Teddy


Dieter Rietz     ( 1994 )


“Hat dir dein Frühstück geschmeckt, Teddy?”, spricht Frauchen zu mir, während sie frühstückt. “Ich fülle deinen Napf noch ’mal. Ach ja, Wasser brauchst du auch. Aber jetzt muß ich mich beeilen, sonst komme ich zu spät zur Arbeit.” Ich begleite mein Frauchen bis zur Wohnungstür. “Bleib schön brav. Tschüß, Teddy.” Ich schlafe wieder.

Die Nachbarkinder spielen mit mir. Sie werfen sich einen Tennisball zu, und ich jage von einem zum anderen, um den Ball zu erhaschen. Endlich gelingt es mir. Japsend liege ich im Gras und halte ihn mit den Zähnen fest. Walter will ihn mir wegnehmen. Erst nach Minuten gebe ich nach, und das Spiel beginnt von neuem. Jetzt sitze ich im Kinderkorb und genieße die Radpartie. Manfred und Jörg fahren an mir vorbei. Wollen sie mich necken? Sie wissen doch, dass ich immer an der Spitze sein will. Ich jaule ihnen hinterher und versuche, aus dem Korb zu springen. Nun bin ich in einem Wald. Von den Jungen ist nichts zu sehen. Nur ihre Stimmen vernehme ich. Wo sind meine Spielgefährten? Aufgeregt suche ich nach ihnen und merke schließlich, das alles war nur ein Traum. Erinnerungen an längst vergangene Jahre. Enttäuscht lege ich mich wieder auf mein Polster und döse weiter.

Es muß schon später Nachmittag sein. Ich höre vertraute Schritte, laufe zur Wohnungstür und begrüße Frauchen schweifwedelnd. Bald darauf lässt sie mich auf die Wiese hinter dem Haus. Das ist gut so, denn ich möchte stubenrein bleiben. Ungern denke ich daran, wie ich dazu erzogen wurde. Aber dass ich in meiner Kindheit auf Walters Pantoffel ein Häufchen setzte und das Lachen von Jörg und Manfred, als sie es bemerkten, belustigt mich heute noch.

Frauchen ruhte sich inzwischen aus. Sie greift nach der Leine und sagt: “Komm, wir gehen über die Elbbrücke. Dort waren wir lange nicht mehr.” Über diesen unerwarteten Spaziergang freue ich mich. Aber nun, wo ich die schmalen Spalten zwischen den Bohlen wahrnehme, klemme ich den Schwanz zwischen die Beine und weigere mich, weiterzulaufen. Die Angst, hindurch zu fallen, werde ich wohl nie abschütteln können. An dieser Stelle hatte mich Walter immer auf den Arm genommen. Dort fühlte ich mich sicher und blickte ruhig in die Tiefe. Aber wie soll ich es Frauchen begreiflich machen? Wenn jetzt ein Hundemann käme, würde sie mich vielleicht tragen. Vor ein, zwei Jahren tat sie es noch. Sie ließ mich zu keinem, so oft ich auch winselnd darum bat. Gönnte sie es mir nicht, weil sie nie einen Mann hatte, oder wollte sie nicht, dass ich Nachwuchs bekam? Das werde ich wohl niemals erfahren. Wir kehren um, und zu Hause seufzt Frauchen: “Nun hocken wir wieder einsam in unseren vier Wänden.”

Ich lege mich auf Frauchens Schoß. Ab und zu blinzle ich, um zu sehen, ob sie beim Fernsehen einschlief. Manchmal sitzt sie gedankenversunken, krault mich und murmelt: “Weißt du noch, wie Walter dich herbrachte? Er hatte daran gedacht, dass ich mir immer einen Dackel wünschte. Du warst erst wenige Tage alt, und Mädchen hatten ihn gebeten, dich auszusetzen.”

Die Tage schleichen dahin. Seit einigen Wochen hat Frauchen für mich kaum noch Zeit. Abends geht sie ohne mich aus. Manchmal höre ich danach von ihr: “Was soll mit dir bloß werden? Warum mag er keine Tiere?” Auch an diesem Sonntag lässt sie mich allein. Ich achte kaum auf das Trommeln der Regentropfen. Das schlechte Wetter lässt Frauchen zeitiger, aber freudestrahlend wie immer in der letzten Zeit, heimkehren. Diesmal jedoch in Begleitung eines Mannes. Ich will ihn beschnuppern, denn ich muß doch wissen, was das für einer ist. Er schiebt mich mit dem Fuß beiseite, tritt ins Wohnzimmer und lässt sich in den Sessel fallen. Ich nähere mich dem Besucher erneut, der aber murrt: “Mistvieh, verschwinde.”

“Platz!” befiehlt Frauchen. Widerwillig gehorche ich. Sie stellt eine Flasche und Gläser auf den Tisch und setzt sich auf die Couch. Sofort mache ich es mir auf Frauchens Schoß bequem. Sie hat nichts dagegen und bemerkt nicht, dass ich jede Bewegung des Fremden beobachte. Er nimmt nun auch auf der Couch Platz. Ich knurre, denn meinem Frauchen darf keiner zu nahe kommen. Der Mann rückt näher heran. Leise bellend warne ich ihn.
“Schaff den Köter raus.”
“Ich weiß nicht, was Teddy heute hat. Er ist doch sonst so ein liebes Tierchen.”
Der Mann streckt den Arm aus. Bestimmt will er mein Frauchen angreifen. Das geht zu weit. Wütend beiße ich ihm in die Hand.
“Nun reicht es mir. Behalte deinen Köter. Mich siehst du nicht wieder.”
Die Wohnungstür knallt zu.
“Teddy, Teddy”, spricht Frauchen traurig.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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