Sehbehinderungen


Dieter Rietz     ( 2009 )


Es gibt unterschiedlichste Arten und Grade von Sehbehinderungen und -schädigungen. Was ich über sie weiß, hörte, las oder selber wahrnahm, möchte ich darlegen. Den Sehenden möchte ich einen Einblick in die Problematik geben, und hoffe, dass es auch für die Hörerinnen und Hörer der “Kultur und Freizeit” von Interesse ist.

Der höchste Grad der Sehbehinderung ist die vollkommene Blindheit. Manche Vollblinde sehen ein völlig gleichmäßiges Grau, egal wie hell, dunkel oder bunt es um sie herum ist. Für andere ist alles absolut schwarz. Einige Personen erblindeten durch Krankheit oder Unfall, andere sind von Geburt an blind. Geburtsblinde kennen keine Farben, können sie sich auch nicht vorstellen. Aber sie müssen sie sich als Begriff einprägen, um sie bei der farblichen Zusammenstellung ihrer Kleidung zu berücksichtigen. Der Geburtsblinde lernt auch das farbliche Aussehen der Natur und von Gegenständen. Mit einem Farberkennungsgerät kann er und jeder andere Blinde ohne die Hilfe Sehender die Farben und ihre Abstufungen der jeweiligen Stücke feststellen. Vermutlich nutzen den Geburtsblinden keine konkreten Zahlenangaben über die Breite eines Flusses, Tiefe einer Schlucht, Höhe eines Turmes oder Berges und ähnliches. Doch sie können 1m abfühlen, sich 10m oder 100m Länge einprägen. Von der Höhe eines Hauses bekommen sie eine Vorstellung, wenn sie die Anzahl der Stufen zählen, die sie steigen mussten. Bei Benutzung eines Fahrstuhls fehlt diese Information. Hält der Fahrstuhl im Gebäude in jeder Etage, lässt sich die Gesamthöhe ungefähr bestimmen, denn der Höhenunterschied von einer Etage zur nächsten beträgt etwa 3m. Aber in Fernsehtürmen und bei Schnellaufzügen klappt es nicht. Die Breite einer Straße oder Länge einer Brücke lässt sich durch zählen der Schritte feststellen. Somit wird die Schrittzahl zur Maßeinheit für die Betroffenen. Die Höhe eines Raumes oder Tunnels schätzen die Geburtsblinden nach der Stärke des Schalls ihrer Schritte ein. Sie nutzen das Echo auch für die Orientierung im Freien, indem sie mit dem Fuß kräftig aufstampfen. Doch wenn Schnee unter ihren Füßen liegt, bekommen sie erhebliche Probleme. Bauweisen von Gebäuden oder Gebirgsformen sowie Landschaftsreliefs lassen sich durch Abtasten von Modellen erkennen. Weil sie Gefahrenstellen nie sahen, bleiben den Geburtsblinden diese als mögliche Unfallquelle verborgen. Auf Grund der fehlenden Erfahrung kennen sie in dieser Beziehung leider, oder zum Glück, kein Angstgefühl. Ich erlebte es 1979. Meine Frau brachte aus Karl-Marx-Stadt, wo sie nach ihrer Erblindung zur Umschulung war, an einem Wochenende eine geburtsblinde Klassenkameradin mit heim. Wir gingen auf einem uns bekannten Waldweg in der Sächsischen Schweiz spazieren. Rechts stieg der Berg steil an und links ging es mehr als 10m hinab. Unsere Kinder, siebeneinhalb und zehn Jahre alt, liefen fröhlich ausgelassen vor uns her. Meine Frau rief ihnen mehrfach zu, sie sollten warten. Sie befürchtete nämlich, die Kinder könnten aus Unachtsamkeit den Hang hinabstürzen. Unser Gast fragte verwundert, warum die Kinder stehen bleiben sollten. Im Allgemeinen sind Gehör- und Tastsinn der Geburtsblinden gut ausgeprägt, so dass sie in der Lage sind, sich in gewohnter Umgebung gut zu orientieren. Punktschrift lesen und schreiben fällt den Geburtsblinden leicht, weil sie damit aufgewachsen sind. Das Punktschriftlesen unterscheidet sich jedoch grundsätzlich vom visuellen Lesen, weil der Überblick über größere Textabschnitte fehlt. Dadurch ergeben sich für Späterblindete Schwierigkeiten beim Punktschriftlesen.

