Luftiges


Dieter Rietz     ( 2002 )


Eine Lufthülle umgibt uns alle. Auch Franz. Er erlebte milde und raue, warme und eisige, klare und diesige Luft und viele andere Varianten. Einen Einfluss hat immer die Luftströmung.

Manchmal erzählt Franz von seiner Jugendzeit. Da gab es einen Luftmarschall, der sich regelmäßig über die Luftlage und zu erwartende Luftangriffe informieren ließ. Der Luftalarm zwang Franz dann in den Luftschutzkeller und er hoffte, dass die Luftabwehr, zu der auch die Luftwaffe gehörte, erfolgreich sei. An vielen Hauswänden fand man einen Pfeil mit den Buchstaben LSR darüber. Diese wiesen auf einen vorhandenen Luftschutzraum hin. Wenn jemand sagt, das Ganze wäre doch nicht so schlimm gewesen, dann möchte Franz in die Luft gehen.

Von Luftkissenfahrzeugen, Luftschiffen und Luftschiffern und deren Problemen, wenn sie in ein Luftloch geraten, hat er gelesen. Von Luftwegen, Lufthoheit, Luftbrücke und Luftkorridor weiß er. Gegen die ständige Luftraumüberwachung ist er nicht. Aber über zunehmende Luftverschmutzung wettert er und den Luftpiraten möchte er beide Daumen an den Hals pressen, bis ihnen die Atemluft ausgeht. Briefe versendet Franz mit Luftpost. Verräucherte Kneipen meidet er, denn dort ist die Luft oft so dick, dass man sie schneiden kann.

Im Betrieb ist Franz verantwortlich für Luftverdichter, auch Kompressor genannt, für Luftkessel, Druckluftleitungen, Luftschläuche und Druckluftwerkzeuge, die von Laien fälschlicherweise zum Beispiel auch als Presslufthämmer bezeichnet werden. Er kümmert sich auch um die Wartung der Druckluftflaschen der Taucher und weiß von der Druckluftkrankheit, zu der es bei zu schnellem Auftauchen kommt.

Franz ist kein Luftikus und hält nichts von Luftnummern. Sein Chef dagegen baut gerne Luftschlösser. Deshalb machte sich Franz bei einer Beratung Luft. Er holte tief Luft, ehe er seine Argumente lauthals darlegte. Ein Mitarbeiter schnappte nach Luft und rief ihm zu, er solle mal die Luft anhalten. Der Chef erklärte, für ihn sei Franz fortan Luft und er setze ihn an die frische Luft. Ein Luftzug ließ die Tür hinter Franz zuknallen.

Nun hatte er Zeit. Er nahm seine Luftmatratze, in die er die Luft mit dem Mund hineinblasen musste, denn seine Luftpumpe war defekt. Dabei hatte er Glück, dass die Matratze mehrere Luftkammern hatte. Dann begab er sich im Luftkurort zum Freiluftbad. Dort spielten einige Kinder mit Luftballons und Luftschlangen. Andere versuchten an einem Schießstand ihr Glück mit einem Luftgewehr. Franz las in der Zeitung von einem Bergwerksunglück. Die Bergmänner wären in einer Luftblase eingeschlossen. Luftmangel bestünde für sie nicht, aber die Rettungskräfte würden fieberhaft daran arbeiten, eine Frischluftzufuhr zu schaffen. Die Zeitung schrieb auch, dass in der Orbitalstation, die sich im luftleeren Raum befindet, die Luftschleuse defekt sei. In seiner Region falle der Luftdruck noch weiter. Franz wollte nicht noch mehr Hiobsbotschaften lesen. Er blickte zum Aussichtsturm. In Luftlinie gemessen ist er nur 3 km entfernt, aber auf der Straße sind es 10 km. Der Weg dorthin führt am Botanischen Garten vorbei. Dort erfreut sich Franz stets an den Gewächsen mit den langen Luftwurzeln. Da sein Lufthunger gestillt war, begab er sich auf den Heimweg. Ein leichter Lufthauch umwehte ihn. Zu Hause empfing ihn die vom Parfum seiner Frau durchsetzte Stubenluft.

(c) Dieter Rietz / Pirna


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