Warnsignale


Dieter Rietz     ( 1993 )


Leise stöhnt Luzifer, Dienstältester und Höllenfürst zugleich, vor sich hin: “Mein Gott, warum bin ich dazu verdammt, alle paar Jahre in die tiefsten Tiefen der Hölle zu steigen? Ja, ja, ich weiß, kontrollieren soll ich, ob der Lump sich dort in Höllenqualen windet. War doch bisher immer alles in Ordnung. Urian und Beelzebub erfüllen doch mit Freude ihren Parteiauftrag. Na, ich werd’ mal gehen, denn eine Abmahnung will ich mir nicht einhandeln.”

Sprosse für Sprosse klettert Luzifer tiefer und verflucht den altmodischen Bau. Mit Mühe hat er es geschafft. Eine Glutwelle schlägt ihm auf dem Flur entgegen. Ein frisch beheizter Backofen wirkt dagegen wie eine gut funktionierende Tiefkühltruhe. Der Höllenfürst reißt die asbestverseuchte Tür zur Kammer auf, in der der Lump schmoren soll.

“Sieg, Sieg Heil, Sieg” brüllt der Eingesperrte tanzend.
“Adolf, bist du übergeschnappt?” donnert der Höllenfürst und vernimmt als Antwort nur ein infernalisches Gelächter, das von Zeit zu Zeit durch seinen Freudenruf unterbrochen wird, wobei Adolf zackig den rechten Arm zum “Deutschen Gruß” hochreißt. Endlich kann sich Luzifer Gehör verschaffen, fordert Aufklärung über das Verhalten und vernimmt:
“Ich habe nicht umsonst gelebt. Mein Geist lebt weiter. Würdige Nachfolger habe ich.”
“Wie kommst du denn darauf?”
“Hast du nichts mitbekommen von Hoyerswerda, Rostock und den Beifallklatschern oder von Mölln und den sich zum Sturm sammelnden Anhängern meiner Idee?” fragt Adolf spöttisch.
“Doch, doch”, erwidert der Höllenfürst und setzt hinzu: “Die Politiker werden dem Einhalt gebieten, so sagen sie. Ein paar Organisationen sind ja schon verboten worden und deren Anführer verurteilt. Reicht das etwa nicht? Was bisher geschah, sind doch nur Einzelaktionen von einigen Irregeleiteten oder Fanatikern.”

Vergnügt reibt sich Adolf die Hände. “Recht so, Hoffentlich sind und bleiben nicht nur in Deutschland viele dieser Ansicht. Vor ’33 war es ja ähnlich. Ich nutzte die allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung, und es klappte ausgezeichnet für mich. Warum sollte es bei meinen Nachfolgern nicht ebenso glatt gehen? Und Auschwitz ist doch schon lange vergessen. Aber nun scher dich zum Teufel. Sieg Heil!”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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