Wenn und aber


Dieter Rietz     ( 2005 )


Wenn ich mich nachts unruhig von einer Seite auf die andere wälze, gehen meine Gedanken auf Wanderschaft und flößen mir die seltsamsten Ideen ein.
“Hör mal, wir würden uns freuen, wenn du Bundespräsident oder wenigstens Minister wirst.”, sagen mir einige Bekannte.
“Wenn es aber keiner, außer euch, will? Was dann?” entgegne ich.
“Aber darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen. Wir rühren für dich die Werbetrommel.”
“Wenn ihr meint, es hätte Sinn, dann los. Ihr aber tragt die Verantwortung, wenn es schief geht.”
“Warum sollte es?”
“Was sagt ihr aber, wenn ich mir als Politiker so ganz nebenbei einen einträglichen Job bei einem Unternehmen oder bei einer Bank suche und die Medien dann über mich geifern?”
“Die beruhigen sich wieder. Aber wenn du in der DDR staatsnahe Funktionen hattest oder wenn du sogar für die Stasi arbeitetest, fangen wir gar nicht erst an”, erklärte einer der Bekannten.
“Aber das ist doch absurd”, erwiderte ich. “Ich war zwar 12 Jahre Parteimitglied, habe aber, so wie Mielke es von sich behauptete, niemandem geschadet. Mir könnt ihr es glauben. Ich trat aber aus der Partei aus, weil ich mit ihrer Politik nicht mehr einverstanden war. Mit der Wirtschaft und der Versorgung der Bevölkerung ging es doch immer weiter bergab.”
“Da hast du aber lange gebraucht, um das zu merken.”
“Ich gebe es ja zu. Aber wenn ich geahnt hätte, welche Folgen sich für mich ergeben würden, wenn ich meinen Austritt erkläre, wäre ich wahrscheinlich drin geblieben. Aber, so waren nun meine berufliche Karriere und damit jegliche Gehaltserhöhungen im Eimer. Von der Liste der Auslandskader wurde ich gestrichen. Na ja, wenn das liebe wenn nicht wär.”
“Aber warum wurdest du Genosse?”
“Das waren jugendlicher Leichtsinn und politische Unerfahrenheit. Aber wenn ich auf Ältere gehört und wenn ich gewusst hätte, wie sich alles entwickelt, wäre mir vieles erspart geblieben. Das lässt sich jetzt aber nicht mehr ändern. Doch aus Erfahrungen lernt man. Auch wenn die jetzigen Parteien von großartigen Zielen und Strategien faseln, kriegt mich keine überzeugt. Bei keiner werde ich eintreten. Aber wenn es eine “Sommerpartei” gäbe, die im Frühjahr kommt und im Herbst verschwindet, würde ich vielleicht wankelmütig. Aber ich glaube es nicht, denn ich habe meine eigenen politischen Erfahrungen gesammelt und denen will ich trotz allem wenn und aber treu bleiben. Wenn ihr aber glaubt, ich werfe sie über Bord, wenn ich Regierungsverantwortung übernehme, dann seid ihr auf dem Holzweg. Desgleichen, wenn ihr denkt, ich könnte die millionenfache Arbeitslosigkeit beseitigen. Von einer Eindämmung sprechen alle Parteien, die gerade das sagen haben, aber keine erreicht es. Und da soll ich es schaffen? Aber nun Schluss mit dem Palaver über wenn und aber.”
Im Hintergrund höre ich leise singen: “Wenn aber das Staatssäckel ein Loch hat . . .” Aber wenn ich daran denke, bin ich um den Schlaf gebracht.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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