Sozialistisch - kapitalistisch


Dieter Rietz     ( 2010 )


Alles verändert sich, teils zum Guten, teils zum Schlechten. Nichts bleibt unberührt. Das gilt für die Natur, die Menschen, die Politik und Wirtschaft. In meinem Leben lernte ich unterschiedliche Ansichten und Entscheidungen in Politik und Wirtschaft kennen und will auch darüber berichten.

Das Deutsche Reich verlor den Zweiten Weltkrieg und kapitulierte am 8.Mai 1945. Die Siegermächte beschlossen, Deutschland in vier Besatzungszonen aufzuteilen. Im Westen übernahmen die USA, Großbritannien und Frankreich das Kommando. Den Osten übernahm die UdSSR (Sowjetunion, auch kurz "SU" genannt). Deutschland sollte für seine Kriegshandlungen Wiedergutmachung leisten. 1944 schlug der Amerikaner Morgenthau vor, Deutschland in einen Agrarstaat zu verwandeln. Doch die USA ließen den Plan fallen.

Was in den Westzonen geschah, hörte ich manchmal im Schulunterricht, aber meistens bei den Unterhaltungen der Erwachsenen. Für eine Tageszeitung fehlte der Familie das nötige Kleingeld und das Radio als Informationsquelle hatten die Russen schnellstens eingezogen. Die Presse war selbstverständlich zensiert. Den Menschen im Westen ging es nach dem Krieg im Vergleich zu den Ostdeutschen relativ gut. Denn die USA schickten viele ihrer Produkte nach Westdeutschland, um ihren Absatz zu verbessern. 1948 wurde der Marshall-Plan in Kraft gesetzt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die Hilfe wurde auch den osteuropäischen Staaten angeboten, aber von Stalin abgelehnt. Man wollte nicht von den USA abhängig werden. Die Westmächte hatten kein Interesse an der Zerschlagung noch bestehender Industriezweige. Ihre Produkte wurden genutzt. Die Sowjetunion dachte anders. Die ostdeutschen Industriebetriebe, die irgendwie mit der Rüstung oder Wehrmacht zu tun hatten, wurden demontiert. Der Osten Deutschlands musste büßen. Es wurden zur Wiedergutmachung Reparationen gefordert. Maschinen und Anlagen wurden in die SU verbracht. Selbst die Mühlsteine aus den Mühlen traten die Reise in die SU an. Schließlich hatten die Mühlen einen Beitrag zur Ernährung der Wehrmacht geleistet. Was aus den Maschinen usw. wurde, erfuhren die Ostdeutschen nicht.

In der Ostzone muss der Kapitalismus ausgerottet und eine bessere Gesellschaftsordnung nach kommunistischem Vorbild errichtet werden. Die noch vorhandenen nicht demontierten Betriebe gehören jetzt dem Volke, befahl Genosse Stalin. Die Führung der neu gegründeten vereinigten Arbeiterpartei, der SED, stimmte freudig zu. Es gab jetzt VEB (Volkseigene Betriebe). Wer das Wort "volkseigen" falsch auslegte, indem er ihm nützliche Sachen aus dem Betrieb mitnahm nach dem Motto, ich gehöre doch zum Volk, wurde streng bestraft. Die Begründung lautete: Vergehen am gemeinschaftlichen Eigentum ist viel verwerflicher als Diebstahl von Privateigentum. So blieb es über Jahrzehnte. Auch die Deutsche Reichsbahn war Volkseigentum. Folglich war ich auch Mitbesitzer. Doch wenn ich mein Eigentum als Reisender nutzen wollte, musste ich bezahlen. Mich störte auch der Name Reichsbahn. Das Deutsche Reich war untergegangen. Die Deutsche Reichsmark und andere Sachen mit dem Beinamen Reich wurden umbenannt. Warum nicht die Deutsche Reichsbahn? Meine Fragen danach blieben unbeantwortet.

