Unfasslich


Dieter Rietz     ( 1997 )


Wenn Not am Mann war, hatte Franz bei An- und Auslieferungen tatkräftig mit zugefasst. Mit anzufassen war in solchen Situationen für jeden im Kleinunternehmen “Bier-, Wein- und Schnapsfass Handels GmbH”, das auch Fassdauben und -reifen verkaufte und beim Fass- und Tonnenreiten Fassbrause spendierte, selbstverständlich, denn das Unternehmen hatte kaum Fuß gefasst. Und nun diese Pleite. Keiner konnte es fassen. Auch für Franz war es unfassbar. Konkurs hatte der Chef angemeldet. Wie konnte es dazu kommen? Korrekt hatte Franz alle ihm mitgeteilten Daten über Bestellungen, Lagerbestände und Lieferungen erfasst. Aber wahrscheinlich hatte der Chef dunkle Geschäfte gemacht und wurde dabei gefasst. Hatte er etwas geahnt? Anscheinend, denn er erschien sehr gefasst. Die Behörde hatte ihm klargemacht, dass sie jetzt konsequent durchfassen werde und umfassende Untersuchungen in allen Branchen erfolgen würden. Könnte jeder in dem Unternehmen die sich daraus ergebenden Folgen voll erfassen? Wohl kaum.

Deprimiert betrat Franz die Kneipe “Zum fröhlichen Fass”, deren Wirt behauptete, ein Eichenholzfass sei wesentlich besser als ein Aluminiumfass, und ein gerade geleertes Fass sei ihm lieber als ein monatelang herumstehendes volles. Aber das interessierte Franz im Augenblick überhaupt nicht, denn er wollte seine Fassung zurückgewinnen. Waren ihm bei der Buchführung Fehler unterlaufen? Wo könnte oder müsste er nachfassen? Gedankenversunken starrte Franz auf sein Glas. Heute wollte es ihm nicht schmecken, obwohl er ein Freund von Fassbier war. Flaschenbier gefiel ihm nicht, und um Dosenbier machte er einen großen Bogen.

Eddie, einen Bauch wie ein Bierfass vor sich hertragend, betrat das Lokal und steuerte sofort auf Franz’ Tisch zu: “Mensch, dich hier anzutreffen, schlägt dem Fass den Boden aus.” Der fehlte ihm noch, denn Eddie war beim Saufen wie ein bodenloses Fass. “Fass dich kurz” knurrte Franz und hätte am liebsten dem faul neben dem Tresen liegenden Hektor zugerufen: “Fass!” Eddies sinnloses Gequatsche ging Franz auf den Geist. Deshalb verließ er schnell das Lokal.

(c) Dieter Rietz / Pirna


zurück zur Seite Dieter Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Unfasslich

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de