Über einen sehr alten Blinden hörte ich, er hätte auf die Frage, was er sich wünsche, wenn er noch einmal auf die Welt käme geantwortet, er möchte so lange Arme haben, dass er den Mond und die Sterne abtasten könne. Die Sonne wollte er nicht berühren, da er wusste, dass sie heiß ist. Den Wunsch Sehvermögen zu haben, äußerte er nicht. Das war für ihn bedeutungslos. Vor Jahrzehnten zeigte das ungarische Fernsehprogramm eine etwa 25jährige Frau, bei der es durch Operation gelang, dass sie sehend wurde. Man legte ihr Obst und Gemüse vor und bat sie, zu sagen, was sie sehe. Es war ihr nicht möglich. Erst als sie die Stücke in die Hand nahm und abtastete, erkannte sie alles. Für einen Sehenden wäre es kein Problem, da ihm ihr Aussehen bekannt ist.

Für die Späterblindeten ist es ein sehr großer Vorteil, Farben und das Aussehen von Bauwerken und Landschaften zu kennen. Gute Bild- und Naturbeschreibungen genießen sie. Punktschrift zu lesen, fällt ihnen allgemein schwer. Für das Vorlesen gedruckter Schrift gibt es für die Blinden technische Geräte. Die Buchstaben werden durch Texterkennungssoftware erfasst und der Text wird dann durch eine synthetische Stimme vorgelesen. Die Software ist allerdings immer auf eine bestimmte Sprache eingestellt, so dass andere Sprachen nicht erkannt werden. Handgeschriebenes bleibt für sie unlesbar. Audiodeskription bei Spielfilmen erleichtert im Fernsehen das Verfolgen des Geschehens und Hörbücher bieten den Zugang zur Literatur. Mit Hilfe Sehender treiben Blinde Sport, fahren sogar Auto. Aber das ist nur bei organisierten Veranstaltungen auf besonders gesicherten Plätzen möglich, wobei stets ein Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz mitfährt. Einige versuchen zu fotografieren. Doch das ist meines Erachtens unsinnig, denn die Blinden können absolut nicht einschätzen, was auf dem Foto zu sehen sein würde. Verwerflich finde ich, dass eine blinde Frau in einer Fernsehshow demonstrieren wollte, durch Abtasten die Farbe von Textilien zu erkennen. Den Zuschauern sollte suggeriert werden, für Blinde ist alles möglich, wenn sie es wollen und sich richtig Mühe geben.

Über Taubblinde weiß ich kaum etwas. Für die Orientierung können sie nur Geruchs- und Tastsinn nutzen. Im Taubblindenheim “Storchennest Radeberg” ist im Freien an schräg aneinander gefügten Holzbalken eine Glocke aufgehängt. Wird sie geläutet, spüren es die Taubblinden an der Vibration der Balken. Vibrationssignale werden auch bei Fußgängerampeln angewendet. Sie sind aber im Gegensatz zu den mit Tonsignal ausgerüsteten Ampeln sehr selten und erfordern eine eindeutige Kenntnis ihres Standortes. Vibration wird auch bei Armbanduhren für Taubblinde genutzt. Der Preis ist jedoch sehr hoch. Deshalb verwenden sie lieber Uhren, bei denen sich die Zeigerstellung abtasten lässt. Für die Kommunikation mit anderen Personen nutzen die Taubblinden die “Lormsprache”. Bei ihr ist einer bestimmten Stelle an jedem Finger und der Handinnenseite jeweils ein Buchstabe des Alphabets zugeordnet. Der Taubblinde muss sich also die Worte zusammensetzen, indem er den Buchstaben der jeweils berührten Stelle registriert. Buchstabenkombinationen oder Kürzel werden im Allgemeinen nicht angewendet. Die von Hieronymus Lorm entwickelte Sprache ist zwar für den Laien sehr kompliziert, aber die einzige direkte Verständigungsmöglichkeit für die Betroffenen. Sicherlich wenden die Taubblinden auch die Braille-Schrift an. Dadurch können sie auch E-Mails empfangen und versenden. Spezielle Handys mit Mini-Brail-Zeile ermöglichen ihnen die Kommunikation per SMS. Damit sind sie räumlich flexibler. Telefonate der Taubblinden erfordern unbedingt die Anwesenheit einer Person, die die Lormsprache beherrscht.