Die Westmächte entschieden sich für eine Abgrenzung ihrer Besatzungszonen von der Ostzone. Der Einfluss der SU musste eingegrenzt werden. So entstanden am 2.12.1946 die Bizone und am 8.4.1949 die Trizone. Die Westmächte wollten die territoriale Gliederung Deutschlands in ihrem Bereich aufrechterhalten, hatten keine Einwände gegen einen Zusammenschluss in einem Staat. Wirtschaftliche, kulturelle und politische Entscheidungen müssten aber bei den Ländern bleiben. Eine zentrale Befugnis darüber durfte nicht erlaubt werden, denn der Staat könnte zu mächtig werden. Am 23.5.1949 entschieden sich westdeutsche Politiker für die Annahme des von den Westmächten gebilligten Grundgesetzes. Am 7.9.1949 erfolgte die offizielle Gründung der Bundesrepublik Deutschland, der BRD und am 20.9.1949 gab Adenauer die Namen der der Minister des neuen Staates bekannt. Ein Teil Deutschlands war abgespalten. Hauptstadt der "BRD" wurde Bonn. Stalin war schockiert. Ein Gegenstück musste geschaffen werden. Die Ostzone wurde zur "Deutschen Demokratischen Republik", der "DDR". Das geschah am 7.10.49. Auf dem Territorium der DDR lag Berlin. Diese Stadt hatte auf Grund des "Potsdamer Abkommen" einen besonderen Status. Es war in vier Besatzungszonen eingeteilt und durfte nicht von der BRD verwaltet werden. Der von der SU besetzte Teil wurde ungefragt der DDR zugeschlagen und zur Hauptstadt der DDR erklärt.

Infolge des Zweiten Weltkrieges verlor die Reichsmark (RM) ihren Wert. Die USA druckten deshalb eine neue Währung für Westdeutschland. Am Sonntag, den 20.6.1948 wurde eine Währungsreform verkündet. Die westdeutschen Einwohner (vom Säugling bis zum Greis) erhielten jeder 40 Deutsche Mark (DM) als "Kopfgeld". Ab August gab es nochmals 40,-DM zum Kurs von 1:1. Schlagartig waren die Geschäfte mit Waren gefüllt. Der "Schwarzmarkt" war hinfällig. Löhne, Gehälter und Mieten wurden 1:1 getauscht. Bei Sparguthaben gab es für 10,- RM je 1,- DM. Ob Stalin nichts von den Plänen der USA wusste oder sie ignorierte, erfuhren die Ostdeutschen nicht. Um eine "Überschwemmung" der Ostzone mit den im Westen wertlos gewordenen RM-Scheinen zu verhindern, wurden am Mittwoch, den 23.6.1948 für die Ostdeutschen Reichsmark-Scheine mit aufgeklebtem Coupon ausgegeben. Es gab pro Person 70,- RM mit Coupon. Die Sparguthaben wurden wie im Westen 10:1 umbewertet. Die Mieten blieben in ihrer Höhe unverändert. Ab dem 24.7.48 wurden die RM-Scheine mit Coupon in DM-Scheine der Deutschen Notenbank umgetauscht. Diese unterschieden sich natürlich deutlich von den westdeutschen DM-Scheinen. Am Sonntag den 13.10.57 erfolgte mit der "Aktion Blitz" in der inzwischen längst gegründeten DDR vollkommen überraschend ein Schlag gegen den illegalen Handel mit der DDR-Währung. Gegen Legitimation gab es pro Person 300,- DM in neuen Scheinen. Barbeträge darüber hinaus konnten mit Anmeldung und Herkunftsnachweis auf Sonderkonten eingezahlt werden. Die "Wechselstuben" in Westdeutschland und Westberlin hatten dadurch an Stelle von "Ost-Mark" nur noch Altpapier. Mit Wirkung vom 1.8.64 lautete die Währungsbezeichnung in der DDR nicht mehr DM, sondern "Mark der DDR".

