Rabenmütter


Dieter Rietz     ( 2004 )


“Die Wohnung ist zu klein, wir brauchen mehr Platz”, behauptete der Vater, der tausend Jahre alt werden wollte, und er ließ seine erwachsenen Söhne in die Nachbarwohnungen und -Häuser eindringen. Aber die Nachbarn wollten nicht einsehen, dass sie Platz machen und Hab und Gut unserer Familie überlassen sollten. Die Eindringlinge wurden heimgejagt. Endlich hatte ein mächtiger Sturmwind die Gewitterwolken, aus denen unter ohrenbetäubendem Krachen viele Blitze zuckten, und die so manches Haus in Brand gerieten ließen, fortgeblasen. Weil des Vaters Pläne fehlgeschlagen waren, übergab er seine Seele dem Teufel. Unsere Wohnung war vom Gewitter auch nicht verschont geblieben, doch konnte ich, der achtjährige, endlich ruhig schlafen, lernte aber Herrn Hunger kennen. Er sei ein verspäteter Bote des Vaters, erzählte er mir.

Wir mussten in unserer Wohnung nun enger zusammenrücken, denn Verwandte, die schon lange in Nachbarwohnungen lebten, wurden gezwungen, fortan bei uns zu wohnen. Eine uns fremde Tante zog mit ein in unser Zimmer. Sie wollte uns ständig im Blickfeld haben. Weil meine erwachsenen Brüder ihr Schaden zugefügt hatten, nahm sie aus unserem Zimmer wertvolles Möbel und Porzellan. Sie wollte Entschädigung. In den anderen drei Zimmern unserer Wohnung quartierten sich Onkel ein, von denen einer sogar von weither über einen großen Teich gekommen war. Die Onkel waren nicht so gierig. Sie ließen alles stehen. Sie wussten, dass sie dadurch größeren Nutzen hätten.

Eines Tages, ich war vier Jahre älter geworden, und die Linde vor unserem Haus zeigte mir schon die ersten gelbbraunen Blätter, da meinten die Onkel, es wäre besser, die Wohnung zu teilen und den unter ihrer Aufsicht Lebenden eine Mutter zugeben. “Selbstverständlich lassen wir einige unserer Söhne hier, um euch vor denen da drüben zu schützen”, sagten die Onkel. Der Tante gefiel diese Idee nicht. Aber was sollte sie machen? So bekam ich einen Monat später auch eine Mutter. Söhne der Tante blieben.

Beide Mütter waren unerfahren. Deshalb lernten sie von den Onkeln beziehungsweise von der Tante und suchten sich Berater. Der Mutter im größeren und reichlicher ausgestatteten Teil der Wohnung wurde eingeschärft, dass ihre Kinder hart arbeiten und die Ellbogen gebrauchen müssten, wenn sie kräftig werfen wollten. Diesen Tipp beachtete die Mutter und gab ihren Kindern bunte, schön geschliffene Glasperlen. Unsere Mutter drückte uns matt schimmernde Tonmurmeln in die Hand.

Nur weil sich viele meiner Brüder und Schwestern oft gestritten hatten, konnte der Vater, als er noch lebte, mit ihnen machen was er wollte, sagten die Lehrmeister meiner Mutter, und sie würden jetzt darauf achten, dass es keinen Streit mehr gebe. Unsere Mutter freute sich und befolgte alle Hinweise, die Faulen tadelte sie nicht, aber nahm den Fleißigen die Ersparnisse, denn wir Kinder müssten uns gegenseitig helfen.

Oft besuchten uns die Geschwister aus dem größeren Teil der Wohnung. Sie prahlten mit ihren bunten Perlen, aber tauschten sie gern gegen unsere schäbigen ein. Für eine Glasperle ließen sie sich zu Hause 3 oder 4 oder 5 tönerne Murmeln geben und nahmen für eine davon ein Brot oder eine Bockwurst mit. Sie wären dumm, wenn sie es nicht täten, meinten die Brüder und Schwestern, denn daheim müssten sie eine Glasperle dafür geben. Dann spotteten sie über unsere teuren Pappschachteln, vergaßen aber mitzuteilen, dass sie in ihrem Bereich für einen Schlafplatz viel mehr Perlen geben müssen, als wir in unserem.