Außer den absolut Blinden, für die alles in undurchdringliche Dunkelheit gehüllt ist, gibt es die praktisch Blinden. Sie haben noch ein äußerst geringes Sehvermögen, das in unterschiedlichster Form erscheinen kann. Einige nehmen nur noch Licht und Schatten oder die Umwelt schemenhaft wahr, bei anderen liegt eine erhebliche Gesichtsfeldeinschränkung vor. Sie erkennen Personen, Gegenstände und Natur erst, wenn ihr Blick direkt darauf gerichtet ist. Menschen mit Tunnelblick sehen alles deutlich scharf, aber nur wie durch eine Röhre. Alles andere bleibt für sie im Dunkel. Personen werden sozialrechtlich als blind anerkannt, wenn ihr Visus (die Sehschärfe) höchstens 2 Prozent beziehungsweise das Gesichtsfeld maximal 5 Grad beträgt.

Fehlentwicklungen des Auges führen zur Sehbehinderung. Es gibt angeborene Sehschwäche, die auf Kurzsichtigkeit zurückzuführen ist und sehr gute Lichtverhältnisse erfordert. Kurzsichtigkeit lässt sich weitgehend, aber nicht generell durch eine Brille beziehungsweise Kontaktlinsen korrigieren, so dass das Sehvermögen dem des Normalsichtigen entspricht. Bei Netzhautschädigung oder anderen Schäden des Auges lässt sich die Kurzsichtigkeit nicht beheben. Weitsichtigkeit kann angeboren sein. Bei ihr braucht man Plusgläser auch für die Ferne, bei Altersweitsichtigkeit ist eine Brille nur für die Nähe erforderlich. Eine Korrektur der Sehbehinderung ist durch das Tragen einer Brille möglich. Das Schielen ist auch eine Form der Sehbehinderung, kann jedoch operativ behoben werden. Doch darüber könnte sich ein Mediziner konkreter äußern. Bei der im Volksmund als Farbblindheit bezeichneten Störung des Sehvermögens liegt eine Rot-Grün-Schwäche vor. Die Farben rot und grün werden nicht erkannt. Die Betroffenen wissen jedoch, wenn bei der Ampel die untere Lampe leuchtet oder ein gehendes Männchen zu sehen ist, dass dann grünes Licht ist. Fußgängerampeln mit Tonsignal sind auf jeden Fall für alle Sehbehinderten am günstigsten. Personen mit Rot-Grün-Schwäche fällt es auch schwer, Mischfarben, wie violett oder braun eindeutig zu erkennen. Wie sie die Natur wahrnehmen, ist mir nicht bekannt. Unter extremer Farbschwäche Leidende sehen alles scharf, aber nur in Grautönen, die von weiß bis schwarz abgestuft sind. Trotzdem können sie farbige Bilder und Zeichnungen schaffen, wenn Normalsichtige ihnen das farbliche Aussehen des zu malenden beschreiben und ihnen die Farbstifte oder Tuschen entsprechend auswählen.

Jede Behinderung, egal in welcher Form und Stärke sie vorliegt, ist unangenehm. Das trifft auch zu bei Abnahme des Sehvermögens bis hin zur völligen Erblindung. Obwohl es schwer fällt, sich mit der Tatsache abzufinden, ist es angebracht, diese zu akzeptieren. Wer mit seinem Schicksal hadert, nimmt eine erhebliche seelische und nervliche Belastung auf sich, was zu weiteren gesundheitlichen Schädigungen führen kann. Die Nutzung der verbliebenen Sinne sowie Ausschöpfung der Möglichkeiten und Fähigkeiten erfüllen die Betroffenen mit Freude und Genugtuung, wodurch sie ihr Los leichter ertragen.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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