Die politischen Fronten verhärteten sich, denn in Westberlin war zuvor die westdeutsche Währung eingeführt. Die SU beschloss deshalb, am 24.6.48 sämtliche Verbindungswege auf dem Lande nach den Westsektoren Berlins zu sperren. Lediglich die Alliierten durften auf kontrollierten vorgeschriebenen Straßen dort hin. Westberlin war damit praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Reisen von Westbürgern waren nur auf dem Luftweg möglich. Die Flugzeuge durften eine bestimmte Flughöhe (3000 Meter) nicht überschreiten. Dadurch sollte eine mögliche Luftspionage eingegrenzt werden. Der Luftraum von und nach Westberlin wurde von der Alliierten Luftsicherheitszentrale mit Sitz in Berlin-Schöneberg (amerikanischer Sektor) überwacht. Es gab Luftkorridore von Hamburg, Hannover und Frankfurt/Main. Die Breite der Luftkorridore betrug 23 km. Nach Aufhebung der Blockade am 12.5.49 durften die Westberliner in die BRD und umgekehrt die Westdeutschen nach Westberlin auf dem Landweg reisen. Aber nur auf zugelassenen Transitwegen über bestimmte Grenzkontrollpassierpunkte. Um ein Aushungern der Westberliner Bevölkerung zu verhindern, wurde die so genannte "Luftbrücke" von den Briten und Amerikanern geschaffen. Westberlin wurde also auf dem Luftweg versorgt. Die Ostdeutschen dagegen konnten zu jeder Zeit in alle Teile Berlins reisen. Sie brauchten sich nur einer Ausweiskontrolle zur Identitätsprüfung unterziehen. Gelegentlich wurden stichprobenartige Zollkontrollen durchgeführt um einen illegalen Handel zu unterbinden. In Westberlin konnte man in so genannten "Wechselstuben" zu einem horrenden illegalen Kurs Ost-Geld in West-Geld und umgekehrt tauschen. Dieser Kurs schwankte zwischen 2 : 1 und 10 : 1, Ost : West. Aus dem Grunde musste man den Personalausweis vorlegen, wenn man hochwertige optische Geräte oder dergleichen in der DDR erwerben wollte. Einige Ost-Berliner nutzten diese Situation, um in Westberlin arbeiten zu gehen. Sie bekamen einen Teil ihres Lohns in D-Mark ausgezahlt und den Rest in Ostgeld. Umgekehrt gab es Pendler von Westberlin nach Ostberlin und in die Berliner Randgebiete. Diese konnten ihren Ostlohn 1:1 in der Lohnausgleichskasse in Westberlin bis zur Höhe von 900,- Ostmark umtauschen. Diese Einrichtung wurde nach der Währungsreform 1949 geschaffen. Das war bis zum 12. August 1961 möglich. Die politische Lage entspannte sich im Laufe der Jahre von einigen Krisen abgesehen. Ab 1971 durften Westberliner Bürger erstmals wieder in die DDR einreisen. Diese Besuche wurden natürlich vom "Ministerium für Staatssicherheit" der DDR strengstens überwacht. Für DDR-Bürger gab es ab dem 17.10.1972 wesentlich mehr Möglichkeiten zu privaten Anlässen Verwandte im NSW (nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet) zu besuchen. Die Genehmigungen dafür wurden teilweise willkürlich getroffen. Die Reiseerlaubnis war eben eine "Kann-Bestimmung". Das heißt, vieles kann, aber nichts muss. Ich erlebte es direkt. Meine Schwester hatte im Januar 1953 die DDR illegal verlassen und kam über die BRD nach Schweden. Dort lernte sie ihren zukünftigen Gatten kennen. Am 19.2.1956 heirateten sie. Rechtzeitig vor der Silberhochzeit sandten sie eine offiziell bestätigte Eheurkunde. Ich ließ sie vom staatlich festgelegten Übersetzungsdienst ins Deutsche übersetzen und schickte je eine Übersetzung meinen Brüdern im Bezirk Schwerin. Die von Schweden verlangte Verpflichtung, uns in die DDR zurück zu schicken und für alle in Schweden entstehenden Kosten aufzukommen, hatte uns die Schwester in Deutsch geschickt für die Einreichung des schwedischen Einreisevisums. Meine Brüder reichten ihre Reiseanträge in ihrem Heimatkreis ein und ich meine in Pirna. Erwartungsvoll begab ich mich am vorgegebenen Termin zum Volkspolizeikreisamt und bekam zu hören: "Ihr Reiseantrag ist abgelehnt. Warum, darf und kann ich Ihnen nicht sagen. Gegen Sie liegt nichts vor. Hätten Sie etwas auf dem Kerbholz, würde ich es Ihnen unter die Nase reiben. Aber es wurde so entschieden. Sie können sich beschweren, aber das landet wieder hier." Meine Brüder erhielten nacheinander die Reiseerlaubnis und fuhren gemeinsam zur Feier. Großzügiger entschied man bei Dienstreisen. Diese Reisemöglichkeit wurde von einigen zur "Republikflucht" ausgenutzt.

