Pflegefall


Dieter Rietz     ( 1995 )


Ein heimtückisches Leiden fesselt Max seit einem Jahr fast ständig ans Bett. Der Hausarzt ist ratlos und sagt lakonisch: “Sie sind ein Pflegefall.” Drei-, viermal in der Woche kümmern sich abwechselnd Tochter und Schwiegertochter um den Kranken. Doch ihre Zeit ist knapp bemessen. Sie können nur die Wohnung sauber halten, die Wäsche besorgen, Einkäufe tätigen und einmal wöchentlich die 7-Tage-Verpflegung des “Essen auf Rädern” in Empfang nehmen. Wenn der alte Herr nicht die Kraft aufbringen kann, sein Mittagsmahl in der Mikrowelle zu erhitzen, erledigen sie auch das für ihn. Gern würde Max seinen Kindern regelmäßig Geld zukommen lassen, jedoch ist seine Rente karg. Anträge auf Sozialhilfe wurden abgelehnt, weil der Rentenzahlbetrag geringfügig über der zulässigen Bemessungsgrenze liegt.

Seit einiger Zeit ist Max hoffnungsvoll, denn nun gibt es Pflegegeld. Die Formulare ließ er ausfüllen und wartet nun auf den Bescheid. Nachts träumt er, dass er in Geld schwimmen wird.. Da vernimmt er eine geheimnisvolle Stimme: “Mache dir keine übertriebenen Hoffnungen. Die sind knauserig, wenn sie zahlen sollen. Selbst wenn du mit dem Kopf unter dem Arm erscheinst, fragen sie dich, ob es deiner sei.”

“Stimmt das?” murmelt Max ängstlich, bekommt aber keine Antwort.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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