Umzugswunsch


Dieter Rietz

Beitrag zum Joachim-Schnell-Schreibwettbewerb 2005.
Die in das Werk einzufügenden Pflichtwörter waren: Garten, Glocke, Heimkehr, Morgen, Nebel, Traum, Wald, Wasser und Wille.

Da für diese Tagung, neben dem Wettbewerb, die literarische Gattung "Kurzgeschichte" vorgesehen war, reizte es mich, unter Verwendung obiger Wörter eine sehr kurze Kurzgeschichte zu schreiben.

Seit Ewigkeiten hege und pflege ich meinen Traum von einer Reise zum Mond. Der Ausdruck Reise ist unpassend, denn er erfordert eine Rück- oder Heimkehr. Aber das will ich nicht. Mein fester Wille ist es, mich auf dem Mond niederzulassen, mir dort ein Häuschen, vielleicht auch eine Villa, zu bauen und einen Garten anzulegen. Über dessen Größe mache ich mir noch Gedanken. Zu klein sollte er nicht sein, aber auch nicht zu groß, denn die Beschäftigung in ihm soll ein Hobby sein, aber nicht in Arbeit ausarten.

Sie meinen, man könne auf dem Mond nicht leben? Da irren Sie sich. Bestimmt hörten Sie schon mal vom Mann im Mond und jeden Abend können Sie sehen, wenn er das Licht einschaltet. Manchmal bleibt der Mond duster. Dann ist der Hausherr auf Reisen. Die Leute sprechen vom Neumond. Den Mann im Mond werde ich aufsuchen. Ich lasse mir von ihm helfen, das Grabegerät zu finden, das die Russen, ach ja, damals waren es ja noch Sowjetbürger, auf den Mond schickten, um Bodenproben zu entnehmen. Das Gerät wird für mich sehr nützlich sein. Hoffentlich ist es noch nicht verrostet. Vom Mann im Mond lasse ich mir auch die Stelle zeigen, an der im vorigen Jahrhundert die Amerikaner gelandet sind. Aber ich vermute, er wird mich auslachen und behaupten, die Fernsehaufnahmen, die damals um die Erde gingen, seien in Hollywood entstanden und dass die Astronauten nicht ein einziges Körnchen vom Mond vorzeigen könnten.

Meine Absicht, auf den Mond überzusiedeln und wie und wann ich es mache, hänge ich nicht an die große Glocke. Ich befürchte nämlich, das die CIA mir einen Strich durch die Rechnung machen würde, weil ich den Schwindel des Ami-Trips zum Mond aufdecken könnte.

Wallensteins Astrologe empfahl als günstigsten Starttermin für mich den 30.Februar in einem Schaltjahr, dessen Jahreszahl durch drei und sieben teilbar sein müsse. Bis dahin vergeht noch viel Zeit.

Aber wie kann ich zum Mond gelangen? Eine Rakete kann ich weder denRussen noch den Amerikanern bezahlen. Dafür reicht meine Rente nicht. Auf dem Mond könnte ich damit große Sprünge machen, weil die Anziehungskraft dort geringer ist. Aber hier auf der Erde klappt es nicht. Auf Solidarität brauche ich auch nicht zu hoffen. Die Zeiten sind vorbei und eine DDR gibt es nicht mehr. Da wurde Solidarität groß geschrieben. Sie reichte sogar soweit, dass den Kanibalen Kochtöpfe gespendet wurden, in denen die Missionare, die die Spenden überbrachten, gedünstet wurden. Münchhausen ist leider tot. Er hätte mir die Kanone gezeigt, von der aus er einen Ritt auf einer Kanonenkugel unternahm. Irgendwann las ich von einer Bohne, die bis zum Mond rankte. Leider war nicht angegeben, um welche Bohnensorte es sich handelte. Busch- oder Sojabohnen waren es sicherlich nicht. Es muss eine Art Stangenbohnen gewesen sein. Wenn ich eine hätte, wer garantierte mir, dass sie zum Mond wachse und nicht zur Venus. Dort will ich ja nicht hin. Da ist es mir zu heiß. Ich würde vielleicht auch den Reizen der Frau Venus erliegen und das wäre in meinem fortgeschrittenen Alter gefährlich. Außerdem ist es fraglich, ob Bohnen bei uns im Februar keimen und wachsen können. Aber es muss eine Lösung geben und es gibt auch eine, un auf den Mond zu kommen.

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Der Mann mit der Bohne hatte doch irgend etwas auf den Mond geschleudert. Ich werde den Russen Hammer und Sichel abkaufen, notfalls klaue ich es . Wenn Halbmond ist, werfe ich die Sichel hinauf. Sie wird sich an der Spitze des Mondes festhaken und dann kann ich den Hammer nachschleudern. Er findet hinter der Sichel Halt. Vorher befestige ich am Hammer eine endlos lange Nylonschnur, an der ich mich hochhangeln werde. Das Problem ist also geklärt. Morgen ist es soweit. Dann starte ich. Mein Umzugswunsch wird in Erfüllung gehen.

Pech gehabt. Dichter Nebel lässt alles ins Wasser fallen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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