Doch weiter zur wirtschaftlichen Situation im Osten. Nicht alle Betriebe wurden verstaatlicht. Einige kleinere Fabriken produzierten im Rahmen ihrer Möglichkeiten vor allem Konsumgüter. Die staatliche Kontrolle fehlte. Die DDR-Behörden griffen 1956 ein und verleiteten die Fabrikbesitzer zur Annahme einer staatlichen Beteiligung. Als Anreiz dienten vor allem steuerliche Vergünstigungen. Der Staat brachte sich mit Kapitalbeteiligungen, günstigen Krediten und anderen Fördermaßnahmen ein. Die Fabrikbesitzer behielten ihre leitende Funktion. 1972 wurde beschlossen, die halbstaatlichen Betriebe in Volkseigentum umzuwandeln. Eine Enteignung war gesetzlich unmöglich. Deshalb nötigte man die Besitzer ihre Betriebsanteile an den Staat zu verkaufen. Das Entgelt dafür kam auf ein Sperrkonto und war nicht frei verfügbar. Es durfte nur ein festgelegter Betrag pro Jahr davon verbraucht werden. Eine Vererbung des Guthabens wurde gesetzlich ausgeschlossen. Es durfte auch nicht verschenkt werden. Die "gut gesinnten" Besitzer durften dann als Werkleiter fungieren und bekamen ein festgelegtes Gehalt. Da konnte es passieren, dass ein Werkleiter zu seiner Sekretärin sagte: "Können Sie mir raten, wie ich mit 2000 Mark Gehalt im Monat zurecht kommen soll? Früher nahm ich von meinen Einnahmen was ich brauchte. Aber das ist jetzt vorbei. Sie bekommen nur 700 Mark monatlich und kommen damit aus. Wie ist das möglich?"

In der Ostzone wurden im Rahmen der Bodenreform 1945 die Großbauernhöfe und Rittergüter aufgelöst. Ackerland, Wiesen und Waldgrundstücke wurden aufgeteilt und an Umsiedler sowie Landarbeiter als Eigentum vergeben. Dieser Besitz war in der Familie vererbbar, aber nicht verkaufbar. Die neuen Besitzer wirtschafteten so gut oder schlecht wie sie konnten oder wollten. Jahre später erhielten sie technische Hilfe durch Maschinen-Ausleihstationen (kurz MAS genannt). In der Haupterntezeit kam Hilfe durch ältere Schulkinder, die sich in ihren Ferien ein wenig Geld verdienen wollten. Teilweise gab es auch organisierte Ernteeinsätze ohne Bezahlung. Anfang der fünfziger Jahre kamen Partei- und Staatsführung auf die Idee, auch auf dem Lande nach sowjetischem Vorbild sozialistische Verhältnisse zu schaffen. Es sollten "Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften" (LPG) gegründet werden. Die landwirtschaftlichen Einzelbetriebe sollten zusammengelegt und gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Es ging nur sehr schleppend voran. Die Meinungen dazu reichten von Gängelei und Unfreiheit bis erneute Enteignung. Nur wenige Parteigenossen und "faule" Bauern waren sofort dazu bereit. Im Frühjahr 1960 organisierte die Partei die "Aktion sozialistischer Frühling auf dem Lande". Im Herbst sollten alle Bauern LPG-Mitglieder sein. Zahlreiche Agitatoren der SED-Kreisleitungen sorgten für die Durchsetzung der Maßnahme. Die Dorfbürgermeister wurden belehrt, dass die Bauern, die nicht in die LPG eintreten, als Klassenfeind zu betrachten und entsprechend zu behandeln seien. So siegte der Sozialismus in der Landwirtschaft der DDR.

