Verschönernde Worte


Dieter Rietz     ( 2004 )


“Mensch, Heinz, altes Haus. Trifft man dich och mal wieder? Haste bisschen Zeit? Komm, geh’n wa uff een Bierchen in ’ne Kneipe und quatschen mal. Wat macht dein Bau? Haste dein Eijenheim fertich?

“Ja, Gott sei Dank, Paul. Vor einem Monat bin ich eingezogen. Jetzt können die meine alte Bruchbude abreißen. Wie sie’s mit den leergewohnten Plattenbauten machen.”

“Aber Heinz, wie redest du denn? Heutzutage spricht man doch nich von Abriss. Det heißt jetzt Rückbau. Kostet ’ne Menge. Aba anjeblich wär et billijer, als die Häuser stehen zu lassen. Die Entsorjung, besser jesacht die Beseitijung des Bauschutts verschlingt och noch ’nen Haufen Jeld. Dein Haus hat dir bestimmt och ’ne Menge jekostet.”

“Das kannst du wohl sagen. Ich habe jetzt ganz schön zu knappern. Vor allem weil es keine Rentenerhöhung gibt. Nullrunde nennen die das. Dafür muss ich jetzt den vollen Pflegeversicherungssatz bezahlen. Insgesamt ist es nicht sehr viel, fehlt mir aber beim Kredit abzahlen. Dazu kommt noch die Gesundheitsreform, die mir auch Geld aus den Taschen zieht. Dabei bedeutet Reform Umgestaltung, Verbesserung des Bestehenden.”

“Ja, ja, Heinz. Die zieh’n den Leuten det Jeld aus de Tasche, weil’s mit de Wirtschaft bergab jeht. Statt Aufschwung haben wir Nullwachstum, ja sogar Abschwung. Bei uns im Osten haben die viele Betriebe abjewickelt, kaputt jemacht. Deshalb krieje ick och keene Arbeit. Is doch keen Wunder. Wo ick nachfrage heeßt et Einstellungsstopp. Vielleicht bekomme ick mal ’ne ABM. Dabei werden Arbeiten zum Billiglohn ausjeführt, die für Firmen nich lukrativ jenug sind und vor allem, die Arbeitslosenstatistik wird entlastet. Aber det is mir ejal. Ick bekomme denn wenigstens für paar Monate mehr Jeld als jetzt als Langzeitarbeitsloser.”

“Ach Paul, hör mir auf. Bei uns werden die kleinen Leute über den Tisch gezogen. Alle paar Jahre machen die Wahlrummel und reden dauernd von Demokratie. Eigentlich soll das doch Volksherrschaft heißen. Aber bei uns herrscht nicht das Volk. Im Gegenteil, es wird beherrscht. Aber dafür haben die noch keinen anderen, schön klingenden Ausdruck gefunden. Wenn bei uns das Volk etwas zu sagen hätte, würden die ab und zu einen Volksentscheid machen. Aber davor hüten die sich. Oder wurdest du gefragt, ob du den Euro willst? Aber, wir können nichts ändern. Prost.”

“Weeßt du, Heinz, wenn ick die vielen verschönenden Worte höre und daran denke, wat die verschleiern, kommt mir der Kaffee hoch. Prost.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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