“Kommt zu mir. Da bekommt ihr auch glänzende Perlen und könnt alles machen was ihr wollt. Ich mache euch keine Vorschriften.”, lockte die Glasperlen-Mutter und viele, viele meiner Geschwister folgten ihrem Ruf. “Ich müsste etwas dagegen tun. Aber was?” überlegte meine Mutter. “Ganz einfach”, antworteten ihr die Ratgeber. “Nagel doch Bretter vor die Tür.” An einem heißen Sonntag machte es die Mutter. “Endlich”, riefen einige meiner Brüder und Schwestern. Viele sahen unserer Mutter gleichgültig, manche wutschnaubend zu. Die meisten waren bestürzt, aber keiner wagte, offen zu schimpfen. In diesen Minuten erfassten wir noch nicht, dass wir von nun an eingesperrt waren. Bis dahin konnten wir, wenn wir wollten und genügend Tonmurmeln besaßen, auch in fremde Nachbarwohnungen. Die Veränderung kam zu überraschend für uns. Jahre später verkündete der größte Berater unserer Mutter, die Eichenbretter blieben noch hundert Jahre, wenn sich nichts ändere.

Weil sie nicht mehr im Zimmer eingesperrt sein wollten, kletterten manche Waghalsige aus dem Fenster. Nur wenige hatten Glück dabei. Viele verstauchten sich das Bein, einige brachen sich das Genick.

Zu einer Kletterpartie verspürte ich keine Lust. Deshalb bat ich meine Mutter um Erlaubnis, ins andere Zimmer gehen zu dürfen, denn mein Bruder feiere dort Geburtstag. Ich wäre noch zu jung und mir könnte dort etwas passieren, erwiderte die Mutter. Wenn ich Rentner sei, hätte sie keine Einwände, könne mir aber nur 15 Glasperlen geben. Sollte mein Bruder im Sterben liegen, dürfe ich an einen Besuch denken. Ob sie mir die Tür dann öffne, könne sie aber nicht versprechen, sagte sie auch noch.

Ich verstand die Mutter nicht. Hatte sie Angst? Wovor? Oder wollten es die Berater so, weil sie fürchteten, ich könnte sie noch durchschauen?

Mit schönen Worten und Plänen trösteten uns die Berater und versprachen, für ein Schlaraffenland zu sorgen. Das verwirklichten sie auch, ohne dass wir es wahrnahmen, denn es war in einer Zimmerecke, wohin sie sich zurückgezogen hatten und mit Decken vor neugierigen Blicken schützten. Wir sollten nicht sehen, wie sie mit glitzernden Glasperlen spielten.

In unserem Zimmer fielen die Möbel trotz häufigen Leimens zusehends auseinander. Neues Geschirr aufzutreiben wurde immer schwieriger und unsere Kleidung noch fadenscheiniger. Wie Hohn und Spott klang es deshalb in unseren Ohren, wenn wir von den Ratgebern hörten, was wir unter ihrer Leitung alles geschaffen hätten. Einige meiner Geschwister rümpften über diese Behauptung die Nase, andere murrten leise, manche vernehmlich. Diese Unartigen sperrte die Mutter in den Keller. Misstrauisch beobachteten wir einander, weil keiner von uns wusste, wer der Mutter die Namen der Bösen ins Ohr flüsterte. Die Petzer bekamen nicht nur Bonbon sondern Wertvolles dafür, und die Berater lachten sich eins ins Fäustchen.

Die Tante schwieg. Sie wollte meiner Mutter keine Vorschriften mehr machen, weil sie schon lange erwachsen sei.

An unseren Vater dachte kaum noch jemand. Er war ja bereits 40 Jahre tot, als die Tante daheim große Sorgen hatte und sich deshalb entschloss, ihre Haushaltsführung zu ändern und ein neues Kochrezept auszuprobieren. Die Tante wollte meine Mutter dazu auch anregen, die vertraute lieber dem Lob der Ratgeber. So wurde unser Mittagessen immer eintöniger und kraftloser und die Mutter ständig schwächer. Einige meiner Geschwister resignierten, wurden liederlich oder gar faul. Andere schlichen sich durch Nachbarwohnungen, um zu der anderen, der kräftigen Mutter zu gelangen.

Die Berater meiner Mutter taten so, als sähen sie nicht, wie deren Lebenskraft allmählich versiegte und ließen zu ihrem 40.Geburtstag ein großes Fest veranstalten, weil sie sich wieder einmal feiern lassen wollten. In unserem Zimmer wuchs die Unruhe. An einigen Stellen war zu hören: “Falsche Propheten!”, “Rabenmutter!”, “Wir wollen nicht nur aus dem Fenster sehen dürfen!”. Der Keller wurde übervoll, und nicht nur dort wandelten sich die leisen Rufe in laute Schreie. “Ich liebe euch doch alle!” höhnte eine zitternde Stimme aus dem Kreis der Lehrmeister, die jetzt schlaflose Nächte hatten.