Das genossenschaftliche Eigentum der LPG, das Volkseigentum der VEB und das genossenschaftliche Eigentum der PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) sollten nun eine solide Grundlage für den Aufbau des Sozialismus bilden. Auch die Intelligenz hatte ihren Beitrag zu bringen. Forschungsgemeinschaften sollten das Einzelwissen potenzieren. Der allgemeine "Schlachtruf" der Partei lautete: "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!" Böse Menschen machten hinter vorgehaltener Hand aus dem siegen, siechen. Einige sagten auch statt: Der Sozialismus siegt, der Sozialismus siecht - so langsam dahin. In jedem Jahr praktizierte irgendein Neuerer in der SU eine neue Arbeitsmethode, um die Arbeitsproduktivität zu steigern. Diese Methode wurde nach dem Neuerer benannt und in den meisten Fällen von der DDR-Wirtschaftsführung modifiziert übernommen. Die Aktionen gerieten in Vergessenheit, wenn sich der erhoffte Erfolg nicht einstellte. Die so genannte "Bassow-Methode" hielt sich recht lange in den Köpfen der Werktätigen. Allerdings in der abgewandelten Form: "Bass off, das du den Feierabend nicht verpasst".

1964 lernte ich durch einen Arbeitskollegen eine Ungarin kennen. Nach Briefwechsel und persönlichen Besuchsreisen entschieden wir uns im Dezember 1966 zur Eheschließung in Ungarn. Ich erkundigte mich im Januar 1967 im Standesamt meines Wohnortes nach den erforderlichen Unterlagen und erfuhr, ein polizeiliches Führungszeugnis anzufordern und von der DDR-Botschaft in Budapest weitere Hinweise zu erbitten. Einige Wochen später forderte mich jemand vom Rat des Kreises auf, einen Fragebogen auszufüllen und den Heiratstermin zu nennen. Nach meiner Arbeitsstelle wurde ich nicht gefragt. Wochen vergingen. Nichts geschah. Mit dem Parteisekretär, ich war SED-Mitglied, fuhr ich zur Parteileitung. Ergebnislos. Dann zum Rat des Kreises. Dort hieß es: "Es fehlen noch Unterlagen. Ihr hängt auch darin." Weitere Wochen verstrichen und die Kaderleiterin eines Nachbarbetriebes fragte in meinem Betrieb nach einem Dieter Ullrich, der eine Ungarin heiraten wolle. Meine Kaderleiterin wusste von meiner Absicht, füllte die geforderten Angaben aus und schickte mich zur Übergabe an den Rat des Kreises. Zwei Tage später teilte mir eine Frau mit, sie hätte jetzt alles, müsse aber noch die Zustimmung der SED-Bezirksleitung einholen. Wenn ich für sie ein Fahrzeug organisieren würde, ginge alles klar. Ein Kollege von mir übernahm die Fahrten und Stunden später hatte ich die offizielle Genehmigung für die Eheschließung im Ausland. Die Übersetzung ins Ungarische bereitete keine Probleme. Etwa ein dreiviertel Jahr verstrich und meine Gattin konnte in die DDR übersiedeln. Der Kampf um Zuweisung einer Wohnung begann. Wir bewohnten nur zwei kleine Zimmer als Untermieter. Der häufige Gang zum "Wohnungsamt" blieb nutzlos. Man sagte mir, dass der Rat des Kreises Wohnungen übergibt, die durch genehmigte Übersiedlung in die BRD frei werden, an DDR-Bürger, die einen ausländischen Ehepartner haben. Dafür war ein Antrag erforderlich. Die Vergabe der Wohnungen erfolgte unabhängig vom Eheschließungstermin durch eine Kommission. Zufällig erfuhr ich, dass der Sohn eines Arztes der Kreisstadt später als ich eine Ungarin ehelichte und eine Wohnung bekam, obwohl sein Vater eine Villa besitzt. Ich beschwerte mich und bekam zur Antwort: "Das entscheidet die Kommission." Ich war "sauer" und erklärte meinen Austritt aus der Partei. Im Frühjahr 1969 wurde ich Vater und ein Vierteljahr später bekamen wir eine Wohnung.

Die Arbeiter in der BRD blieben von solchen Aktionen verschont. Sie wurden auch nicht laufend darüber aufgeklärt, dass sie ausgebeutet wurden. Höhere Löhne und kürzere Wochenarbeitszeiten als in der DDR stellten sie zufrieden. Der Staat und die Parteien halten sich offiziell aus der Wirtschaft raus, achten aber darauf, dass am System nichts geändert wird. Die Interessenvertretung der Arbeiter und Angestellten obliegt den unabhängigen Gewerkschaften. Wer arbeitslos wird, hat nach öffentlicher Auffassung in den meisten Fällen selbst Schuld. Gründe dafür können mangelnde Qualifikation, mangelnde Leistungsfähigkeit oder Faulheit sein. Oft führen auch Modernisierungsmaßnamen zur Entlassung.

