderten vortrage und berücksichtige danach mir einleuchtende Hinweise.

Auch an Beiträgen für die Leserbriefseite der “Sächsischen Zeitung” arbeite ich möglichst ebenso systematisch, kann sie aber zeitlich bedingt, nicht im Zirkel vorstellen und muss mit redaktionell vorgenommenen Kürzungen in Kauf nehmen. Bedauerlich finde ich, wenn etwas mir wichtig Erscheinendes davon betroffen ist.

Obwohl ich hochgradig kurzsichtig bin und das Schreiben mir dadurch Mühe bereitet, genieße ich die Beschäftigung mit den Worten und hoffe, mit meinen Beiträgen auch anderen Menschen einige schöne Minuten zu schenken.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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