Schon gehört?


Dieter Rietz


Es war Tradition geworden. An jedem Samstagabend im Sommer. Wenn das Wetter es erlaubte, saßen die älteren Bauern au der Bank am Feuerlöschteich. Sie sprachen über Feldarbeit, zu erwartende Ernteerträge und das Vieh. In ihrem Leben hatte sie nie etwas anderes interessiert. Und nun, wo sie im so genannten Altenteil ihrer Höfe lebten, lobten oder kritisierten sie die Arbeit und Erfolge oder Misserfolge ihrer Kinder. Von Politik wollten die Alten nichts hören. Auch wenn Alfred behauptete, den Politikern würden die Ohren schlackern und sie würden sie anlegen, wenn sie die Ohren an der Masse hätten, predigte er tauben Ohren. Seine Worte gingen in ein Ohr hinein und aus dem anderen hinaus. Die Bauern wollten nichts davon hören, dass der Bevölkerung das Fell über die Ohren gezogen und sie übers Ohr gehauen würde. Eigentlich müssten sie ihm Recht geben, wenn sie an ihr eigenes Leben dachten. Aber sie sagten, Alfred hätte einen kleinen Mann im Ohr und solle ihnen nicht ständig mit Politik in den Ohren liegen. Die wäre für sie ein rotes Tuch und sie ließen sich keinen Floh ins Ohr setzen, dass sie etwas ändern könnten. An dieser Meinung hielten sie fest, weil sie nach dem Motto: “Sup di satt un fret die dick, un holl dien Mul von Politik” erzogen wurden und dem treu bleiben wollten.

Franz, einer der Gruppe, erlitt vor Jahren einen Hörsturz und war seitdem schwerhörig. Ein Hörgerät wollte er nicht, ging auch zu keinem Ohrenarzt. Des Öfteren klagte er, sie sollten lauter sprechen, nicht nur flüstern. Deshalb brüllten sie ihm, wenn es ihnen notwendig erschien, ins Ohr. Egon spöttelte, der Franz säße auf den Ohren, müsse mal die Füße waschen, damit das Ohrenschmalz absacken könne. Keiner wusste, dass Franz lernte, von den Lippen abzulesen und staunten, als er Egon wütend anfuhr, er wisse, dass er ein Schlitzohr sei, es faustdick hinter den Ohren habe, aber die Bemerkung sei zu frech. Am liebsten würde er dem Egon die Ohren lang ziehen oder ihm eins hinter die Ohren geben, so dass ihm Hören und Sehen verginge. Doch um die Ohrfeige wäre es zu schade, denn Egon habe ja noch die Eierschalen hinter den Ohren und müsse sich erstmal den Wind um die Ohren pfeifen lassen. Bei dieser Antwort wurde Egon rot bis über beide Ohren und ließ sie hängen. Aber Schlappohren bekam er nicht.

Alfred hatte nur mit halbem Ohr zugehört, denn er dachte, als seine Ohren klangen, daran, was er von seiner Frau zu hören bekomme, wenn sie erfuhr, dass er wieder politisierte. Sie lag ihm ständig in den Ohren, es zu unterlassen. Das solle er sich endlich einmal hinter die Ohren schreiben, jammerte sie ihm diese ständig voll. Jemand zischelte Alfred hinters Ohr, er höre doch sogar das Gras wachsen. Ob er etwas Genaueres über die Gesundheitsreform wisse. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass Pläne bestünden, die unerhört seien. Alfred wurde ganz Ohr. Er sperrte die Ohren weit auf, in der Hoffnung, etwas Neues zu erfahren.

Egon brachte das Gespräch auf einen Bauern aus dem Nachbardorf. Der sei bis über beide Ohren verschuldet. Viele hätten ihn gewarnt. Aber, wer nicht hören will, muss fühlen. Nun müsse er die Ohren steif halten. Das war den Bauern neu und Egon fragte, ob sie keine Ohren hätten. Das wäre seit Tagen Dorfgespräch, denn die Wände hätten Ohren. Die Leute wären hellhörig geworden. Doch die Alten erwiderten, den Mann kennten sie nur vom “Hören-Sagen”.

Aus dem in der Nähe stehenden Dorfgasthof klang seit längerem leise Musik. Eine kleine Kapelle spielte für die “reifere Jugend” Ohrwürmer. Die Melodien hatten die meisten noch im Ohr. Es war für sie ein Ohrenschmaus. Zu vorgerückter Stunde ertönte ohrenbetäubende Diskomusik. Die gefiel den alten Bauern nicht. Vor allem die Lautstärke. Am liebsten hätten sie sich die Ohren zugehalten. Nur Franz strahlte über die Klänge. Die Disk-Jockeys würden eines Tages einen gewaltigen Gehörschaden erleiden, auch wenn sie Gehörschutz anwenden, äußerte Alfred und sagte, einen Ausdruck seines Enkels gebrauchend, er würde sich gleich niederlegen und an der Matratze horchen, denn die vergangene Nacht habe er sich um die Ohren geschlagen. Ob ihn die “Neue” endlich erhört habe und ob seine Frau von dieser Liebschaft wisse, fragte Egon unüberhörbar, bekam aber keine Antwort. Alfred hatte anscheinend weggehört oder tat zumindest so. Schmunzelnd gingen die Alten auseinander.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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