In der DDR dagegen brauchte keiner befürchten, arbeitslos zu werden. Jeder hatte Beschäftigung, egal ob sie nützlich oder sinnlos war. Die Werktätigen wurden auch nicht ausgebeutet wie im Kapitalismus, denn sie arbeiteten ja in ihren eigenen Betrieben um ihren Beitrag für den Aufbau des vollendeten Sozialismus zu leisten. Für Vollbeschäftigung sorgte die krisenfreie Planwirtschaft. Wenn der Plan nicht erfüllt wurde, lag es an objektiven Schwierigkeiten und die vorher gestellten Aufgaben wurden nach unten korrigiert. Dass dadurch vieles auf dem Markt fehlte, merkten fast nur die unteren Bevölkerungsschichten. Es war üblich, nach "oben" und nach "unten" zu lügen, um nicht an Ansehen zu verlieren. Auch Arbeitsbummelei wurde lange Zeit geduldet. Die Schuld dafür suchte man bei den Vorgesetzten. Sie hatten nicht genügend für die Durchsetzung der "sozialistischen Arbeitsmoral" getan. Unerfüllte Pläne und Devisenmangel führten auch zu empfindlichen Versorgungslücken. Da war es nicht verwunderlich, wenn einige Arbeitsplätze verwaist waren, wenn es Sonderangebote gab. Ein Schnäppchen zu machen ist doch nicht verwerflich. In den Industriewarengeschäften gab es viele Ausstellungsstücke. In den meisten Fällen stand jedoch "Beratungsmuster" daran. Sie waren also nicht für den direkten Verkauf. Fragte man nach einem Liefertermin, kam die lapidare Antwort: "Sie können immer wieder nachfragen. Bestellungen nehmen wir nicht an, denn wir wissen nicht wann und wiviel wir bekommen." Manchmal halfen "Beziehungen" nach dem Motto, eine Hand wäscht die andere. Bei PKWs gab es Wartezeiten von bis zu 13 Jahren. Wer Glück hatte, gehörte zum Personenkreis mit Sonderversorgung. Dazu zählten z.B. Ärzte und gesellschaftlich besonders aktive Bürger. Die Preise lagen im Vergleich zur BRD wesentlich höher. Dagegen waren die Preise für Lebensmittel, Fahrtkosten und Waren des täglichen Bedarfs sowie die Eintrittsgelder für kulturelle Zwecke sehr niedrig. Diese Preise wurden staatlich gestützt. Auch die Erholung kam nicht zu kurz. Für das Inland bot der FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) kostenlose oder sehr billige Ferienplätze mit Vollpension in alle Gegenden an. Bei Auslandsreisen war die Auswahl nach dem Bau des "antifaschistischen Schutzwalls" (Berliner Mauer) auf das sozialistische Ausland begrenzt. Vorher waren Reisen in alle Welt möglich. Eine dreiwöchige Mittelmeerkreuzfahrt kostete komplett inklusive Taschengeld je nach Kabinenkategorie zwischen 1350,- und 2500,- DDR-Mark. Man muss leider sagen, es war einmal. Rentner durften zu Verwandtenbesuchen weiter in das NSW fahren. Das sparte für die DDR die Versorgungskosten und brachte manchmal noch Devisen ein. Für diese konnte man in den Intershopgeschäften einkaufen. Für wohlhabende DDR-Bürger ohne Westverwandschaft gab es die Exquisit-Geschäfte. Hier gab es auch westliche und andere sehr hochwertige Waren zum überdurchschnittlichen Preis. Diese Geschäfte dienten auch der Kaufkraftabschöpfung.

