Meyer


Dieter Rietz     ( 1991 )


“Hast du das gelesen, Franz? Die Berliner Stadtreinigung schmeißt einen Haufen Leute raus, die bei der Stasi gearbeitet hatten, weil im öffentlichen Dienst dürfen keine ehemaligen Stasimitarbeiter beschäftigt werden, nicht mal als Straßenkehrer. Na, mir ist’s egal, aber wenn ich an den aus unserem Nachbareingang denke, der war Koch bei der Stasi, bloß Koch, und jetzt will ihn keiner einstellen. Ein, zwei Monate war er da drüben in der Gaststätte als Koch. Aber als der Kneiper das mitkriegte, das mit der Stasi, da flog er.” “Ja, ja, Emil. Wer hätte das gedacht? Vor zwei Jahren haben wir gefordert, Stasimitarbeiter in die Produktion, und jetzt werden sie alle wie Verbrecher angeseh’n. Man sollte sich die Leute doch richtig ankucken, ehe man sie verurteilt, und weißt du, Emil, von vielen behauptet man sie wären bei der Stasi gewesen, obwohl das gar nicht stimmt. Da werden die Leute einfach verdächtigt. Ich mach so was nicht! Aber der Meyer aus Werk II, den wirst du kaum kennen, der müsste hinter Schloss und Riegel. Aber ne, der ist Abteilungsleiter in irgend so ’ner GmbH, und dein Koch sitzt auf der Straße. Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit? Kannst du mir das sagen, Emil?” “Du bist gut, Franz. Wie soll ich das beurteilen, wenn ich den Meyer gar nicht kenne. Wer ist denn das?” “Ein Lump! Aber das weiß ich erst seit paar Tagen, und leider kann ich’s nicht beweisen.” “Dann kannst du so etwas doch nicht behaupten, Franz.” “Nu hör mir mal zu, Emil. Jahrelang arbeitete ich mit Meyer in einer Abteilung. Alle glaubten, er sei ein Kumpel, und jetzt stellt sich so was ’raus.” “Mensch, Franz, mach’s nicht so spannend.”

“Am Wochenende war ich drüben in Köln, und da lief mir ein ehemaliger Kollege über’n Weg. 1987 hatten sie ihm zehn Jahre aufgebrummt wegen Spionage und Vorbereitung zur Republikflucht. Das hatte damals bei uns in der Abteilung ganz schön Staub aufgewirbelt. Bei einem Bierchen erzählte mir der Kollege seine Geschichte. Im Frühjahr 1989 hatten sie ihn in die BRD abgeschoben und in der langen Zeit, die er im Knast war, hätte er immer überlegt, wer ihn verpfiffen haben könnte, und er wäre immer mehr zur Überzeugung gekommen, das konnte nur Meyer gewesen sein. Nur dem hätte er, drei oder vier Wochen vor der Verhaftung, im Suff anvertraut, ihm würde in der DDR der Boden zu heiß, und er würde bald verduften. Er hätte ja nicht geahnt, dass der Meyer bei der Stasi ist. Ich widersprach dem Kollegen. Aber der entgegnete, ich solle mal an die anderen aus der Abteilung denken, die im Knast gelandet waren. Scheißfreundlich hatte sich Meyer an die ’rangemacht, und dann waren sie weg. Der Meyer war garantiert bei der Stasi, sagte der Kollege. Aber ich hätte doch auch viel und oft mit Meyer gequatscht, erwiderte ich ihm und bekam zu hören, ich hätte ja auch immer brav die Linie der Partei vertreten, und die anderen hätten das Maul auch bei unpassenden Gelegenheiten aufgerissen, und nur Meyer kann sie verpfiffen haben.

“Siehste Emil, deshalb gehört der Meyer, dieses Stasischwein, endlich hinter Gitter. Aber dem passiert ja nichts. Wer weiß, wer den deckt.” “Warst du schon bei der Polizei, Franz?” “Wieso?” “Den Meyer anzeigen.” “Sag mal, Emil, hältst du mich für blöd? Ich weiß von Meyer doch gar nichts.”

(c) Dieter Rietz / Pirna


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