Unerwarteter Besuch


Dieter Rietz     ( 1997 )


Es war ein warmer Tag. Ich hatte es mir im Liegestuhl bequem gemacht und grübelte, was ich gegen die Wühlmäuse unternehmen könnte. Egal, was ich bisher versuchte, nichts half. Jetzt war ich besonders wütend auf sie, denn sie nahmen mir eine erwartete Freude. Aus Holland hatte ich mir Tulpenzwiebeln mitgebracht. Schwarz würden die Tulpen blühen. Diese Art sah ich noch nie und wartete sehnsüchtig auf die Blütezeit. Aber vor drei Tagen traute ich meinen Augen kaum. Die Blätter der Tulpen waren nicht mehr grün. Sie hatten eine lila Färbung angenommen und lagen kraftlos auf dem Beet. Wie abgeschnitten erschienen mir die Blütenstängel. Vorsichtig tastete ich die Pflanzen ab und bemerkte, dass unter ihnen alles hohl war. Von den Zwiebeln gab es keine Spur mehr. Die hatten sich die Wühlmäuse geholt. Ausgerechnet die wertvollsten. Es würde bei mir also keine schwarzen Tulpen geben.

Weil mich die Sonne blendete, schloss ich die Augen und sann über eine Lösung. Plötzlich war mein Gesicht in Schatten getaucht. Ich glaubte, eine Wolke hätte sich vor die Sonne geschoben. Doch ich irrte mich. Neben mir standen zwei Herren. Sie waren mir unbekannt und von mir unbemerkt in den Garten gekommen. Ehe ich etwas sagen konnte, sprach der eine mich an: “Entschuldigen Sie, Mister. Ach, hier sagt man ja mein Herr. Entschuldigen Sie unser Eindringen. Gestatten Sie, dass ich uns vorstelle? Ich bin Sherlock Holmes und das ist Dr. Watson. Sicherlich werden Sie schon von uns gehört oder gelesen haben. Sie, mein Herr, werden beschuldigt, hier im Garten gestern einen Mord begangen zu haben, und ich wurde gebeten, den Fall aufzuklären.” Ich lachte und forderte die beiden auf, das Grundstück zu verlassen. Holmes erwiderte darauf, er hätte den Auftrag angenommen und seine Ehre als Meisterdetektiv lasse keinen Rückzug zu. Wenn ich ihn in seiner Arbeit behindern würde, verschlechtere sich meine Situation noch mehr. Ohne ein weiteres Wort an mich zu verschwenden, prüfte er mit scharfen Blicken die Rasenfläche zwischen Terrasse und Tulpenbeet. Minuten später hörte ich, dass er zu Watson sagte: “Hier werden wir beginnen. Sehen Sie den Schuhabdruck?” Dann kniete er sich nieder, nahm eine Lupe aus der Rocktasche und betrachtete Grashalm für Grashalm. “Aha, dachte ich es mir doch. Blutspritzer an mehreren Halmen und hier auch Hautstücke, kleine Fleischreste und Haare. Watson, geben Sie mir eine Pinzette und Plastic-Beutel, damit ich das Beweismaterial sicherstellen kann.” Längere Zeit war er damit beschäftigt. Dann erhob er sich und sagte zu Watson: “Es ist eindeutig. Das Opfer wurde zu Tode getrampelt. Sehen wir uns die Schuhe des Verdächtigen an.” Mit der Lupe untersuchte er die Schuhsohlen und rief dann triumphierend aus: “Das gleiche Beweismaterial, Watson. Her mit Pinzette und Plastic-Beutel.” Als er fertig war, sagte er: “Watson, hier ist unsere Aufgabe erledigt. Der Täter ist überführt. Das Opfer zu suchen überlassen wir der Polizei.” So heimlich wie die beiden gekommen waren, verschwanden sie auch.

Ich dachte daran, dass es mir tags zuvor gelungen war, auf dem Rasen eine Maus totzutreten. Aber von Holmes und Watson konnte ich nur geträumt haben. Oder spielte mir die Phantasie einen Streich? Ich sollte vielleicht doch nicht nur Krimis lesen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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