Mein Vater erzählte


Dieter Rietz     ( 1999 )


In der Dorfschule

Im Klassenzimmer der Dorfschule saßen vor dem ersten Weltkrieg 15 Kinder. Vielleicht waren es auch 20. Sie waren Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 4. Manchmal gehörten nur drei Kinder zu einer Klassenstufe. Ein Lehrer unterrichtete alle. Während die Schüler einer Klasse Rechenaufgaben lösten, malten andere, übten das Schreiben oder Lesen. Während der Lehrer hinter dem Tisch thronte, und die Kinder beobachtete, sog er genießerisch Schnupftabak ein. Lautes Niesen war die Folge, und die mit dem Lesebuch Beschäftigten riefen im Chor: “Gesundheit, Herr Lehrer!"
“Danke, ihr Kinder. Lest weiter im Text."
Dieser Wortwechsel erfolgte mehrfach, bis der Lehrer beim Schnupfen eine Pause einlegte.
Hatten die Kinder ein Diktat geschrieben, war es üblich, dass sie für jeden Fehler einen Hieb mit dem Rohrstock auf die ausgestreckte Hand erhielten. Die Schülerinnen und Schüler traten vor, um ihre Strafe hinzunehmen. Aber ein Junge reagierte nicht. “Martin, hast du keine Fehler im Diktat?"
“Ich weiß nicht, Herr Lehrer. Am Rand sind nur rote Vögel gemalt."
“Was, Vögel? Komm vor mit deinem Heft und bück dich."
Ehe der Lehrer ausholen konnte, ergriff der kräftige Martin das andere Ende des Stockes. Freudig schauten die Kinder der Kraftprobe zu. Da der Junge nicht losließ, wurde er über den Tisch gezerrt, so dass sein Kopf nach unten hing. Martin nutzte diese Lage und biss dem Lehrer ins Bein. Der heulte vor Schmerzen auf, ließ den Rohrstock fallen und rannte aus dem Klassenzimmer. An diesem Tag endete damit der Unterricht. Martins älterer Schwester wurde ein Brief an die Eltern mitgegeben, in dem eine Bestrafung des Jungen gefordert wurde. Sein Vater befragte ihn nach dem Hergang und lehnte eine Züchtigung ab. Martin bekam in der Schule nie mehr einen Schlag.


Die Zuckertüte

Der Postbote war aufmerksam, hilfsbereit. Martin und Theo wollten ihm einen Streich spielen. Sie wussten, dass er heute komme. Eine Tüte füllten sie mit ihrem verdauten Frühstück, schlossen sie sorgfältig und legten sie an den Wegrand. Wie erwartet, nahm er sie mit nach dem abgelegenen Wohnhaus der Brüder. “Frau Müller, Sie waren heute doch einkaufen. Die Zuckertüte haben Sie verloren. Hier ist sie." “Zucker? Na geben Sie mal her." Sie öffnete die Tüte. “Das können nur die Bengels gewesen sein."


Muh!

In der kleinen Schlafstube mussten Martin und Theo in einem Bett schlafen. Sie waren noch nicht müde. Deshalb schlug Martin vor, sie könnten Kuh spielen. Laut riefen sie: “Muh! Muh!" Ihr Vater, ein Waldarbeiter, mahnte zur Ruhe. Aber es ging weiter: “Muh! Muh!" Da das Muhen kein Ende nahm, verdrosch der Vater den vorne liegenden Theo. Der wollte weinen. Aber Martin tröstete ihn flüsternd: “Komm, wir tauschen die Plätze und machen weiter." “Muh! Muh! Muh!" Der erboste Vater sprang aus dem Bett und sagte sich, jetzt bekommt der hinten was. Nun hatte Theo keine Lust mehr, Kuh zu spielen.


Feuermachen

Der Vater wollte Feuer machen. Aber das Holz war noch nicht trocken genug und glimmte bloß. Da er sich nicht am Ofen wärmen konnte, wollte er es wenigstens von innen und schickte Martin los, eine Buddel zu holen. Der Junge fragte nicht, was er kaufen solle und ließ sich vom Krämer Petroleum geben. Nach einem Weilchen überreichte er dem Vater, der immer noch vor dem Ofen kauerte, die Flasche. Der nahm einen kräftigen Schluck und spuckte sofort aus. Nun brannte das Holz.


Kaffee

Martin war noch Junggeselle und wohnte in einem Zimmer in der Altstadt, wo es weder Strom noch Gas gab. Zum Mittag hatte er sich auf dem Spirituskocher Pferdewürstchen heiß gemacht. Überraschend erschien seine Mutter zu Besuch. Er wollte ihr eine Freude machen und bot ihr Kaffee an. Da das Wasser noch heiß war, brühte er ihn gleich auf. Im Dämmerlicht des Zimmers sah er die kaum wahrnehmbaren Fettaugen auf dem Kaffee. Sie erinnerten ihn an die Würstchen. Aber nun war es zu spät. Was dachte sich die Mutter? Martin erfuhr es nie.


Arbeitslos

Martin war arbeitslos und musste sich jede Woche bei der Arbeitsvermittlungsstelle melden, um einen Stempelaufdruck zu erhalten, dass ihm keine Arbeit zugewiesen werden konnte. Merkte Martin, dass vor ihm nur noch wenige standen, fiel ihm ein, er habe eine Bescheinigung vergessen und müsse deshalb wieder heim. Nach der Rückkehr stellte er sich am Ende der Schlange an, nun gewiss, keine Arbeit angeboten zu bekommen. Martin war nicht faul, aber wollte sich zum Arbeitslosengeld etwas dazuverdienen. Auf Jahrmärkten verkaufte er seine einzige Taschenuhr für drei Mark. Zwanzig Schritte weiter ließ er sich erweichen, seine nächste einzige Taschenuhr für nur drei Mark wegzugeben, Die Uhren hatte er bei einer Firma in größerer Stückzahl für je fünfzig Pfennig erworben. So konnte Martin die Arbeitslosigkeit gewinnbringend verkraften.


Schokoladeneier

Martin hatte eine Frau kennen gelernt. Mutter und Schwiegermutter sollten sich bei ihm kennen lernen. Für die Begrüßung kaufte er Schokoladenlikör-Eier. Weil er den Geschmack kennen lernen wollte, verzehrte er einen und wickelte in die Verpackung sorgfältig eine Pellkartoffel ein. Ausgerechnet diese erwischte die Schwiegermutter.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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