Proteste


Dieter Rietz     ( 1997 )


Nobel, der Löwe und König aller Tiere, eröffnete die Versammlung.
“Meine Damen und Herren Tiere. Hier und heute hat jeder von Ihnen die Möglichkeit, seine Klagen über Schmähungen und Beleidigungen, die Ihnen von den Menschen zugefügt wurden, vorzubringen. Die Herren Reineke, der Fuchs, und Isegrim, der Wolf, werden alle Aussagen protokollieren.”

Zustimmend nickten die versammelten Tiere. Einige klatschten begeistert mit dem Schwanz auf die Erde. Als erste meldete sich Frau Kratzfuß, die Henne zu Wort: “Ich vernahm schon oft, dass ein Mensch zum anderen sagte: ’Du dummes Huhn’” Schwein, Kuh, Gans, Pute und Hund riefen im Chor: “So etwas erleben wir auch oft! Manches Mal sogar der Ausdruck ’blöde’.” Leise meckerte die Ziege: “Das kenne ich, und es kommt vor, dass junge Mädchen als alte Ziege bezeichnet werden. Manchmal sagen die Leute, das Kind habe Ziegenpeter. Ich frage Sie, was hat mein Sohn mit deren Kinderkrankheiten zu tun?” Wackerlos, der Hund, jaulte dazwischen: “Richtig. Wie kann ein Mensch vom anderen behaupten, er sei ein Hundesohn oder ein Schweinehund? Was soll die Behauptung, auf den Hund kommen?”

"“Aus hygienischen Gründen wälze ich mich im Schmutz. Aber woher nehmen die Menschen das Recht, von einem Dreckschwein zu sprechen?” grunzte ein Eber. Gelassen brummte der Ochse: “Ich habe keine Einwände, wenn sich die Menschen als Hornochse oder Rindvieh betrachten.” Zustimmend nickte das Kamel: “Ich denke ebenso, auch wenn sie von einigen behaupten, sie seien Trampeltiere.”

“Ach, die gebrauchen die unmöglichsten Ausdrücke, zum Beispiel lammfromm, obwohl ich in keine Kirche gehe”, meldete sich ein Schäfchen, und dessen Vater setzte hinzu, manche Menschen ließen sich ins Bockshorn jagen, und es herrsche Schafskälte. Er sei doch nicht für das Wetter verantwortlich.” “Ich auch nicht. Was soll also Saukälte?” warf die Frau des Eber ein. Ein Affe murmelte: “Affenhitze stört mich nicht, aber Affenarsch. Ich frage Sie, was hat mein Hinterteil mit einem Menschen gemeinsam?” Herr Lamprecht, der Hase, mümmelte: “Ich finde es beleidigend, wenn ich Angsthase höre.”

“Ich dagegen krähe übermütig, wenn ein Mensch als Hahnrei oder eine Festlegung als hanebüchen eingestuft wird”, verkündete Herr Henning, der Hahn. “Wenn eine Person in Katzenjammer ausbricht oder einen Kater hat, kann ich auch nur lachen”, meinte Hinz, der Kater. “Ich reg mich auch nicht auf, wenn die Leute von anderen sagen, die seien aalglatt und ein Fischkopp”, presste der Karpfen zwischen den Kiemen hindurch.

Herr Braun, der Bär, brummte: “Was meinen die Menschen, wenn sie von Bären- oder Wolfshunger sprechen? Und woher wollen die wissen, wie groß mein oder Herrn Isegrims Appetit ist? Das ist doch absurd.”

“Ich kann mich nur lobend über die Menschen äußern, denn ich vernahm sehr oft, ein Kind sei fleißig wie eine Biene”, summte Frau Imme.

“Eigenlob”, zischelte die Schlange. Herr Reineke meldete sich zum Schluss: “Ich möchte fuchsteufelswild werden, wenn ich daran denke, dass die Menschen meine Rute als Fuchsschwanz bezeichnen und damit eine Säge meinen.”

“Entschuldigung, dass ich jetzt erst komme”, keuchte fast atemlos die Schnecke. “Ich habe mich so beeilt, aber … vielleicht spotten die Menschen deshalb über Schneckentempo. Jedoch will ich mich darüber beschweren, dass sie ein Gebäck mit ’Schnecke’ bezeichnen. Einige wollen sich in mein Haus verkriechen, doch das dulde ich nicht.”

Herr Nobel, der Löwe, erklärt: “Da keine weiteren Wortmeldungen vorliegen, beauftrage ich die Herren Reineke, Isegrim und Grimbart, den Dachs, dem Tierschutzverein das Protokoll mit den Klagen zu überbringen. Herr Lamprecht in seiner Funktion als Osterhase legt allen Menschen einen Appell “Achtet die Würde der Tiere” ins Osternest!”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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