Wässriges


Dieter Rietz     ( 2002 )


Wasserscheu ist Fritz keinesfalls. Im Gegenteil. Er ist eine Wasserratte, liebt den Wassersport und genießt das duftende, warme Badewasser. Darin fühlt er sich wohl wie ein Fisch im Wasser. Sehr gern schwimmt Fritz im Meerwasser, auch in Süßwasserseen. Aber fließendes Wasser gefällt ihm besser. Wasserpflanzen und vor allem Wasserpest stören ihn . Wurde in ihm die Liebe zum Wasser geweckt, weil er in Wassersuppe unter dem Sternzeichen Wassermann geboren wurde? Vielleicht. Fritzens Hobby ist die Besichtigung und das Fotografieren von Wassertürmen, Wasserrädern und -mühlen. Er malt auch mit Wasserfarben. Regelmäßig registriert er die Elbe-Pegelstände. So kann er Auskunft geben über Niedrigst- und Höchstwasserstände. Fritz wundert sich, dass manche Leute “ins Wasser gehen”. Ihnen ist es egal, ob Wasserschutzpolizei und Wasserrettungsdienst dadurch belastet werden und Wasserleichen hässlich aussehen. Als Arbeitsgebiet wählte Fritz die Wasserwirtschaft. Er kontrolliert den Frischwasserverbrauch der Betriebe, drängt immer wieder auf stärkere Nutzung von Kreislaufwasser und bessere Abwasserreinigung. Über die zunehmende Wasserverschmutzung macht er sich Sorgen. Seine Kollegen behaupten, er sei mit allen Wassern gewaschen, könne kein Wässerchen trüben und verachte kein hochprozentiges Feuerwasser. Aber meistens trinke er Mineralwasser, notfalls auch Leitungswasser, aber nie abgestandenes Wasser. Dieses Jahr wollte Fritz im Urlaub über das große Wasser. Doch die Reise fiel durch unerwatetes Hochwasser ins Wasser. Statt den Wasserkopf, wie er die aufgeblähte Verwaltung seines Betriebes nannte, hinter sich zu lassen, musste er nun helfen, Wasserschäden zu beseitigen und Wasserwagen mit Trinkwasser organisieren. Dabei schwitzte er Blut und Wasser. An Warm- und Kaltwasser war in vielen Häusern tagelang nicht zu denken. Die Bewohner waren froh, dass sie in Wassereimern Koch- und Waschwasser holen konnten. Es wurde appelliert, die Wasserentnahme auf ein Minimum zu beschränken. Trotz der Misere sangen einige Wasserträger: “Ohne Wasser merkt euch das, da wär’ die Welt ein leeres Fass.” Viele äußerten, man könne vor Feuer fliehen, vor Wasser aber nicht. Es habe auch keine Balken. Andererseits trieben Bäume in den reißenden Fluten. Sonst harmlose Wasserläufe verwandelten sich in mächtige Ströme und vielerorts hielten die Deiche dem Druck der Wassermassen nicht mehr stand. Die vom Wasser eingeschlossenen Menschen mussten mit Wasserfahrzeugen oder Hubschraubern gerettet werden. Auf den Wasserwegen und -straßen ruhte der Verkehr. Die eingetretenen Schäden wurden erst sichtbar, nach dem der Wasserspiegel stark zurückging. Ob Schadstoffe ins Grundwasser gelangten, muss noch geprüft werden. Während hierzulande viele über die vorangegangenen Ereignisse jammern, leiden in anderen Ländern die Einwohner unter Wassermangel. Sie kennen keine Wasserleitung, keinen Wasserhahn und schöpfen das nötige Nass aus Wasserlöchern aus dem auch die Tiere ihren Wasserbedarf decken. In diesen Tümpeln leben oft auch Wasserflöhe. Sogar Brack- und Schmutzwasser müssen die Eingeborenen nutzen. Sauberes Wasser wäre ihnen lieber und sie wären glücklich, wenn sie Brunnenwasser hätten. Wasservögel und Wasserschlangen kennen sie nur vom Hören und Sagen. Einen Wasserschlauch sahen sie nie. An das alles denkt Fritz, dem durch die vielen Probleme das Wasser förmlich bis zum Halse steht, während er in der Kantine Kaffee trinkt. Der schmeckt wie Abwaschwasser. Ihm fällt ein, dass ihm der Arzt zur Kreislaufverbesserung Wassertreten empfahl. Doch daraus würde vorläufig nichts werden, denn auch die Klinik stand unter Wasser. Aber das Wasserbett will Fritz sich kaufen. Er muss aber daran denken, eine Zusatzversicherung für Wasserschäden abzuschließen. Eine “Wassestoffblonde” setzte sich zu ihm an den Tisch und fragte plappernd wie ein Wasserfall, wo sie eine Wasserpfeife auftreiben könne. Ihr Freund sammle so etwas. Auch Wasserzeichen gehören zu seinen Sammelobjekten. Aber was damit gemeint sei, wisse sie nicht. Bei ihrem Redeschwall fuchteltete sie mit der Hand herum und stieß gegen ein Wasserglas. Dabei fiel ihr ein, dass ihr Freund auch Wasserglas suche um sein Aquarium reparieren zu können, denn es sei nicht mehr ganz wasserdicht. Fritz konnte ihr nicht helfen. Er blickte zum Fenster und sah Regenwasser an die Scheiben spritzen. Nun verließ er den Raum, denn er musste Wasser lassen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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