Schwarzbuntes


Dieter Rietz     ( 2002 )


Die Skatspieler hatten an diesem Vormittag schon einige Runden hinter sich, als der Kuckuck der Schwarzwälder Uhr zehnmal rief. Während Felix schwarzen Tee und Gustav Kaffee schwarz, schwarz wie die Nacht, tranken, schlürfte der dritte Mann Schwarzbier. Dazu aßen sie Schwarzbrot mit Weißkäse. Felix spendierte eine Flasche “Schwarzer Kater”. Den stellte er selber her, in dem er schwarze Johannisbeeren mit reinem Alkohol übergoss. Gustav stöhnte, er habe heute einen schwarzen Tag, obwohl es nicht einmal ein “Schwarzer Freitag” sei. Er möchte sich fast schwarz ärgern, denn sie ließen ihm nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln. Damit hätte er ins Schwarze getroffen, schmunzelte Felix. Bereits zweimal hatte er Schneider, schwarz, angesagt und gewonnen. Dann sagte er zu Gustav, er möchte es ihm schwarz auf weiß geben, dass er an diesem Tag nicht mehr auf einen grünen Zweig komme.

Eine Gruppe schwarz gekleideter betrat die Gaststätte. Die Farbe ihrer Kleidung reichte von blauschwarz über tiefschwarz bis pechschwarz. Anscheinend eine Trauergesellschaft. Besonders auffällig wirkte eine Schwarzhaarige, die in Begleitung eines Schwarzen kam und eine schwarze Rose in der Hand trug. “Sie sieht aus wie die spanische schwarze Madonna”, flüsterte Gustav. Die schwarzen Augen der Witwe sahen verweint aus. “Auch noch der Schwarzrock”, so nannte Felix die Pfarrer, “der fehlte mir gerade.” Dabei dachte er an die eigene schwarze Seele. “Ob der ein Okkultist ist und sich auch an Schwarzen Messen beteiligt?” überlegte Felix. Den Trauergästen wurde Schwarzwälder Kirschtorte serviert. Die hatte den Schwarzwald nie gesehen. Aber das Rezept dafür könnte von dort sein.

Die Skatspieler wollten die anderen nicht durch ihre manchmal lautstarken Äußerungen stören und brachen deshalb ihr Spiel ab. Leise unterhielten sie sich über längst vergangene Zeiten, über den Schwarzhandel und ihre Erfolge und Misserfolge auf dem Schwarzmarkt. Felix erinnerte sich, dass er als Junge mit anderen Kindern “Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?” spielte. Dabei dachten sie nicht an den Schornsteinfeger, denn der brächte einem Glück, wenn man ihn berührt. Ohne sich darüber klar zu sein, meinten sie damit Schwarzafrikaner oder Neger, vor denen man Angst haben müsse. Sie wussten nicht, dass sie damit Rassendiskriminierung ausübten. Felix erzählte, dass er in der Familie das schwarze Schaf gewesen sei und jedes Mal wurde ihm der Schwarze Peter zugeschoben, wenn ein Unheil angerichtet war. “Dann warst du vielleicht auch der Erfinder des Schwarzpulvers”, spöttelte Gustav. “Quatsch, das war doch ein Mönch. Wie hieß er doch? Ach ja, ich hab’s. Das war Berthold Schwarz. So wird jedenfalls behauptet”, erwiderte Felix. Das Gespräch wandte sich der Gegenwart zu. Schwarzfahrer müssten viel mehr zur Kasse gebeten werden, äußerte Gustav. Der bisher schweigsam gebliebene Herrmann, der dritte der Runde, warf ein, viele Betriebe würden schwarze Zahlen schreiben, weil sie Schwarzarbeiter beschäftigen. Diese Auffassung lehnten Felix und Gustav ab. Aber alle drei waren sich einig, dass noch vieles im Argen liege, es aber keinen Grund gebe, die Zukunft schwarz zu malen. Auch die Schwarz - Weiß - Malerei verurteilten sie, denn es gebe viele Grautöne dazwischen. Damit würden sie an Schnitzlers “Schwarzer Kanal” erinnern, warf Gustav ein. Über die USA - Regierung schimpfte Herrmann. Die müsste man alle einsperren, bis sie schwarz werden. Die faseln von der Bedrohung durch den Irak, in Wirklichkeit denken sie aber an das schwarze Gold im nahen Osten und wollen am Krieg verdienen. “Hört auf mit Politik”, forderte Gustav. “Sagt mir lieber, wann die Operette Schwarzwaldmädel wieder gespielt wird.” Felix sprach von seinen Urlaubsplänen. Er wolle durch das Schwarzerdegebiet ans Schwarze Meer fahren und hoffe, die Schwarzmeerflotte, vielleicht auch Schwarzwale zu sehen. Aber am Wochenende gehe er erst mal zur Jagd. Am Schwarzen Brett habe er davon gelesen, Schwarzkittel sollen erlegt werden. Als Gemüse gebe es dann zum Schweinebraten Schwarzwurzel. Wenn er mal in Mecklenburg sei, esse er Schwarzsauer. Es ist ein süßsaures Gericht aus Fleischstücken, Blut und Backobst. “Igittegit”, murmelte Herrmann und Gustav begann zu witzeln: “Pass auf, dass du bei der Jagd nicht aus Versehen in einen Schwarzdornbusch fällst und eine Schwarzdrossel oder einen Schwarzstorch erschießt oder von einer Schwarzen Witwe gebissen wirst.” “Dein schwarzer Humor gefällt mir”, gab Felix grinsend zur Antwort. “Aber habe keine Bange, denn ich habe von einem Schwarzkünstler schwarze Magie gelernt” und er ergänzte, “jemand wolle den Magier anschwärzen, denn der hätte Berufsgeheimnisse ausgeplaudert.” Ein Zeitungsjunge, die Melodie von “schwarzbraun ist die Haselnuss” summend, trat in die Gaststätte. Er stöhnte über die Hitze. Der Asphalt werde schon weich und man bliebe in der Schwarzdecke fast kleben. Die Zeitung, die ein Schwarzbuch über Machenschaften einer verbotenen Organisation ankündigte und den Schwarzdruck eines Bestsellers verurteilte, stank nach Druckerschwärze. Die Zeitung meldete, dass in Afrika wieder Fälle des Schwarzen Todes festgestellt wurden. Aber die Behörden hätten Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pest ergriffen. Eine andere Meldung besagte, in einem Sternbild wäre ein bisher unbekanntes Schwarzes Loch entdeckt worden. Herrmann knurrte, die politischen Beiträge dieser Zeitung würden ihm nicht gefallen, denn sie seien immer schwarz - weiß - kariert. Der Kuckuck ließ seinen Ruf zwölfmal ertönen. Deshalb begaben sich die Skatspieler an ihren heimischen Herd.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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