Sensationelle Erfindung


Dieter Rietz     ( 2003 )


Einige Menschen sehnen sich nach dem ewigen Leben. Andere wollen steinalt werden. Auch ich möchte lange leben, aber ohne zu altern. In Märchen wird von Jungbrunnen erzählt. Wer darin badet, wird wieder jung. Doch Wissenschaft und Technik erreichten inzwischen ein so hohes Niveau, dass es möglich sein könnte, ein Verjüngungsmittel zu produzieren.

Der Gedanke daran ließ mir keine Ruhe. Deshalb wälzte ich Biologie- und Chemiebücher und begann zu experimentieren. Eine Jungmacherpille wollte ich entwickeln. Meine erste Erfindung gab ich Mäusen zu fressen. Aber sie erkrankten und starben schneller als erwartet. Nachdem ich die Rezepturen geändert hatte, stellte sich Erfolg ein. Schon ergraute Mäuse und Ratten nahmen nach Verzehr der Droge Aussehen und Temperament ihrer Artgenossen, die nur halb so alt waren, an. Nachdem die Versuchstiere wieder gealtert waren, verabreichte ich ihnen erneut eine Pille und sie verjüngten sich abermals. Dieses Experiment wiederholte ich mehrfach und stellte dabei fest, dass sie fünf Generationen ihrer Art, die keine Wunderdroge bekamen, überlebten. Bei jungen Tieren zeigte sich keine Reaktion. Daraus folgerte ich, dass diese Pille nur Menschen, die fünfzig Jahre oder älter sind, nutzen würde. Durch Einnahme der Droge könnte ich also wieder dreißig oder fünfunddreißig werden.

Mir war klar, dieses Präparat ist eine Sensation auf dem Gebiet der Alternsforschung und die Pharmaindustrie wird sich darauf stürzen. Meine Urheberrechte müsste ich patentrechtlich schützen lassen. Durch den Verkauf der Pille würde ich steinreich werden. Ob die Krankenkassen die Kosten für diese Arznei übernehmen würden, oder ob die Interessierten sie selbst bezahlen müssten, wäre mir egal. Auch der Verkaufspreis interessierte mich nicht.

Doch dann kamen mir Bedenken. In Deutschland gibt es zurzeit Millionen Arbeitslose und durch die Einnahme der Pille würden viele der jetzigen Rentner wieder Arbeitsuchende und die Zahl der Arbeitslosen stiege schlagartig auf über zwanzig Millionen und wüchse weiter an. Könnte ich das verantworten?

Außerdem war ich mir nicht sicher, ob durch die Verjüngung dauerhafte Gesundheitsschäden aufgehoben würden. Ich vermutete es, war mir aber, wie gesagt, nicht sicher. Wenn die Droge in dieser Hinsicht unwirksam blieb, würden die Krankenkassen und die Pflegeversicherung in ein finanzielles Chaos stürzen. Könnte ich das verantworten?

Durch weitere Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass auf der Erde die bereits bestehende Überbevölkerung explosionsartig anwachsen würde, denn einerseits stürben viel weniger Menschen, andererseits würden die Verjüngten nochmals Nachwuchs bekommen. Wie sollten die Massen ernährt werden? Eine weltweite Hungersnot entstünde. Könnte ich das verantworten?

Ein weiteres Problem wäre die Schaffung von Wohnraum für die Menschenmassen. Die Bau- und die Zulieferindustrie könnten die Anforderungen erfüllen, aber die Erde müsste mit Wolkenkratzern zugebaut werden und die Entsorgung der Zivisilationsrückstände wäre kaum zu bewältigen. Könnte ich das verantworten?

Mein Gewissen sagte immer nein. Deshalb pfiff ich auf Sensation, Ruhm und Reichtum, vernichtete alle meine Forschungsaufzeichnungen und verzichtete auch auf die Einnahme der Wunderdroge. Ich bleibe also ein alternder Mensch.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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