Einer von ihnen, er hatte sich selten sehen lassen, trat in unsere Mitte und verkündete mit gewinnendem Lächeln: “Ein neues Lied, ein besseres Lied, oh Freunde, will ich euch singen.” “Glaubt ihm nicht!”, “Lasst ihn beweisen, dass er es ehrlich meint!” schrieen meine Geschwister durcheinander und stutzten, als der Lächelnde alle übertönte: “Ich habe der Mutter befohlen, die Tür zu öffnen. Ihr könnt überall hingehen, aber nur wenige Glasperlen mitbekommen.” In unser Zimmer zog keine Ruhe ein. “Das sind doch die alten geblieben. Sie tragen nur ein neues Mäntelchen. Fort mit ihnen!” Still zog sich der Lächelnde zurück.

“Wir wollen uns an einen Tisch setzen und gemeinsam überlegen, wie wir Mutter helfen können”, sagte dann ein Besonnener. Aber meine Geschwister blieben misstrauisch. Einige von ihnen verlangten, die Mutter solle nicht immer nur im leuchtend roten Kleid rumlaufen und von uns Kindern verlangen, dass wir einen blauen Schal mit einer goldenen Sonne tragen. “Einverstanden”, sagte der Besonnene, obwohl ihm rot gefiel.

Vor uns wurde nun Kleidung in verschiedenen Farben ausgebreitet. “Ich bin für grün”, sagte einer. “Gelb ist schöner”, rief ein anderer. “Wer für hellrot ist, kommt zu mir!” “Her zu mir, schwarz ist Mode!” Es bildeten sich Grüppchen und Gruppen. Ein Bruder wollte braun. Er blieb fast allein. Gelb und tiefschwarz gefielen auch nicht besonders, grün schon eher und um den, der hellrot gerufen hatte, scharten sich mehr als um den Besonnenen. Aber die meisten gingen zum Musischen, der von der Modefarbe gesprochen hatte. Die Frühlingssonne lächelte über unsere Rangelei.

“Meine Kräfte haben nachgelassen. Kümmere dich um die Kinder”, sagte die Mutter zu dem Musischen. “Wir wollen Glasperlen!” “Die Wohnung darf nicht länger geteilt bleiben!” forderten jetzt viele meiner Geschwister und einige flehten die Glasperlen - Mutter an: “Hilf uns. Wir sind doch eine Familie.” Mit den glänzenden Perlen sei es einfach, erwiderte diese. Sie sei großzügig und gebe uns für zwei tönerne eine gläserne Kugel. Aber mit der Wohnung wäre es schwierig, denn noch lebe unsere Mutter und habe ihren letzten Willen bis jetzt nicht kundgetan. Einer meiner Brüder werde es für unsere Mutter erledigen, meinte der Musische daraufhin. Ob es der Geschickteste war? Apathisch stimmte meine auf dem Krankenbett liegende Mutter zu. Kaum hatte sie ihr Testament unterzeichnet, schloss sie für immer die Augen.

Still stehe ich an der Totenbahre und denke an die verflossene Zeit. Beweinen kann ich dich, meine Mutter, nicht, denn gern hätte ich ein angenehmeres Leben gehabt. Trotzdem werde ich dich nicht verachten, weil ich dir auch gutes verdanke. Ob meine Geschwister in unserem Zimmer ähnliche Gedanken haben?

“Endlich ist unsere Wohnung nicht mehr geteilt, wir sind wieder eine Familie!” jubeln viele und die kräftige Mutter sagt, sie wolle fortan auch die unsrige sein. Die Tante und die Onkel hatten zuvor ihren Segen gegeben und wünschten uns ein friedliches, glückliches Leben.

“Was machen wir nun mit euren Möbeln?” fragte die neue Mutter. Sie beschloss, einen Händler einzusetzen. Der verkaufte die paar wertvollen antiken Möbel, die wir noch besaßen, an reiche Brüder in den anderen Zimmern unserer jetzt vereinten Wohnung. Die weniger guten Sachen verjubelte er für eine Glasperle.

Die neue Mutter sagte auch, ich solle mich jetzt erstmal ausruhen, ich könne mal wieder lesen, vielleicht ein Märchen, denn sie erzähle ihren Kindern gerne welche. Mein Blick fiel auf Hauffs “Das kalte Herz” und nun muss ich immer an Peter Munk denken, der den Holländermichel besucht hatte.

Wir haben nun schon viele Jahre die glänzenden Perlen und dürfen in andere Wohnungen, so oft wir wollen. Aber viele meiner Schwestern und Brüder sind nicht mehr glücklich, denn sie bemerken immer stärker, dass das kalte Herz der neuen Mutter keine Wärme ausstrahlt.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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