Die Bevölkerung wurde immer unzufriedener mit den gegebenen Umständen. Etliche Bürger nutzten Urlaubsreisen nach Ungarn und in die CSSR (Abkürzung für: Tschechoslowakische Sozialistische Republik), um von dort aus in die BRD zu gelangen. In Leipzig kam es Anfang September 1989 nach einem "Friedensgebet" in der Nicolai-Kirche zur ersten Montagsdemonstration. Diese, sowie weitere derartige Veranstaltungen wurden gewaltsam aufgelöst. Die Aktionen weiteten sich auf die gesamte Republik aus und wurden letztendlich "zähneknirschend" hingenommen. Die Kirche wirkte sehr aktiv mit ihren "Friedensgebeten". Erich Honecker trat von seinen Posten zurück. Auf einer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 wurde von Günter Schabowski, dem damaligen Sprecher des SED-Politbüros, der Beschluss über die Reisefreiheit für alle DDR-Bürger verkündet. Ich persönlich frage mich nur, welchen Anteil hat der so genannte "Kanzler der Einheit" an diesem Politbürobeschluss??? Partei und Regierung verloren die Macht. Neue Kräfte setzten sich ans Ruder. Der Sozialismus war dahingesiecht. Am "Runden Tisch" erörterten Vertreter des Volkes über notwendige Veränderungen in Wirtschaft und Politik.

Die Regierungen der beiden deutschen Staaten vereinbarten mit Zustimmung der Siegermächte den Anschluss der wieder gebildeten ostdeutschen Länder an die BRD. Die Sowjetarmee zog sich in ihre Heimat zurück. Die Amerikaner und Briten blieben. Wollen sie das neue Deutschland schützen? Gegen wen? Keiner sagt es mir.

In den ostdeutschen, neuen Bundesländern ist nun vieles wie in den "Altbundesländern". Es gibt genügend Autos, die Geschäfte sind voll und Arbeitslose gibt es sogar mehr als in den westlichen Bundesländern. Einen großen Anteil an der Misere hat die Treuhandgesellschaft. Sie verscherbelte lukrative Betriebe für wenig Geld und schloss andere nicht so rentabel arbeitende. Dadurch wurde teilweise auch unliebsame Konkurrenz ausgeschaltet. Helmut Kohl hielt sein den Ostdeutschen gegebenes Wahlversprechen von den blühenden Landschaften im Osten. Ein gutes Beispiel dafür ist meine Heimatstadt. Dort, wo früher tausende Menschen ihrer täglichen Arbeit in den Großbetrieben nachgingen, blüht jetzt das Unkraut. Wie zu DDR-Zeiten verlassen immer mehr Menschen ihre alte Heimat. Früher wollten sie in die Freiheit. Heute wollen sie arbeiten, um sich etwas leisten zu können. Wer mit den Anforderungen nicht mithalten kann, landet im sozialen Abseits. Auch das gehört zur viel gepriesenen Freiheit.

Infolge einer erneuten Augenerkrankung verschlechterte sich mein Sehvermögen 1985 erheblich. Trotzdem konnte ich meine Tätigkeit "Verantwortlicher für Artikelkatalogisierung ( ZAK) im Kombinat Zellstoff und Papierfabriken und die Bearbeitung der Erzeugnis und Nomenklatur (ELN) fortführen. Durch die Wende und die erheblichen Veränderungen in der DDR-Wirtschaft entfielen für mich die Arbeitsaufgaben. Die ZAK-Nummer wurde durch den Strich-Code und die ELN-Nummerierung durch die bundesdeutsche Schlüsselsystematik ersetzt. Meine Arbeitsstelle, das Forschungszentrum für Zellstoff und Papier wurde zu erheblichen Entlassungen gezwungen. Wer 55 Jahre oder älter war, musste in den "Vorruhestand" gehen. Unter Beachtung der komplizierten Situation leitete der Augenarzt 1990 meine Invalidisierung ein. Die Sozialversicherung der DDR berechnete auf der Basis meines Verdienstes eine Invalidenrente. Sie beachtete die bei mir fehlenden 12 Arbeitsjahre bis zum 65.Geburtstag als Zusatzjahre. Bei der Umwandlung der Invaliden- in eine Erwerbsunfähigkeits-Rente teilte man mir mit, Zurechnungsjahre gäbe es nur bis zum 55.Lebensjahr. Ich beschwerte mich bei der Versicherungsanstalt und erfuhr dort von dem aus der BRD eingesetzten Mitarbeiter: "Im Westen ist es so, warum soll es im Osten anders sein?" 10 Lebensjahre wurden für mich gelöscht.

Ich könnte noch vieles über sozialistisch., kapitalistisch. berichten, doch ich will hier enden und verbleibe mit der in der DDR üblichen öffentlichen Grußformel: "Mit sozialistischem Gruß!"

(c) Dieter Rietz / Pirna


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